Zum Hauptinhalt springen

Diese neue Sportart erobert Zürcher Schulplätze

Street Racket ist eine Zürcher Erfindung. Macht sie auch Spass? Wir haben die neue Trendsportart getestet.

Ein bisschen Schweiss, ein wenig Wettbewerb, vor allem aber ganz viel Harmonie: Das ist die neue Sportart Street Racket. (Video: Lea Koch)

Wir stehen da, betrachten zuerst das dreigeteilte grüne Rechteck, das auf den Boden der Sportanlage Hardau in Aussersihl gezeichnet ist, dann unsere Holzschläger und den Softgummiball – und runzeln fast synchron die Stirn: Das soll sie sein? Die Basis des neuen Trendsports Street Racket, der faulen Stadt- und Landmenschen jeden Alters die nötige, weil gesunde Portion Bewegung verschaffen soll?

Wir sind skeptisch. Auch, weil es in der Spielanleitung heisst, Smash und Volley (sprich Action) sei verboten, und anderswo Sätze zu lesen waren wie «bei den vielen sozialen Anwendungsmöglichkeiten steht das Miteinander im Vordergrund» oder «bei allen Street-Racket-Formen gilt: Nur wer kontrolliert spielt, hat Erfolg, es entsteht sofort ein flüssiges, rhythmisches Spiel; wer hart schlägt oder aggressiv agiert, verliert.»

Mit Verlaub, aber das klingt – wenn auch homöopathisch dosiert – doch ziemlich Gschpürschmi-mässig.

Aus der Not geboren

Leider können wir Rahel und Marcel Straub, die Gründer dieses Neo-Sports, nicht mit dem Esoterikverdacht konfrontieren. Das Ehepaar tingelt gerade durch die Welt, um das vom Equipment und Unterhalt her einfach und entsprechend günstige Street Racket speziell in ärmeren Ländern populär zu machen – und es somit dahin zurückzubringen, wo es entstanden ist.

Es war nämlich so, dass der frühere Squash-Nationalspieler Straub, der viele Jahre lang das Kompetenzzentrum Sportunterricht der Stadt Zürich leitete, mit seiner Gattin vor drei Jahren an einem Hilfsprojekt auf einer kleinen Karibikinsel teilnahm – mit dem Job, dort Tischtennis als Freizeitbeschäftigung zu etablieren. Durch Spenden hatten sie alles Spielmaterial erhalten, bis auf die Tische, wie Rahel Straub gegenüber dem Onlineportal Nau.ch erklärte. Weil sich diese auch vor Ort nicht hätten auftreiben oder konstruieren lassen, seien sie auf die Idee gekommen, diese Tische halt zweidimensional auf den Boden zu zeichnen: Je eine rechteckige Spielfläche links und rechts, getrennt durch das «Netz», also ein mit diagonalen Strichen versehenes drittes Rechteck in der Mitte.

Zehn Spielorte

Zurück in der Schweiz, haben die Straubs das ziemlich zufällig entstandene Sportprojekt optimiert und forciert. Sie haben die ideale Feldgrösse sowie die Grundspielregeln definiert, sie haben an den passenden Rackets und Bällen herumgetüftelt. Vor allem aber ist es ihnen gelungen, das städtische Sportamt vom Breitensport-Potenzial des Street Racket zu überzeugen. Was zur Folge hatte, dass Marcel Straub seit 2017 beruflich exklusiv als Botschafter seines Sports unterwegs ist. Und dass die Stadt auf insgesamt zehn Schulhaus- und Sportanlageplätzen Street-Racket-Courts eingezeichnet hat.

Spontan betreiben lässt sich das sanfte Spiel primär auf dem Heerenschürli in Schwamendingen und in der Hardau – an diesen zwei Orten stehen der Bevölkerung Schläger und Bälle plus die Anleitung mit den Grundregeln gratis zur Verfügung. Auf den anderen Anlagen muss das Equipment mitgebracht werden.

Damit zurück zu unserem Test, den wir mit ein paar Aufwärmkniebeugen und dem Studieren des Reglements beginnen. Obwohl es auch komplexere Spielarten gibt – unter anderem Rundlauf oder das Diagonal-Doppel – beschränken wir uns auf den simpelsten Standard: Der Ball wird, analog zum Tischtennis, von Feld zu Feld gespielt. Allerdings eben ohne Volley und ohne Smash. Er muss immer einmal aufspringen, und gespielt wird ausschliesslich in der «Von unten nach oben»-Bewegung.

Plumpst die weiche Kugel im «Netzbereich» oder ausserhalb der Linien zu Boden, ist das ein Fehlerpunkt. Ein Satz geht immer auf 11 (es braucht keine Zwei-Punkte-Differenz), spielen kann man auf drei oder fünf Gewinnsätze.

Die Windböe entscheidet das Spiel

Zu Beginn läufts wie bei Federer nach einer langen Turnierpause, also gar nicht. Der Ball landet überall, nur nicht im Feld. Doch bereits nach etwa fünf Minuten haben wir eine Art Rhythmus gefunden. Wir schaffen es jetzt 15- bis 20-mal hin und her ohne Fehler, die Schläge werden korrekt und weich ausgeführt. Es sieht – ja, man muss es so drastisch sagen – echt lieblich aus.

Damit sind wir bereit für den Match. Und nun zeigt sich vor allem Frau Roshard von einer ganz anderen Seite: Sie jagt den Herrn Wyss so sehr über den kleinen Platz, dass bei ihm – er spielt notabene auf der Sonnenseite – bald schon der Schweiss perlt. Auch wendet sie immer wieder mal unlautere Mittel an («es tut mir leid, aber als gelernte Tennisspielerin muss ich einfach zwischendurch mal voll durchziehen und smashen!») und gewinnt den ersten Satz erschreckend souverän mit 11:6. Der zweite verläuft ausgeglichener, auch weil Wyss seine Nachsichtigkeit aufgibt und die Roshard’schen Vergehen gnadenlos wertet. Er holt den Satz schliesslich mit 11:9.

Für den Entscheidungssatz gibt es einen Seitenwechsel, wodurch nun Frau Roshard geblendet wird – was ihre fancy Sonnenbrille jedoch wettmacht. Es ist eng, 5:5, 7:6, 8:9, schliesslich 10:10. Und da kommt, wie aus dem Nichts, eine Windböe, die Roshards Ball weit und weiter und schliesslich übers Feld hinausträgt, Wyss sinkt in Federer-Manier auf die Knie und reckt die Arme in die Höhe.

Spassiger als erwartet

Unser einhelliges Fazit: Street Racket macht erheblich mehr Spass, als wir erwartet hätten. Wir werden das fortan als dynamische Alternative zur Morgengymnastik in Betracht ziehen. Toll ist, dass wegen der nicht aggressiven Spielweise weder alters- noch geschlechterspezifische Vor- oder Nachteile entstehen – und dass man sich am Schluss genauso gerne mag wie davor.

Ach ja, auch noch wichtig: Street Racket ist sogar Lehrplan-21-tauglich: Man kann damit nämlich sogar das Kopfrechnen oder das Konjugieren von Verben üben, aber das sind schon die Varianten für wirklich fortgeschrittene Cracks.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch