Die Firma, die in Zürich super günstigen Wohnraum schafft

Ihr Geschäft ist speziell, für Kritiker liegt es gar im Graubereich. Aber es funktioniert.

Luxuriöse Eingangshalle zum ehemaligen Bürohaus im Seefeld: Hier vermietet die Zwischennutzungsfirma Projekt Interim Ateliers. Foto: Samuel Schalch

Luxuriöse Eingangshalle zum ehemaligen Bürohaus im Seefeld: Hier vermietet die Zwischennutzungsfirma Projekt Interim Ateliers. Foto: Samuel Schalch

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Sie haben es geschafft. Raffael Büchi (46) hat zusammen mit Lorenzo Kettmeir (32) und Lukas Amacher (30) gewissermassen ein Immobilienimperium aufgebaut. Wenn sie Wohnungen oder Ateliers ausschreiben, stehen die Menschen Schlange. So wie zuletzt an der Freiestrasse beim Hottingerplatz, wo an einem Nachmittag 2000 Menschen die Räume besichtigen wollten. Mit der Projekt Interim GmbH vergaben sie in den vergangenen sieben Jahren im Raum Zürich in etwa 80 Häusern Räume. Sie eröffneten in Bern und Basel Zweigstellen und gründeten weitere Firmen. Das Geschäft boomt, obwohl sie selber die Häuser nicht besitzen. Das ist möglich geworden, weil sie eine Marktlücke entdeckt haben, die in Zürich niemand so erfolgreich bewirtschaftet wie sie.

Projekt Interim betreibt Zwischennutzungen. Sie vergeben Räume in Häusern, die sonst leer stehen würden. Entdeckt hat Raffael Büchi das Geschäftsmodell 2011. Damals war er noch Rechtsanwalt bei einer renommierten Wirtschaftskanzlei. Er wurde mit einer heiklen Aufgabe beauftragt: Ein ehemaliges Gebäude der UBS an der Badenerstrasse in Zürich war besetzt worden. Der Besitzer wollte die Besetzer loswerden, und Büchi musste verhandeln.

Die Besetzer boten einen Gebrauchsleihvertrag an: Sie würden das Gebäude nutzen und für die Nebenkosten aufkommen. Ausserdem verpflichteten sie sich, das Haus zu verlassen, sobald eine Baubewilligung vorliegt. Ein solcher Gebrauchsleihvertrag ist üblich bei Besetzungen. Büchi hatte eine Idee: Er würde selbst eine Zwischennutzung organisieren, bei denen er die Nutzer auswählt und so ­zugleich die unliebsamen Besetzer loswird. Der Plan ging auf. Büchi betrieb seine erste Zwischennutzung.

Lukratives Geschäftsmodell

Zwei der jungen Künstler, die er damals angeworben hatte, waren Kettmeir und Amacher. Zusammen gründeten sie 2013 die Projekt Interim GmbH. Sie luden Hauseigentümer zu Informationsveranstaltungen ein. Da präsentierte Büchi die Vorzüge des Gebrauchsleihvertrags, bei dem man jemandem einen Atelierraum oder eine Wohnung zur Nutzung abgibt. Der Nutzer bezahlt nur die Nebenkosten, dafür untersteht der Vertrag nicht dem Mietrecht.

«Solche Firmen bewegen sich in einem Grau­bereich.»Mieterverband

In einem weiteren Vortrag zeigte ein Spezialist der Stadtpolizei die Risiken von Hausbesetzungen auf. Die Botschaft: Leer stehende Häuser werden besetzt. Das kann man verhindern, indem man ein Haus rund um die Uhr für 450'000 Franken im Jahr überwacht – oder mit einer Zwischennutzung. Einen Preis nannte Interim für die Dienstleistung nicht, denn bei einem Gebrauchsleihvertrag, den Büchi und Co. in der Regel auch mit Immobilienbesitzern abschliessen, darf man kein Geld verlangen, das über die Nebenkosten hinausgeht. Den Hauseigentümern boten sie an, einen Betrag nach eigenem Gutdünken zu bezahlen.

Offenbar erhielt Interim genügend Geld, um rasch zu expandieren. Wie viel, möchte Amacher, der für die Medienarbeit zuständig ist, nicht sagen. Er steht zwar gerne vor die Kamera, wenn ein Haus neu eröffnet wird, aber nach kritischen Fragen des «Tages-Anzeigers» verweist er auf die Informationen auf der Website und will keine weitere Stellungnahme mehr abgeben.

Skeptischer Mieterverband

Kritik an profitorientierten Zwischennutzungsfirmen wie dem Projekt Interim äussert der Mieterverband: «Solche Firmen bewegen sich in einem Grau­bereich. Gewisse Preise, die sie für Zwischennutzungen verlangen, sind ganz klar Mietpreise, die über den Nebenkosten liegen», sagt Mieterverbandssprecher Walter Angst. Damit würden sie versuchen, das Mietrecht zu umgehen.

Zudem seien solche Firmen unnötig. Es gebe eine genügend grosse Nachfrage nach Zwischennutzungen, etwa vom Jugendwohnnetz (Juwo), von den Asylorganisationen Zürich (AOZ) oder nicht gewinnorientierten Zwischennutzern wie dem Verein Zitrone, der direkt mit den Immobilienbesitzern verhandelt. Zitrone bietet vor allem Raum für Kreative. Das Projekt Interim weist die Vorwürfe zurück: Interim unterscheide sorgfältig zwischen Gebrauchsleihe und Miete.


Bilder: Wie die Zürcher früher wohnten


Juwo und AOZ bestätigen, dass der Markt in Zürich sehr umkämpft ist, weil es kaum freien Wohnraum gibt. Allerdings gelte ihr Interesse einer Zwischennutzungsdauer von mindestens fünf Jahren – deshalb stehe man mit Firmen wie dem Projekt Interim nicht wirklich in Konkurrenz.

«Wir können so nicht mithalten»

Dagegen spürt der Verein Zitrone die Konkurrenz. Momentan bespielt er zwei Häuser in Zürich, beide Projekte dürften aber noch dieses Jahr beendet sein. Die Suche nach Alternativen sei in vollem Gange, sagt ein Zitrone-Mitglied: «Doch wenn wir uns zeitgleich mit Firmen wie dem Projekt Interim oder Fischer um ein Haus bemühen, können wir mit unseren Konditionen nicht mithalten.»

Bei Fischer handelt es sich um ein gewinnorientiertes Immobilienunternehmen, das von Steff Fischer aufgebaut worden ist, der in den Achtzigerjahren selber noch Häuser besetzt hatte. Heute kommerzialisiert er mit seiner Firma leer stehende Areale mit Zwischennutzungen oder belebt grosse Bauprojekte wie die Europaallee mit jungen Menschen aus der Kreativszene. Dabei setzt Fischer bei den Zwischennutzungen aber vor allem auf Mietverträge.

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Gleiches tut die Intermezzo Houses AG, ein kleines Unternehmen, das bisher im Raum Zürich rund 15 Projekte umgesetzt hat. Darunter beispielsweise eine 70 Quadratmeter grosse 3-Zimmer-Wohnung für monatlich 2200 Franken im Zürcher Seefeld. Intermezzo war zuletzt in den Medien, weil sie an der Freie­strasse 134 half, eine Gruppe von feministischen Hausbesetzerinnen aus dem Haus zu drängen.

Auch die Stadt mischt mit

Ein immer grösserer Player im Bereich der Zwischennutzung ist auch die Stadt Zürich mit ihrer Raumbörse, einem Projekt der Sozialen Dienste. Es richtet sich an Stadtzürcher Jugendliche zwischen 12 und 26 Jahren auf der Suche nach einem geeigneten Raum für kreative Aktivitäten oder Freizeitbeschäftigungen. Die Raumbörse vermietet leer stehende Räume aber auch an grössere Institutionen wie die Photobastei, die Autonome Schule oder den Impacthub.

Bei Letzterem handelt es sich um ein weltweites Netzwerk, das Arbeitsplätze anbietet, die es zu deutlich teureren Konditionen vermietet, als die Räumlichkeiten in einer Zwischennutzung kosten. Die Raumbörse bietet vor allem Atelierplätze an. Per Ende 2017 verwaltete sie 15'600 Quadratmeter Nutzfläche. In naher Zukunft könnten weitere 6000 Quadratmeter dazukommen, wenn die Stadt die Zentralwäscherei zwischennutzt. Sie weitet ihr Angebot laufend aus. Seit April bietet sie im Grenzgebiet von Oerlikon und Schwamendingen vier kleine Liegenschaften mit Wohnungen an. Dies sei aber die Ausnahme, man konzentriere sich weiterhin auf Ateliers, heisst es bei den Sozialen Diensten der Stadt.

Das Projekt Interim dürfte dies freuen – es beherrscht so weiter mehr oder weniger unangefochten seine Marktlücke.

Erstellt: 23.05.2018, 22:54 Uhr

Zentralwäscherei

Prestige-Projekt der Stadt Zürich

Die Frage nach einem persönlichen Unort beantwortete Finanzvorsteher Daniel Leupi im Stadtratswahlkampf mit der Zentralwäscherei (ZWZ) bei der Hardbrücke. Es sei ein Ort mit grossem Entwicklungspotenzial: «Die Raumbörse wird das Areal an Kleine, Kreative und Innovative vermieten. Das wird das ganze Areal beleben.» Damit drehte Leupi den Spiess um. Statt einen negativen Ort in Zürich zu wählen, zeigte er, wie fortschrittlich die Stadt sein will.

Nur mit jungen Kreativen plant die Stadt bei der Wäscherei, die 2019 nach Regensdorf ziehen wird, aber nicht. Zuerst einmal fragte das Finanzdepartement, das mit der ZWZ einen Baurechtsvertrag abgeschlossen hat, die anderen Departemente nach ihren Raumbedürfnissen. Recherchen zufolge kündigten mehrere ihr Interesse an: Das Sportamt etwa wollte Hallen für niederschwellige Sportangebote. Auch die Stiftung Blue Lion soll in der Zentralwäscherei günstige Räumlichkeiten erhalten. Die Start-up-Fabrik wird neben der Swisscom und der Zürcher Kantonalbank auch von der Stadt Zürich getragen. Momentan ist die Stiftung in der städtischen Zwischennutzung eines ehemaligen Gebäudes der Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK) am Sihlquai untergebracht. Diese Zwischennutzung dauert noch bis mindestens 2020.

Diese Recherchen will das Finanzdepartement auf Anfrage nicht bestätigen. «Die geplante Zwischennutzung ist Gegenstand eines Stadtratsgeschäfts, das aber noch nicht verabschiedet wurde», sagt Sprecher Patrick Pons. Nach den Sommerferien will der Stadtrat eine Weisung vorlegen. Pons bestätigt aber, dass die Raumbörse der Sozialen Dienste der Stadt Zürich grosse Flächen des 6000 Quadratmeter grossen Areals vermieten wird. Man strebe einen breiten Nutzungsmix an, und das Areal soll sich für das Quartier öffnen und zu einem Treffpunkt werden. Angestrebt ist eine Zwischennutzung bis 2025. Was dann auf dem Areal entsteht, ist noch nicht bestimmt. (zac)

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