Das «Hotel Suff» macht minus

Jeder Dritte bezahlt die Rechnung für eine Nacht in der Zürcher Ausnüchterungszelle nicht. Jetzt muss die Stadtpolizei sparen.

Zelle in der Urania-Wache: 450 Franken Gebühr für drei Stunden decken die Kosten nicht. Foto: Sabina Bobst

Zelle in der Urania-Wache: 450 Franken Gebühr für drei Stunden decken die Kosten nicht. Foto: Sabina Bobst

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Sie werden von der Polizei verhaftet, während einiger Stunden eingesperrt und medizinisch betreut. Sie heissen nicht Insassen oder Patienten, sondern Klienten. Es sind Menschen, die zu viel Alkohol getrunken oder Drogen konsumiert haben und deshalb für sich selbst oder für andere eine Gefahr darstellen. Die Polizei verhaftet sie zumeist auf der Strasse und bringt sie in die Zürcher Ausnüchterungs- und Betreuungsstelle (ZAB), auch «Ausnüchterungszelle» oder «Hotel Suff» genannt.

Als Klienten werden die Personen auch bezeichnet, weil sie für ihren Aufenthalt je nach Dauer eine Gebühr bezahlen müssen. Die erste Stunde ist gratis, danach kostet der Aufenthalt in einer der eierschalenfarbenen oder rosaroten Zellen 450 Franken (bis drei Stunden), 520 Franken (bis sechs Stunden) oder 600 Franken (über sechs Stunden).

Private sind günstiger

Seit 2015 ist die ZAB definitiv in Betrieb. Sie kostet jährlich 1,2 Millionen Franken. Die Klienten decken die Kosten mit ihren Gebühren bei weitem nicht. Im vergangenen Jahr brachte die Polizei 912 Personen in die ZAB – mehr als in den Jahren zuvor, aber dennoch flossen bloss 786'700 Franken Gebühren zurück. Das ist weniger als geplant. Einerseits kommen weniger Klienten als ursprünglich vorgesehen in die ZAB, denn psychisch Auffällige werden meist von Notfallpsychiatern oder auf der Polizeiwache betreut. Zudem bezahlt jeder dritte Klient seine Rechnung nicht – etwa weil er untergetaucht ist und man ihm die Rechnung nicht zustellen kann.

Künftig soll der private Sicherheitsdienst die Zeiten mit dem meisten Betrieb abdecken: Ausnüchterungszelle in der Urania-Wache. Foto: Keystone

Nun will die Stadtpolizei Geld sparen, und zwar beim Personal. Während der Öffnungszeiten befinden sich täglich von 22 bis 12 Uhr ein einsatzleitender Polizist, ein Angestellter eines privaten Medizinbetriebs sowie zwei Sicherheitsassistenten in der ZAB. Ausserhalb der Öffnungszeiten ist ein Viererteam auf Pikett. Bei den Sicherheitsassistenten setzt die Stadtpolizei nun an. Bisher deckte eine private Sicherheitsfirma die Stunden von 5.30 Uhr bis 12 Uhr ab, in der übrigen Zeit – also vor allem auch in der Nacht – sorgte der polizeiliche Assistenzdienst für die Sicherheit. Es sind städtische Angestellte, die ihren Dienst unbewaffnet leisten. Sie unterstützen die Kriminal- und Sicherheitspolizei in verschiedenen Belangen, regeln den Strassenverkehr, verteilen Parkbussen oder patrouillieren bei Grossanlässen. Arbeiten sie in der ZAB in der Nacht, erhalten sie einen Lohnzuschlag von 7.85 Franken pro Stunde.

Der Sicherheitsdienst nimmt auch aggressive Klienten in Empfang und nimmt ihnen alles ab, was gefährlich sein könnte, wie etwa Schuhe oder Gürtel.

Künftig soll der private Sicherheitsdienst die Nacht und die Wochenenden – wenn in der ZAB am meisten los ist – abdecken. So will die Stadt Kosten sparen, wie Polizeisprecher Marco Cortesi bestätigt. Wie gross das Sparpotenzial ist, kann Cortesi nicht sagen – die Umstrukturierung läuft momentan noch. Zuerst muss der Auftrag für den privaten Sicherheitsdienst neu ausgeschrieben werden. Dies soll demnächst geschehen.

Der Sicherheitsdienst nimmt gefesselte und teilweise auch aggressive Klienten in der ZAB in Empfang und durchsucht sie über den Kleidern. Er nimmt ihnen alles ab, was gefährlich sein könnte und mit dem sie sich selbst verletzen könnten, wie etwa die Schuhe oder einen Gürtel. Dann löst er die Fesseln und lässt den Klienten vor der medizinischen Kontrolle für die sogenannte «Cooldown-Phase» in der Zelle.

Das medizinische Personal kontrolliert die Klienten regelmässig, unterstützt vom Sicherheitsdienst. Will sich jemand in der Zelle selbst etwas antun, greifen auch die Sicherheitsleute ein. Die Hauptverantwortung trägt jedoch stets der einsatzleitende Polizist, dem der Sicherheitsdienst unterstellt ist. Ein Klient bleibt so lange in der ZAB, bis er medizinisch stabil ist und sich beruhigt hat.

46 Millionen für Private

Die Stadt Zürich beschäftigt in verschiedenen Bereichen private Sicherheitsdienste. In den vergangenen fünf Jahren bezahlte sie dafür fast 46 Millionen Franken. Dies geht aus den Antworten des Stadtrats vom Dezember auf eine schriftliche Anfrage von Christina Schiller (AL) und Luca Maggi (Grüne) hervor. Für den privaten Sicherheitsdienst in der ZAB bezahlte die Stadtpolizei jährlich rund 280'000 Franken. Schiller und Maggi befürchten, private Sicherheitsdienste würden zunehmend Polizeiaufgaben übernehmen.

Allerdings zeigte die Auswertung, dass die Ausgaben für private Sicherheitsdienste in den vergangenen Jahren gesunken sind. Der Grüne Luca Maggi steht der ZAB als Ganzes zwar kritisch gegenüber, doch dass die Stadtpolizei nun verstärkt auf Private setzt, findet er nicht per se problematisch – «solange deren Kompetenzbereich klar geregelt ist», sagt er. Es gehe ihm und Schiller vor allem um die Überwachung im öffentlichen Raum: «Da gilt es zu verhindern, dass private Sicherheitsdienste mehr Macht erhalten und das staat­liche Gewaltmonopol ausgehöhlt wird.»

Diesem Ansinnen kommt die Neustrukturierung der Sicherheit in der ZAB gar entgegen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des polizeilichen Assistenzdienstes, die in der ZAB entlastet werden, sollen dafür mehr auf der Strasse oder in anderen Bereichen eingesetzt werden.

Erstellt: 01.04.2019, 15:03 Uhr

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