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Das ist die Ur-Zürcherin

Archäologen haben bei einem Zürcher Schulhaus das Grab einer keltischen Frau entdeckt. Der Fund ist bedeutend. Und wirft eine grosse Frage auf.

Anhand der opulenten Grabbeigaben lassen sich differenzierte Aussagen machen.

Als aussergewöhnlich pries die Stadt den Fund an, den Archäologen kürzlich beim Schulhaus Kern im Kreis 4 entdeckt haben. Hochbauvorsteher André Odermatt (SP) begründet am Freitag vor den Medien die Wortwahl: «Wir haben die wohl älteste Frau Zürichs gefunden.»

Bei Bauarbeiten an der Schulanlage haben die Archäologen Anfang März ein Grab einer keltischen Frau entdeckt. Sie war in einem Baumsarg beigesetzt worden, dessen faserige Überreste noch gut erkennbar waren. Vom Skelett waren lediglich Teile des Schädels erhalten, Abdrücke von Arm- und Beinknochen im Grab aber deutlich sichtbar. In gutem Zustand waren hingegen die zahlreichen Grabbeigaben, anhand derer die Wissenschaftler den Lebenszeitpunkt der Frau bestimmen können. Andreas Motschi, Projektleiter für Archäologie beim Amt für Städtebau, sagt: «Deshalb ist dieser Fund für uns sehr bedeutend und keineswegs alltäglich.»

Einordnung anhand der Eisenfibeln

Die Frau wurde mit einer Gürtelkette aus Bronze bestattet. Zudem trug die Frau einen bronzenen Armreif und einen Brustschmuck mit feinen Perlen aus blauem und gelbem Glas und aus Bernstein, was die privilegierte Stellung der Frau unterstreicht. Zuletzt haben die Altertumsforscher auch diverse Eisenfibeln ausgegraben. Dieses modische Accessoires zum Verschluss der Gewänder haben die Kelten laufend verändert. Es ist deshalb zentral für die zeitliche Einordnung. Stadtrat Odermatt sagt: «Mit diesem Fund gewinnen wir spannende Einblicke in unsere Vergangenheit.»

Der Grabfund ist vor allem wegen der zahlreichen Beigaben bedeutend. Um das Gewand hat die Keltin eine Gürtelkette mit Hakenverschluss getragen. Anhand der Accessoires wurde die Frau laut Forschern zwischen 250 und 200 vor Christus beigesetzt.
Der Grabfund ist vor allem wegen der zahlreichen Beigaben bedeutend. Um das Gewand hat die Keltin eine Gürtelkette mit Hakenverschluss getragen. Anhand der Accessoires wurde die Frau laut Forschern zwischen 250 und 200 vor Christus beigesetzt.
Hochbaudepartement Zürich
Die keltische Frau wurde in einem ausgehöhlten Baumstamm bestattet. Die Form und einige faserige Reste waren bis heute gut erhalten.
Die keltische Frau wurde in einem ausgehöhlten Baumstamm bestattet. Die Form und einige faserige Reste waren bis heute gut erhalten.
Hochbaudepartement Zürich
Die blauen Glasperlen hat die Frau als Brustschmuck getragen. Sie scheint privilegiert gewesen zu sein, ähnlich wie der Mann, der unweit von ihr schon gefunden wurde.
Die blauen Glasperlen hat die Frau als Brustschmuck getragen. Sie scheint privilegiert gewesen zu sein, ähnlich wie der Mann, der unweit von ihr schon gefunden wurde.
Hochbaudepartement Zürich
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Im Gebiet der Stauffacherstrasse haben Forscher bereits früher Grabfunde gemacht, die sie jedoch alle dem Frühmittelalter zuordnen. Das neue Grab datieren Archäologen in einen Abschnitt der jüngeren Eisenzeit zwischen 250 und 200 vor Christus. Ein zweites Grab aus dieser Zeit haben Wissenschaftler bereits beim Bau der Schulhausturnhalle 1903 entdeckt, jedoch in 80 Metern Entfernung. Der keltische Mann war ebenfalls mit zahlreichen Opferbeigaben – Schwert, Schild und Lanze – ausgestattet und könnte der mögliche männliche Begleiter der Frau sein. Der Fund ist im Landesmuseum ausgestellt.

Auf dem gesamten Stadtgebiet haben Archäologen sechs weitere Gräber aus dieser Zeit entdeckt. Bloss, wo diese ersten Kelten in Zürich ihre Siedlungen hatten, ist nach wie vor unbekannt. Es gibt in Zürich bisher keine Siedlungsreste aus dieser Zeit.

Später lebten die Kelten am Lindenhof

Rund um den Moränenhügel des Lindenhofs haben Forscher seit Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche Spuren von Wohnsitzen von Helvetiern, einem Stamm der Kelten, gefunden. Doch all die Spuren datieren auf 100 vor Christus oder später. Ihr Territorium erstreckte sich über das ganze Mittelland. Das Landeskennzeichen CH (confoederatio helvetica) erinnert noch heute daran. Man nimmt an, dass am Lindenhof der Ursprung der ersten städteartigen Siedlung «Turo» liegt und der Name Zürich von diesem keltischen Wort abstammt.

Im Bereich Rennweg/Oetenbachgasse gab es beispielsweise einen 3,5 Meter tiefen Graben. Mit solchen Gräben haben Kelten ihre Handwerksviertel von Quartieren der Oberschicht abgetrennt. Im Umfeld des Hotels Widder fanden Forscher vor der Jahrtausendwende Spuren keltischer Bierbrauer und diverse Keramik.

Bereits 1890 haben Archäologen an der Bahnhofstrasse bei der Alten Börse sogenannte Potinklumpen ausgegraben, die aus 18'000 zusammengeschmolzenen keltischen Münzen bestehen. Sie waren vermutlich Opfergaben an keltische Gottheiten.

Fürs Museum bereit gemacht

Ob die Kelten allenfalls schon früher um den Lindenhof sesshaft waren oder anderswo in der Stadt, ist ungewiss. Eine mögliche keltische Praxis, die Verstorbenen ausserhalb der Kernstadt beizusetzen, ist für Archäologe Motschi denkbar, aber keinesfalls erwiesen. Er sagt: «Neue Entdeckungen sind wunderbar. Sie führen aber auch immer zu neuen Fragestellungen.»

Die Fundstücke werden derzeit im Labor vollständig freigelegt, restauriert und analysiert. Die Auswertung und die restaurierten Funde sollen später der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Odermatt sagt: «Schliesslich haben wir hier ein Stück Stadtgeschichte geschrieben.»

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