«Das ist ein Wunder. Ich könnte weinen»

Bernie hat in den 90er-Jahren auf dem Platzspitz Crack konsumiert. 30 Jahre war er süchtig. Jetzt kehrt er in den Park zurück.

Bernie (50) hat eine 30-jährige Drogengeschichte hinter sich.

Bernie (50) hat eine 30-jährige Drogengeschichte hinter sich. Bild: Andrea Zahler

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Bernie sitzt auf der Wiese im Platzspitzpark. Von 1989 bis 1993 hat er hier Drogen konsumiert, und als der Park geschlossen wurde, zog er weiter zum Letten. Als auch der Letten 1995 zugemacht wurde, kam Bernie sieben Monate ins Gefängnis.

Bernie ist ein Pseudonym, um die Anonymität zu gewährleisten. Er ist 50 Jahre alt und gebürtiger Stadtzürcher. Seit 2003 ist er Mitglied der Narcotics Anonymous Schweiz, die dieses Wochenende ihr 30-jähriges Bestehen feiern (siehe Box). Seit 2011 ist Bernie clean.

Was denken Sie, wenn Sie sich umsehen?
Es ist ein sehr schöner Park.

Sie haben keine Bilder, die hochkommen?
Wenn ich sie abrufe, kommen sie sofort. Aber heute ist es wirklich gut. Als ich 2003 das erste Mal dank NA clean wurde, haben die ersten Meetings vis-à-vis vom Platzspitz stattgefunden, im Häxehüüsli im Jugendhaus Dynamo. Die Treffen waren zweimal in der Woche. Wenn ich mit dem Zug im Hauptbahnhof Zürich ankam, habe ich immer einen Umweg zum Dynamo gemacht, ich bin nie durch den Park gegangen. Das ging einfach nicht.

Wann waren Sie das erste Mal wieder hier?
2013. 2004 bin ich abgestürzt, 2010 ging ich erneut zu den Meetings im Häxehüüsli. Drei Jahre später war ich das erste Mal wieder im Park. Ich weiss noch genau, wie es damals war: Ich stieg beim Bahnhof aus, spielte auf dem Handy und merkte erst mitten im Park, dass ich jetzt auf dem Platzspitz bin. Es war Frühling, die Bäume und Blumen blühten, es duftete, die Vögel zwitscherten – und das von früher war plötzlich alles weg. Der Platzspitz war einfach nur noch ein schöner Park.

Ging es Ihnen damals so gut, dass Sie sich gegen den Gang durch den Park nicht mehr wehren mussten?
Ich glaube schon, dass ich durch all diese NA-Meetings anders geworden bin, dass ich mit Situationen anders umgehen kann als früher.

Sie sind jetzt fünfzig – über die Hälfte Ihres Lebens waren Sie drogensüchtig.
Drei Jahrzehnte lang. Mit elf bekam ich Psychopharmaka, mit dreizehn begann ich mit weichen Drogen und Alkohol, mit 16 fing ich an zu koksen, mit 19 kam meine Lieblingssubstanz Crack. Das ist eine lange Zeit, und es braucht auch lange, das zu verstehen. Irgendwann habe ich die Hoffnung auf eine bessere Vergangenheit aufgegeben. Es dauert, um sich neue Dinge anzutrainieren.

Sie mussten sich selber neu programmieren?
Ja, vielleicht kann man das so sagen. Sucht hat so viel mit dem Denken zu tun, Sucht ist die Erkrankung des Denkens. Ich musste anfangen, mein Denken zu verändern.

«Leugnung ist ein zentraler Punkt bei einem süchtigen Menschen. Ohne funktioniert das Drogennehmen gar nicht.»

Wie war dieses Denken?
Ein Teil betraf meinen Umgang mit meiner Problemsubstanz Crack. Ich dachte: Wenn ich die nur weglasse, dann habe ich alles wieder im Griff. Dass das eine Form von Zwanghaftigkeit und Besessenheit sein könnte, war mir nie bewusst.

Wie meinen Sie das?
Wenn man es nie schafft, allein aufzuhören – wenn man immer wieder verhaftet werden muss, in den Entzug gehen muss, denkt man schnell einmal: Sobald man draussen ist, kriegt man es in den Griff. Dann kommt alles gut, irgendwann. Aber das stimmt einfach nicht. Oder mit den alten Kumpels: Wie oft nahm ich mir vor, in der Gassenchuchi vorbeizugehen und ihnen nur schnell Sali zu sagen? Und am Tag danach war ich immer total überrascht, wenn ich mit einem Rückfall aufgewacht bin und mich in den Boden geschämt habe. Und mein Bankkonto leer war.

Sie haben sich selber etwas vorgemacht – was alle Menschen mal tun. Bei Ihnen war es verhängnisvoll.
Leugnung ist ein zentraler Punkt bei einem süchtigen Menschen. Ohne Leugnung funktioniert das Drogennehmen gar nicht. Und auch wenn man aufgehört hat, besteht die Gefahr immer noch, dass man sich selber etwas vormacht. Im Programm der NA ist Ehrlichkeit eines der wichtigsten Prinzipien, die wir befolgen.

Und wohl etwas vom Anspruchsvollsten.
Ja, man kann sich nicht einfach sagen: So, ab jetzt bist du immer ehrlich. Ich habe noch ganz viele blinde Flecken.

Können Sie sich solche blinden Flecke verzeihen?
Jahrelang suchte ich danach, wie ich mir liebevoll einen Tritt in den Arsch geben könnte. Es ist eine Gratwanderung. Ich musste für mich eine Veränderung des Wortes Disziplin zustande bringen. Disziplin war für mich immer etwas extrem Hartes und Liebloses.

Drill?
Genau. Disziplin kann eigentlich etwas sehr Nachhaltiges, Konstruktives und Liebevolles sein, aber das musste ich erst herausfinden.

Wie lautet die liebevolle Definition?
Im Prinzip läuft es darauf hinaus: Irgendwann musste ich aufhören, gegen meine Krankheit zu kämpfen, und mich stattdessen für meine Genesung und mein Leben einsetzen. Von diesem Dagegen, von diesem Negativen musste ich weg, weg von Kampf und Krieg, hin zum Aufbauenden, Wohltuenden. Ich wollte nicht mehr wie einer sein, der das erste Mal in den Kraftraum geht und danach so Schmerzen hat, dass er nie mehr hinwill. Ich will für meine Genesung gerade so viel geben, dass ich am nächsten Tag dieses leichte Kitzeln in den Muskeln habe. Das mich reizt, noch mehr zu machen, weil es sich gut anfühlt.

«Mit der ersten Droge in meinem Leben war es, als wäre ein ganzes Computerprogramm gestartet worden, von dem ich mich nicht lösen kann.»

Glauben Sie, dass Sie sich seit Ihrem Rückfall damals vor 15 Jahren liebevoller begegnen? Dass Sie weitergekommen sind?
Das ist schwer zu beantworten … Zuerst einmal muss ich verstehen, warum ich immer wieder bei den Drogen gelandet bin. Es geht beim Drogenkonsum darum, meine Sicht auf die Realität zu verändern, statt die Realität verändern zu wollen.

Das heisst?
Wenn eine Situation eintrifft, die eine bestimmte Emotion in mir auslöst, dann laufe ich als Süchtiger Gefahr, das nicht auszuhalten und es wegmachen zu wollen. Dieser Impuls bleibt immer in meinem Gehirn gespeichert. Zu wissen, dass es so einfach wäre, mich zu betäuben, zu flüchten. Mit der ersten Droge in meinem Leben war es, als wäre ein ganzes Computerprogramm gestartet worden, von dem ich mich nicht lösen kann. Ich habe die Kontrolle abgegeben. Dann kommt wieder die Leugnung, und ich verspreche mir: Dieses Mal ist es anders als die hundert Mal davor. Es kann mir durchaus gelingen, eine okaye Phase zu haben, aber irgendwann schickt mir das Leben etwas, das mir ein bisschen mehr wehtut als alles vorher, und dann nimmt es mich wieder voll rein.

Jetzt auch?
Ich bin seit Jahren weg von den Substanzen. Ich trinke keinen Alkohol, rauche nicht. Ich brauche einfach Menschen um mich, ihre Feedbacks. Ich muss wissen, welche Konsequenzen meine Entscheide haben können. Darum sind die Gruppentreffen so wichtig für mich, weil ich mich dort mit anderen besprechen kann. Mein Sponsor (Mentor; Anm. d. Red.) sagte mir einmal: Glaube nicht alles, was dein Kopf dir sagt.

Sie können sich auf Ihre Intuition nie ganz verlassen?
Inzwischen kann ich das recht gut. Aber ich sichere mich bei anderen Leuten ab. Jeder redet in den Meetings von seinen Erfahrungen. Wenn etwas dabei ist, das ich brauchen kann, nehme ich das mit und versuche, es für mich zu verwenden und umzusetzen. Manchmal kommt Ordnung in das Chaos in meinem Kopf, wenn ich es vor anderen laut ausspreche. Reden hilft einfach. Alles mit mir selber auszutragen, hat in der Vergangenheit nicht sonderlich gut funktioniert.

War das ein treibender Faktor in Ihrer Drogengeschichte, dass Sie mit niemandem reden konnten?
Das sind Fragen, die ich mir oft gestellt habe. Ich weiss nicht, ob es Antworten gibt. Ich kann mich nur sehr gut an mein erstes Mal mit Drogen erinnern. Ich war sieben, habe an einem Fest meiner Familie Weisswein getrunken. Eigentlich war es ganz harmlos, und meine Verwandten fanden lustig, wie ich gegigelt habe. Die Erinnerung blieb mir bis heute: Ich fühlte mich leicht, befreit. Und auch später, beim ersten Joint, fühlte es sich an wie die Lösung für allen Scheiss. Diese Lösung habe ich auf alle Lebenssituationen angewendet. Es funktionierte ja auch immer. Bei Müdigkeit, bei Herzschmerz, wenn ein Verwandter stirbt, der Hamster.

War Ihnen dieser Mechanismus bewusst?
Der wurde mir erst durch das 12-Schritte-Programm von NA klar. Schritt eins ist, überhaupt zu verstehen, was das Ausmass des eigenen Desasters ist. Die Schritte sollen helfen, die eigene Krankheit zu akzeptieren, einzusehen, dass man nicht alles besser weiss, und Verhaltensweisen aufzudecken.

Bei welchem Schritt sind Sie jetzt?
Ich bin nun in der dritten Runde der 12 Schritte und gerade bei Nummer vier: «Eine gründliche und furchtlose Inventur seiner selbst machen.» Beziehungen mit Menschen sind gerade ein grosses Thema für mich, ich hatte bisher keinen gesunden Umgang mit mir selber und anderen. Es ist, als würde ich in den Keller runtersteigen, in dem ich so vieles verstaut habe, und mit der Taschenlampe hineinleuchten. Aber eigentlich muss ich nicht Angst haben vor dem, das dort unten versteckt ist. Ich muss mehr Angst haben davor, dass es mich irgendwann einholt.

Was kommt nach dem letzten Schritt, «die Botschaft an andere Betroffene weiterzugeben»?
Es ist nie fertig. Aber jetzt bin ich gerade mitten auf dem Platzspitz. Cleane Süchtige organisieren hier gemeinsam einen Event und keine Massenorgie – für mich ist das ein Wunder. Ich könnte weinen. Die beste Aussage, die ich machen kann: Ich bin gerade so sehr in der Gegenwart wie nie zuvor.

Erstellt: 19.07.2019, 17:06 Uhr

Ex-Süchtige feiern auf dem Platzspitz

Dieses Wochenende findet auf dem Platzspitz der 35. Europäische Kongress der Narcotics Anonymous – der anonymen Drogensüchtigen – statt. Erwartet werden 1500 ehemalige Süchtige aus dem In- und Ausland, die sich in diversen Podien, Workshops und Diskussionsrunden austauschen. Frühere Drogenkonsumenten erzählen von ihren Erfahrungen auf dem Platzspitz, Fachpersonen können sich über die Selbsthilfegruppe informieren.

Die Schweizer Sektion der Anonymen Abhängigen feiert ihr 30-jähriges Bestehen. Narcotics Anonymous ist die welt- wie auch schweizweit grösste Selbsthilfegruppe für Drogenabhängige. (rar)

Informationen: www.eccna.eu

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