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«Das ist doch kein Weltuntergang»

Die Bewohner im Kreis 4 und 5 klagen über Lärm und steigende Mieten. Kurz vor den Gemeinderatswahlen antworten Stefan Urech (SVP), Elena Marti (Grüne) und Shaibal Roy (GLP).

Was beschäftigt die Bewohner in den Kreisen 4 und 5 im Hinblick auf die Wahlen? Video: Lea Koch (Sommer 2017)

Steigende Mietpreise sind im Quartier Thema Nummer 1: Wie viel bezahlen Sie für Ihre Wohnung?

Shaibal Roy: Ich wohne seit sechs Jahren in meiner Eigentumswohnung im Kreis 5 und bezahle keine Miete, dafür Hypothekarzinsen, etwa 500 Franken pro Monat.

Stefan Urech: Ich besitze auch eine Eigentumswohnung, 4,5 Zimmer, Neubau, die ich zurzeit für 3400 Franken vermiete. Ich selbst wohne noch daheim bei der Mutter. Sobald ich mir die Wohnung leisten kann, werde ich einziehen.

Elena Marti: Ich wohne seit fünf Jahren in einer grossen WG im Kreis 5. Pro Monat bezahle ich 380 Franken.

Sie leben im Langstrassenquartier und kennen dessen Probleme: Die Gemeinderäte (v. l.) Elena Marti (Grüne), Stefan Urech (SVP) und Shaibal Roy (GLP). Fotos: Dominique Meienberg
Sie leben im Langstrassenquartier und kennen dessen Probleme: Die Gemeinderäte (v. l.) Elena Marti (Grüne), Stefan Urech (SVP) und Shaibal Roy (GLP). Fotos: Dominique Meienberg

Sie bezahlen relativ wenig Miete. Was wäre eine zumutbare Miete für eine Familie mit zwei Kindern?

Roy: Die Frage ist: Neubau oder Altbau? Lage? 500 Franken pro Zimmer fände ich zumutbar, bei einem Neubau vielleicht 800 Franken pro Zimmer.

Dann ist die Wohnung, die Herr Urech vermietet, bereits zu teuer?

Roy: Die Lage seiner Wohnung, in der Nähe des Toni-Areals, plus Neubau rechtfertigt den Mietpreis sicher.

Urech: Und ich möchte betonen, dass ich die Mieten der umliegenden Wohnungen geprüft habe. Ich verlange etwa zehn Prozent weniger, obwohl die Wohnung einen hohen Ausbaustandard hat. Am ersten Tag der Ausschreibung hatte ich bereits 40 Interessenten.

Wer kann sich eine solche Wohnung leisten?

Urech: Es gibt einen gemeinsamen Whatsapp-Chat für die Bewohner des Gebäudes – sie schreiben Englisch miteinander. Viele Expats also.

Marti: Es ist im Prinzip egal, wo die Expats wohnen. Man muss an jene denken, die den Kreis 4 und 5 wegen der steigenden Mieten verlassen müssen – für eine vierköpfige Familie wären 1700 Franken angemessen. Es braucht die 33 Prozent günstigen Wohnraum, zu denen die Stadt Zürich Ja gesagt hat.

Urech: Es liegt aber nicht an der Politik, zu sagen, wie viel eine Wohnung kosten darf. Angebot und Nachfrage regeln das. Und schon sind wir beim grünen Widerspruch: Ihr wollt mehr Leute in die Stadt und ins Land lassen. Wegen des Bedarfs will man dann breiter, höher, grösser bauen. Aber Grünflächen wollt ihr auch. Das ist sympathisch, aber unvereinbar damit, alle hereinlassen zu wollen...

... ausser Expats?

Urech: (lacht) Ja. Und die mögen die Linken nicht.

Roy: Wir sehen das differenzierter, als du es darstellst. Verdichteter und höher bauen ist richtig. Das geht auch mit der Schaffung von Grünraum zusammen – darum waren wir dafür, den Swiss Mill Tower zu begrünen. Zudem sind Expats potenzielle Secondos, und die müsste Elena ja auch unterstützen.

Marti: Potenzielle Secondos oder nicht; die jetzigen Secondos sind eher Leute, die nur wenig Miete bezahlen können, gerade in unserem Quartier. Es sind Leute, die diese Stadt, diese Stadtkreise prägen und nun wegziehen müssen. Sie werden an den Rand gedrängt. In der Stadt Zürich sollte es weiterhin eine gute Durchmischung aller sozialen Klassen geben.

Roy: Es darf weder Ghettoisierung noch Gentrifizierung geben.

Obwohl die Wohnsituation angespannt ist, blockiert die SVP den Kauf der ehemaligen Gammelhäuser an der Neufrankengasse durch die Stadt. Warum?

Urech: Weil der Stadt-den Gemeinderat mit einem Schnellbeschluss übergangen hat. Warum hat er für 32 Millionen Franken Häuser gekauft, die völlig heruntergekommen sind? Das ist zu viel Geld. Wegen der Durchmischung Sozialhilfeempfänger mitten in den Kreis 4 hineinzupflanzen, entspricht nicht meinem Verständnis einer liberalen Gesellschaft.

Was sollte stattdessen an die Neufrankengasse?

Urech: Es ist nicht an mir, das zu entscheiden. Aber die Stadt hat nicht den Auftrag, ständig neue Wohnungen und Häuser zu kaufen. Ein Privater soll die Wohnungen kaufen dürfen.

Um teure Wohnungen daraus zu machen?

Urech: Ja – wie gesagt, Angebot und Nachfrage sollen den Markt regeln. Aber es gibt tatsächlich Fälle, gerade in Zürich-West, wo mit überrissenen Mieten abgezockt wird.

Roy: Aber dort trifft es Leute, die Geld haben und die Miete von ihren Firmen bezahlt bekommen. An der Neufrankengasse, wo die Gammelhäuser standen, die einem Privaten gehörten, war die Abzocke viel schlimmer – sie geschah auf dem Buckel der untersten Schicht unserer Gesellschaft. Es kann nicht die Lösung sein, dass der Markt das selber regelt. Der Kauf ermöglicht, dass Leute, die schon hier sind, integriert bleiben.

Marti: Im Kreis 4 und 5 haben wir wenige Grundstücke, die der Stadt gehören. Wenn es irgendwie geht, sollte man die noch verfügbaren Flächen für günstigen Wohnraum nutzen.

Auch die kleinen Geschäfte im Langstrassenquartier spüren die steigenden Mieten. Der Schuhladen Peter & Vreni musste jüngst Ladenfläche abgeben, weil die Migros das Doppelte zahlt.

Urech: Ja, das ist traurig. Aber was ist die Alternative? Dass der Staat kommt und bestimmt, wo ein Schuhladen sein muss? So gerne ich den Schuhladen habe, er kann nicht ums Verrecken durchgesetzt werden.

Marti: Es geht nicht darum, dass der Schuhladen unbedingt da sein muss. Wir im Verein 5im5i arbeiten immer wieder an Fällen, wo Ladenbetreiber ausschliesslich wegen der Miete aufgeben müssen, so der Perückenladen Haar-M.

Roy: Der hat doch einen super Platz in der neuen Kronenwiese-Überbauung gefunden.

Marti: Dort ist es überhaupt nicht super. Es gibt keine Laufkundschaft, was dem Besitzer zu schaffen macht. Die grossen Detailhändler wie Migros und Coop reagieren nicht auf Ausschreibungen von Ladenlokalen, sondern gehen direkt auf Hausbesitzer zu und bieten ihnen das Mehrfache. Die angestammten Mieter fliegen raus, und die Detailhandelsriesen übernehmen nach und nach die Langstrasse.

Ist das nicht bedenklich?

Roy: Es kommt auf den Fall an. Der Laden Peter & Vreni konnte auf der anderen Strassenseite ausbauen und mit einem Teil des Ladens verbleiben – das ist doch kein Weltuntergang. In anderen Fällen muss man etwas unternehmen und punktuell in den Markt eingreifen: etwa gemeinnützige Bauträger subventionieren und ihnen so ermöglichen, im Quartier Raum für lokale Geschäfte zu schaffen.

Urech: Ein paar Meter von Peter & Vreni entfernt, wo einst das Café El Greco war, zog die Migros ein, und alle Linken standen damals kopf. Jetzt ist da das Kafi Lang, das ein In-Lokal der linken Szene geworden ist.

Migros und Coop sind inzwischen mit etlichen Filialen, Take-aways und Restaurants präsent. Ist das nicht zu viel vom Immergleichen?

Roy: Ja, aber wenn Migros und Coop nicht gefragt wären, dann hätten sie auch keine Kunden. Wer soll denn investieren, um die Kleinen zu erhalten? Wir können den Hausbesitzern nicht vorschreiben, wem sie ihre Flächen vermieten.

Frau Marti, Ihre Kollegen sind überzeugt, dass der Markt es richtet. Sind Sie eine Verhinderin der ökonomischen Entwicklung?

Marti: Das würde ich nicht so sagen. Das Problem ist, dass dadurch eine andere unerwünschte Entwicklung gefördert wird: Das Angebot lockt noch mehr Partytouristen an, weil es auf sie ausgelegt ist und nicht auf die Quartierbevölkerung. Wir haben im Langstrassenquartier bereits jetzt viele Lärmklagen, gerade auch von Zuzügern.

Roy: Ich war auch jung und habe auf der Dachterrasse an der Langstrasse Lärm gemacht. Lärm gehört dazu. Dich nervt er am neuen Platz beim Denner auch nur, weil es nicht deine Szene ist.

Marti: Das stimmt nicht. Lärm muss sein, gerade in der Stadt. Mit all den neuen Take-aways, die lange geöffnet sind, und den Grossdetailhändlern, die Alkohol verkaufen, wird der Lärm aber zusätzlich gefördert. Die neuen Lokale scheren sich oft nicht um die Bewohner, sie wollen einfach schnell viel Geld machen. Die Probleme, die daraus entstehen, soll dann jemand anders ausbaden.

Roy: Das hat mit der gesellschaftlichen Entwicklung zu tun. Junge machen immer noch viel Party, sie glühen aber vor und nach. Früher hatte man an der Langstrasse mit Prostitution und Drogen Probleme. Die Langstrasse ist ein Hotspot, der sie hoffentlich auch bleibt.

Urech: Damals bei den Lärmklagen auf dem Koch-Areal sagten die Linken auch, dass die Anwohner ja wegziehen können, wenn sie Ruhe wollen.

Was wäre Ihre Lösung?

Urech: Es ist schwierig. Früher hat der Ausgang um 22 Uhr begonnen und eher aufgehört. Heute geht es erst um 2 Uhr richtig los, und dann: pissen, scheissen, bumsen – alles. Ich weiss nicht, wie man diese Auswüchse regulieren soll.

Roy: Es braucht Selbstregulierung. Die Barkommission tut das bereits, zusammen mit Stadtrat Richard Wolff. Das funktioniert gut. Die Clubbetreiber haben selber ein Interesse daran, dass die Gäste sich drinnen und nicht auf der Strasse aufhalten. Staatliche Kontrolle und Polizei nützen weniger.

Urech: Man sollte das Rauchverbot im Langstrassenquartier aufheben, damit man wieder drinnen rauchen kann. Es wäre ein hilfreiches Mittel gegen Lärm. Ich reiche dazu einen Vorstoss ein!

Roy: Solche Orte gibt es ja: Im Restaurant Le Chef oder im Club Klaus darf man rauchen. Durchgehend das Rauchverbot aufzulösen, fände ich schwierig. Für die Angestellten wäre es eine starke Belastung.

Marti: Ich finde es sympathisch, wenn man drinnen rauchen darf. Aber die Leute sind vor allem laut, weil sie trinken und sich amüsieren. Das Problem bleibt die Aufwertung: Sie zieht Menschen an, die hohe Preise zahlen können und dafür Ruhe wollen.

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