Das Horrorhäuschen vom Rosengarten

Das alte Wasserreservoir in Wipkingen ist zur Zwischennutzung ausgeschrieben. Ein Blick in die mehr als 2000 Quadratmeter grossen Räumlichkeiten zeigt deren Potenzial.

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Sollten Sie noch eine Kulisse für einen Horrorfilm suchen, hier wäre sie: Ein leer stehendes Häuschen inmitten eines Einfamilienhausquartiers, die schweren Türen sind verriegelt. Eine schmale Treppe ohne Geländer führt in einen unterirdischen Raum ohne Licht, erst der Strahl der Taschenlampen zeigt: Im Innern eröffnen sich Welten. Der Raum, von Stützpfeilern durchzogen, ist so gross wie mehrere Turnhallen und so hoch wie ein zweistöckiges Einfamilienhaus. Das Echo hallt so lange, dass sich die Halle bald mit einem Stimmenrauschen füllt. Es ist feucht, und an Wänden hängen vom Kalk mumifizierte Spinnen. Für Leute, die sich rasch gruseln, ist dieser Ort nichts. Für jene aber, die einmal einen einzigartigen Ort mieten möchten, hingegen schon.

Seit gestern Abend ist auf der Website der Firma Projekt Interim das alte Wasserreservoir an der Rosengartenstrasse zur Zwischennutzung ausgeschrieben. 2300 Quadratmeter Nutzfläche, verteilt auf zwei unterirdische Haupträume und einen ehemaligen Maschinenraum im Erdgeschoss, misst dieses besondere Mietobjekt. Das 1929 erbaute Haus steht zwar seit den 80er-Jahren leer, doch erst eine Umzonung vor einem Jahr ermöglichte neue Pläne für das Areal.

«Aufgrund der speziellen Gegebenheiten können wir nur ausgewählte, kleinere Projekte auf Tages- oder Wochenbasis berücksichtigen», sagt Lorenzo Kettmeir, der Projektleier und Geschäftsführer von Projekt Interim. Und ergänzt: «Partys sind unmöglich, denn die Räume sind schlecht gesichert, und es gibt weder sanitäre Anlagen noch Strom.» Für Fotografen, Filmer oder Toningenieure aber dürften die Räume interessant sein. Ein Lichtkünstler hat das Rosengartenreservoir letztes Jahr schon einmal für eine private Ausstellung genutzt.

Beinahe 50 Bewerbungen hat die für Zwischennutzungen verantwortliche Firma in den 24 Stunden seit der Aufschaltung des Inserats erhalten. Darunter waren auch zahlreiche Bewerber, die in den Hallen Gastrobetriebe installieren oder Partys veranstalten wollten. Andere wiederum möchten sich die Hallen auch aus Neugierde anschauen.

Von aussen wie ein Wohnhaus

Die Geschichte des Reservoirs reicht in die Zwischenkriegszeit zurück, ins Jahr 1929, als das Gebiet zwischen Rötel- und Rosengartenstrasse noch landwirtschaftlich genutzt wurde. Auch dies wäre in einer Gruselgeschichte eine passende Backstory: Um feindliche Flieger zu täuschen, hat das Reservoir zwar äusserlich die Form eines Wohnhauses, doch die Wände sind 1,70 Meter dick und «bombensicher», wie Kettmeir sagt.

Vor einem Monat hat die Stadt den 5000 Quadratmeter grossen Landstreifen, auf dem das Reservoir steht, der Stiftung für studentisches Wohnen (SSWZ) zum Gebrauch übergeben. Am oberen Rand plant diese das Studentenhaus am Rosengarten. Unterhalb soll eine Grünfläche entstehen, «welche sich städtebaulich mit der Anlage der Kirche Wipkingen verbindet», wie Rebecca Taraborrelli, Geschäftsführerin des SSWZ, sagt. Läuft alles nach Plan, wird der Rückbau des Reservoirs Ende Jahr beginnen – dann wird auch die Zwischennutzung enden – und 2019 abgeschlossen sein. Zu den Arbeiten zählt auch das Abtragen des damals für den Bau des Reservoirs aufgeschütteten Hügels. Doch nun darf sich die Bevölkerung während dreier Monate noch ihrer (gruseligen) Fantasie ­hingeben.

www.projektinterim.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.08.2016, 19:06 Uhr

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