Das Grauen kommt von allen Seiten

In Zürich feiert eine neue Kinotechnik Europapremiere. Zuschauer sind mitten im Film – ganz ohne 3-D-Brille.

Film von allen Seiten: Im Saal 7 der Arena Cinemas in Zürich gibt es neu drei Leinwände.
Video: Sebastiano Zumstein

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Das riesige Roboterwesen kam aus dem Nichts, und jetzt nähert es sich bedrohlich langsam der Kühlerhaube, durchleuchtet mit seinem roten Scanlicht den Innenraum, während seine Metalltentakel das Auto langsam von allen Seiten umklammern – und wir sitzen mittendrin gefangen. Wir, das ist das Publikum im ersten Screen-X-Kino von Zürich in den Arena Cinemas Sihlcity, dem dritten dieser Art in Europa.

Das Neue daran ist, dass sich der Film nicht nur auf der Leinwand vor uns abspielt, sondern auch an den Wänden rechts und links der Sitzreihen. Die Bilder prasseln von allen Seiten auf uns nieder. Ein ganzes Stück Arbeit für die frontgewohnten Augen und viel zu tun für die Sinne. Vor allem, wenn auf der 270-Grad-Kinoleinwand gerade Action zu sehen ist, Fahrzeuge und Figuren vorbeiflitzen, wenn es aus den Lautsprechern knallt und wummert, dass die Polsterung zu vibrieren beginnt.

Das Spektakel, mittendrin zu sein

Seine ganz Pracht entfaltet diese neue Kinotechnik in ruhigen Sequenzen, in denen die Handlung nicht vorangepeitscht wird. Wenn sich eine Landschaft öffnet und die Zuschauer beispielsweise plötzlich auf einer Insel sitzen. Dann kann man den Blick ruhig schweifen lassen, und das ist wirklich ein Spektakel.

Genau aus diesem Grund sind die Screen-X-Filme auch nicht in voller Länge auf drei Leinwänden zu sehen. «Es sind nur die Szenen, die Weite brauchen, die wir rundum zeigen. Das ist nur bei rund einem Drittel oder der Hälfte des Films der Fall. Dialoge spielen sich beispielsweise nur auf der mittleren Leinwand ab», sagte Edouard A. Stöckli, Inhaber der Arena Cinemas, am Mittwoch bei der Pressevisionierung mit der neuen Technik.

Nur ein Zwischenschritt zum ultimativen Kino

Stöckli erzählt den anwesenden Medienvertretern mit kindlicher Freude von den Vorzügen des neuen Verfahrens. Davon, wie man mitten im Film steckt, Teil davon wird und das ganz ohne 3-D-Brille (die 3-D-Technik funktioniert nach wie vor nur auf einer Leinwand).

Er macht aber auch keinen Hehl daraus, welche Ziele er damit verfolgt: «Es ist ein neues Gimmick, mit dem wir vor allem junge Leute von den Computern weg und in die Kinosäle zurückholen wollen», sagt er. Es sei eine ganz neue Dimension, aber nur ein Zwischenschritt zum ultimativen Kino. Mit der neuen LED-Bild-Technik wäre es auch möglich, Filme an der Decke zu zeigen. Oder auf dem Boden. «Wir sind noch lange nicht fertig.»

Mehr Grusel geht kaum: Der Riesenhai aus dem Film «The Meg» wird im Screen-X-Kino nicht nur die Taucherin umkreisen. (Bild: Screenshot «The Meg»)

Vorerst ist nur der Saal 7 mit diesem aktuellsten Gimmick ausgerüstet. Rund eine halbe Million hat der Umbau gekostet. Lautsprecher mussten versetzt, Lichtquellen an die Decke verschoben werden. Vier Projektoren sind nötig, um die Filme auf allen drei Leinwänden zu zeigen. Die mittlere Leinwand erstreckt sich nun über die gesamte Breite des Raums, die Seitenwände sind für die Projektionen mit einem speziellen Tuch bespannt, das in Korea hergestellt wird. Aus Seoul stammt auch die Firma CJ 4DPLEX, welche das Screen-X-Verfahren entwickelt hat.

Als Nächstes kommt ein Horrorfilm

Derzeit können erst rund 100 Filme mit dem neuen Verfahren gezeigt werden. Allesamt technisch überarbeitete Streifen, die bereits in Kinos liefen. Eigens für drei Leinwände konzipierte Filme gibt es noch nicht. «Wir hoffen, dass sich die Leute von dieser neuen Technik inspirieren lassen und irgendwann auch Autorenfilme auf diese Art gezeigt werden können», sagt Stöckli. Bis drei Leinwände in Kinos Standard sind, dürfte es aber noch zwei bis drei Jahre dauern, deshalb plant Stöckli noch keine weiteren Umbauten.

Dem Publikum steht das neue Kinoerlebnis aber schon ab morgen Donnerstag offen, für die Vorstellung auf drei Leinwänden bezahlt man einen Zuschlag von 4 Franken. Als erster Screen-X-Film steht die Marvel-Produktion «Ant-Man and the Wasp» auf dem Programm. Weitere angekündigte Filme für dieses Jahr sind der Haifisch-Thriller «The Meg», die Comicverfilmung «Aquaman» und der Horrorfilm «The Nun». Doch aufgepasst: Im Saal 7 nützt es dann nichts mehr, sich ganz weit weg von der Leinwand in den Sessel zu pressen. Das Grauen wird von allen Seiten kommen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.07.2018, 15:30 Uhr

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