4000 bis 10'000 Franken für ein Laborkind

In keiner anderen Schweizer Stadt gibt es so viele Fruchtbarkeitskliniken wie in Zürich.

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Noch drei Minuten bleiben. Für Sandra Mosquera sind es die schwierigsten im Labor der Gyn-A.R.T AG, der Fertilitätsklinik an der Zürcher Hardturmstrasse. Angestrengt schaut die Biologin durch das Mikroskop. Sie trägt grüne OP-Kleider, Mund und Haar sind mit grünem Flies abgedeckt. Dann saugt sie mit der Pipette die drei befruchteten Eizellen aus der Flüssigkeit in der Schale. Das Schutzmittel hat ihnen während der zehn Minuten zuvor Flüssigkeit ent­zogen, sodass sie für das Einfrieren ­robuster sind.

Mosqueras Arbeit ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Es geht um Zehntelsmillimeter. Die Laborantin versucht mit der Pipette die Zellen auf einen hauchdünnen Spatel zu tropfen. Der Wecker klingelt. «Mist, ich zittere, weil ich Kaffee getrunken habe», sagt sie. Sie setzt neu an, Sekunden später sind die Eizellen auf dem Spatel. Sofort legt Mosquera diesen fürs Schockgefrieren in den flüssigen Stickstoff. Durch die Vorbehandlung und die schnelle Abkühlung wird verhindert, dass sich beim Erkalten in der Zelle Eiskristalle bilden und sie zerstören. Mosquera atmet auf. Ein Fehler wäre fatal, zu kostbar sind die Zellen.

Viele Expats als Kunden

Die Labors, wie jenes der Gyn-A.R.T AG, sind seit Jahren ausgelastet. Zürich ist das Mekka der Fertilitätskliniken. Fünf der 28 Kinderwunsch-Zentren schweizweit haben ihren Sitz in und um die Stadt. Die Gyn-A.R.T. AG eröffnete ihre Klinik vor 15 Jahren und führt heute nach eigenen Angaben mit über 1000 Invitro-Behandlungen jährlich die Statistik in der Deutschschweiz an. Das Bedürfnis nach künstlich gezeugten Kindern ist ungebrochen. Die Frauen entscheiden sich immer später für die Familie, bei den Männern nehmen die Fruchtbarkeitsstörungen zu. Diese sind insbesondere bei vielbeschäftigten Expats hoch.

Die Erfolgsrate bei einer In-vitro-Behandlung liegen über alle Altersgruppen hinweg bei 30 Prozent, bei drei Durchgängen bei 60 Prozent. Die Zahl der Behandlungszyklen ist in den letzten Jahren stetig angestiegen. 2010 gab es schweizweit deren 10 890, 2014 rund 300 mehr. Dies, weil es bei vielen Paaren wegen des Alters nicht beim ersten Mal klappt und die Reproduktionsmediziner die Qualität der Eizellen nicht mit hundertprozentiger Sicherheit beurteilen können.

Laborantin Sandra Mosquera an ihrem Arbeitsplatz.

Die grosse Nachfrage bestätigt auch Klinikleiter Michael Häberle.«Die Nachfrage am Platz Zürich ist noch immer grösser als das Angebot.» Das zeigt sich unter anderem an den Wartezeiten. Sie haben zwar verglichen mit 2010 abgenommen, sind aber mit rund drei Monaten immer noch lang. Das ist schlecht für ein Geschäft, in dem es nicht nur im Labor um die Zeit geht. Mit jedem Monat, den ein Paar auf die Behandlung warten muss, sinkt bei der Frau ab 35 Jahren biologisch die Chance, schwanger zu werden. Die Klinik Ova IVF trägt bereits vor der Erstkonsultation Abklärungsunterlagen zusammen, sodass die Behandlung baldmöglichst anlaufen kann.

Ova IVF ist eine der jüngsten Anbie­terinnen in der Stadt. Reproduktionsmediziner Peter Fehr hat 2013 seine Praxis von Schaffhausen nach Zürich-West verlegt. Dass er keinen Nachfolger fand und die süddeutschen Kunden wegen des schlechten Wechselkurses ausblieben, waren nur Nebenaspekte. «Heute muss eine Fertilitätsklinik dort sein, wo ihr Kunden wohnen und vor allem arbeiten», sagt Fehr. Er macht gut 500 Behandlungen jährlich. Rechnet man die Zahlen aller Zürcher Anbieter zusammen, gehen rund die Hälfte der schweizweit 6000 Behandlungen auf ihr Konto.

Eizelle im Zeitraffer

In-vitro-Behandlungen sind insbesondere für die Frau sehr zeitintensiv. Damit die Kundinnen die Behandlungen ohne grosses Aufsehen durchführen können, haben sich viele private Kliniken angepasst. Die Gyn-A.R.T.-Klinik öffnet beispielsweise bereits um 6.30 Uhr, Mosquera und ihre beiden Laborkollegen stehen jeweils schon um 6 Uhr morgens im Labor – auch am Wochenende.

Befruchtung der Eizelle.

Eizellen werden schockgefroren.

Paaren mit Kinderwunsch bleibt bei der Klinik ein Blick ins Labor verwehrt. Statt Technik soll Wohlfühlen im Vordergrund stehen. Im separierten Praxistrakt für künstliche Befruchtung dominiert der dunkle Parkettboden, an den weissen Wänden sind wohldosiert Bilder aufgehängt. Es ist still. Auf der einen Seite des Ganges liegen jene ­Zimmer für die Eientnahmen, gegenüber jene, wo die befruchtete Zellen­ ­eingesetzt werden.

Um sich doch noch voneinander zu unterscheiden, ködern die Kliniken ihre künftige Kundschaft mit Social-Media-Aktivitäten oder neuen Angeboten. Peter Fehr von Ova-IVF preist beispielsweise seinen Timelabs-Inkubator an. Dieser schiesst vom befruchteten Ei während der ersten fünf Tage alle drei Minuten ein Bild. Der Zeitraffer wird dem Paar per USB-Stick übergeben.

Zum Vergrössern auf die Grafik klicken.

Genau dafür greifen Paare auch tief in die Tasche. Zwischen 4000 und rund 10'000 Franken kostet je nach Klinik ein Behandlungszyklus, wobei die Behandlung am Unispital zu den günstigsten gehört. Die Krankenkassen übernehmen diesbezüglich keine Leistungen. So bleibt die Behandlung jenen vorbehalten, die es sich leisten können. Würde die Behandlung vergütet, wie es beispielsweise in Deutschland der Fall ist, stiegen die Zahlen auch in der Schweiz stark an, vermutet Peter Fehr.

Laborantin Sandra Mosquera säubert derweil frisch entnommene Eizellen einer Patientin. Wieder ist Präzision und Effizienz gefragt. Sie mag ihre Arbeit, obwohl sie nie Tageslicht sieht. «Am meisten freut mich, wenn die Kunden mit ihren Kindern vorbeikommen.» Kürzlich tat dies ein Paar auf dem Nachhauseweg vom Spital. «Dann merke ich, dass meine Arbeit erfolgreich war.»

Erstellt: 11.03.2016, 23:24 Uhr

Fruchtbarkeitsbehandlungen

Die Gesetzeslage

Hormonelle Stimulation: Mittels Fruchtbarkeitshormonen wird die Bildung von Eibläschen im Eierstock angeregt. Die Hormone werden zu einem fixen Zeitpunkt eingenommen oder gespritzt. Die Kosten für die Päparate einer anschliessenden Insemination übernimmt die Krankenkasse.

Insemination: Das gewaschene und konzentrierte Sperma des Partners wird per Katheter durch den Gebärmutterhals in die Gebärmutterhöhle gespritzt, was den Weg der Spermien zur befruchtungsfähigen Eizelle verkürzt. In der Regel ist gleichzeitig eine hormonelle Stimulation der Eizellreifung sinnvoll. Die Krankenkasse übernimmt drei Behandlungszyklen mit Samen des Partners.

In-vitro-Fertilisation oder Intracytoplasmatische Spermieninjektion: Sind beide anderen Behandlungen nicht erfolgreich, erfolgt die Befruchtung ausserhalb des Mutterleibes. Pro Behandlungszyklus dürfen der Frau maximal drei Eizellen eingesetzt werden. Um die Chancen auf ein Kind, pflanzen Mediziner oft mehrere Eizellen ein, was die Mehrlingsgeburtenrate erhöht. Die Krankenkasse übernimmt die Kosten nicht.

Präimplantationsdiagnostik: Können künstlich gezeugte Embryonen vor dem Einsetzen genetisch untersucht werden, müssen Mediziner weniger transferieren. Das Volk stimmt im Juni über die Änderung des Fortpflanzungsmedizingesetzes ab. (ema)


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