Zürcher Hochschulquartier darf hoch hinaus

Der Gemeinderat macht den Weg frei für den Umbau. Er verzichtet auf strengere Regeln bei den Gebäudehöhen. Zu reden gab auch das geschützte Hauptgebäude.

So soll das neue Universitätsspital aussehen. Foto: Walter Bieri (Keystone)

So soll das neue Universitätsspital aussehen. Foto: Walter Bieri (Keystone)

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Kurz vor Ladenschluss quasi durften sie auch noch etwas sagen zum grössten Umbauprojekt der Stadt, die politischen Vertreter der Zürcherinnen und Zürcher. Im Gemeinderat debattierten sie gestern die Bau- und Zonenordnung (BZO) fürs neue Hochschulquartier. Die Grundlage, nach der sich alle Bauvorhaben richten – im Prinzip.

Aber die «Big Five» hinter dem Generationenprojekt, Kantonsregierung, Stadtregierung, Universität, ETH und Unispital, mochten nicht darauf warten. Sie sind vorgeprescht, haben zwei Schritte vorweggenommen und Anfang Jahr die zwei ersten Bauvorhaben präsentiert: den Uni-Neubau von Herzog & de Meuron sowie den neuen Spitalbau von Christ & Gantenbein. Für diese Umkehrung der vorgesehenen Chronologie gab es im Herbst eine Rüge des Baurekursgerichts. Auch die Volksvertreter im Gemeinderat zeigten sich gestern ziemlich verärgert darüber – aber das war es dann auch schon mit der Einigkeit.

Konformisten gegen Idealisten

Es gab zwei Blöcke: Auf der einen Seite die Konformisten um SP, FDP und GLP, die auf Linie von Hochbauvorsteher André Odermatt (SP) argumentierten. Demnach läuft im Hochschulquartier alles bestens, es geht nur noch darum, der Ordnung halber die Lücke zu füllen. Also eine BZO zu erlassen, die im Einklang mit der bisherigen Planung steht.

Auf der anderen Seite die Idealisten, eine atypische Koalition von Grünen, AL und SVP, die ihren Auftrag anders verstanden. Sie wollten mitgestalten, statt einfach nur eine Planung nachzuvollziehen, die in ihren Augen mit zu grossen Bauvolumen operiert. Was im Geständnis von SVP-Gemeinderat Stefan Urech gipfelte, er habe selten derart gute Voten aus der linken Ratsseite gehört. Denn: «Wir sind Vertreter der Stadt, nicht des Kantons.» Dieser oppositionelle Block hatte in der vorberatenden Kommission zwei Anträge formuliert, die die bisherige Planung auf den Kopf stellen würden. Ihre städtebauliche Maxime: Die Verdichtung muss primär im unteren Teil des Quartiers stattfinden, nah der Rämistrasse. Deshalb wollten sie die erlaubten Maximalhöhen um 27 Meter reduzieren. Zudem sprachen sie sich für einen Zonenplan aus, der dem Terrain folgt und sieben Stockwerke nur unten erlaubt, während oben am Hang die Grenze bei vier läge.

Grüne, AL und SVP wollten gestalten, statt nur Pläne nachzuvollziehen.

«Damit kann der Rat einen Rahmen abstecken, was geht und was nicht geht», warb Andrea Leitner Verhoeven (AL). Verzichte er darauf, erteile er dem Kanton einen Freipass und könne bloss noch hoffen, dass er diesen nicht ausnutze. Maria del Carmen Señorán (SVP) räumte ein, die ersten beiden Bauprojekte seien zurückhaltend ausgefallen, aber: «Einfach nur darauf vertrauen, dass auch die künftigen Bauten tiefer werden, reicht nicht.» Gabi Kisker von den Grünen sagte, dass man nicht den ganzen Ausbau zu Fall bringe, wenn man das «zu gross geratene Höhenkostüm» korrigiere. Der Kanton bleibe handlungsfähig, denn er könne die BZO mit einem Gestaltungsplan übersteuern – «er muss das dann aber gut begründen können».

Weil die SP in dieser Debatte zum Ärger von AL und Grünen schwieg, war es an FDP und GLP, dagegenzuhalten. Die Grünliberale Ann-Catherine Nabholz zeigte sich zwar skeptisch gegenüber der räumlichen Konzentration im Zentrum, hielt aber ­angesichts der weit fortgeschrittenen Planung nichts von «unnötigen Einschränkungen». Der Freisinnige Andri Silberschmidt sagte: «Wir sind alle einig, dass es schön wäre, nach unten zu bauen.» Aber: Wenn man jetzt die Planung über den Haufen werfe, werfe das Unispital jahrelang Millionen für sinnlose Instandhaltungen zum Fenster hinaus. Im schlimmsten Fall haben man jahrelang kein Spital mehr im Zentrum.

Fast alle sind gegen Altbau

Obwohl beide Anträge klar scheiterten, unterstützte der Gemeinderat später fast einstimmig einen anderen, wesensverwandten Antrag: Die Stadt solle die Kantonsregierung auffordern, den alten Spitalbau des Architekturbüros Haefeli-Moser-Steiger nicht unter Schutz zu stellen. Jenes Gebäude also, das einer Verlagerung von Neubauten Richtung Rämistrasse im Weg steht. Vertreter von SP und FDP erklärten, es gehe ihnen nicht um die Bauzeit, während der das Haus vom Unispital noch gebraucht werde, sondern um die fernere Zukunft. Señoran (SVP) ärgerte sich, dass Spitalvertreter die überholten Räume allenfalls noch für die Geriatrie verwenden wollen. «Ein altes Spital für alte Leute – im Ernst?»

Nur Stadtrat Odermatt und Ernst Tanner (EVP) wehrten sich fürs Baudenkmal. Sie sprachen von einem unsinnigen Opfer, gerade angesichts der zuvor getroffenen Entscheide. Trotzdem muss Odermatt jetzt beim Regierungsrat con­t­re cœur dafür werben. Dafür hat er ansonsten eine BZO nach seinem Gusto in der Tasche – sofern nicht noch ein Referendum ergriffen wird. Die AL hat bereits angedeutet, dies wäre eine Möglichkeit, die Stadtbewohner selber über das Quartier abstimmen zu lassen.

Erstellt: 15.05.2019, 23:44 Uhr

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