Der Schütze kam zum Tee nach dem Gebet

In einer Moschee in Zürich wurden am Montag drei Menschen angeschossen. An Wochenenden werden dort Kinder unterrichtet. Die somalische Gemeinschaft ist tief betroffen.

Ist bestürzt: Bashir Gobdon kennt die Opfer und Angehörigen der Schiesserei in Zürich. (Video: Lea Koch und Patrice Siegrist)

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Am Montagabend fielen im Stadtkreis 4 Schüsse in einer Moschee. Drei Menschen wurden verletzt. Die Spezialeinheit der Polizei rückte aus. Diensthunde und Forensiker waren vor Ort. Kurze Zeit später finden Polizisten unweit des Tatorts bei der Rio-Bar eine leblose Person. Laut einer Meldung der Kantonspolizei handelt es sich beim Toten um den Schützen.

Gemäss Bashir Gobdon vom somalischen Kulturverein in Zürich ereignete sich die Tat nach dem Gebet. Es seien nur noch wenige Menschen vor Ort gewesen: «Nur der Imam und drei weitere Kollegen, die Tee getrunken haben.» Gobdon kann sich derzeit noch nicht erklären, wieso das alles passiert ist: «Wir leben hier in einem friedlichen Land. Wir sind sehr, sehr überrascht.» Ein Somalier sagte einem TA-Reporter vor dem Islamischen Zentrum, er habe gehört, dass es sich beim Schützen um eine Person mit «weisser Hautfarbe» gehandelt habe.

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Schock sitzt tief

Die somalische Diaspora sei zutiefst schockiert über die Ereignisse des gestrigen Abends, sagt Gobdon. Er telefoniere viel – mit Bekannten und Angehörigen. Er versuche die Menschen zu beruhigen. «Viele Somalier, die hier leben, sind geflüchtet, haben nur einen vorläufigen Aufenthaltsstatus, und nun passiert so was in ihrem Treffpunkt – hier im sicheren Zürich.»

Die betroffene Moschee, das Islamische Zentrum an der Eisgasse 6, existiert seit den 90er-Jahren. Früher verkehrten dort mehrheitlich Araber. Diese seien aber nach Glattbrugg umgezogen. Seit rund fünf Jahren wird sie vor allem von Somaliern besucht. Gemäss Moneyhouse hat das Somalisch-Islamische Kulturzentrum Schweiz dort seit August 2015 ihren Sitz. Im Zweck ist dort vermerkt, der Verein werde sich «abseits jeglicher regionalen oder nationalen Erwägung halten sowie auch jeder extremistischen oder terroristischen Tendenz.»

Das Gebet stehe allen offen, so Gobdon. Am Samstag und Sonntag gehen dort somalische Kinder in die Koranschule. Gobdon sagt, die somalische Gemeinschaft sei darauf bedacht, in Zürich nicht negativ aufzufallen. Werte wie Freiheit und Demokratie seien ihnen wichtig. Nun habe es seine Gemeinschaft getroffen: «Das ist einfach nur schockierend, schockierend, schockierend.»

Enttäuscht zeigt sich Gobdon über die ausbleibenden Reaktionen der Zürcher Politiker. Während sie bei Anschlägen wie in Paris oder Nizza immer schnell ihr Bedauern ausgesprochen hätten, sei bislang noch kein Zeichen der Solidarität ihnen gegenüber gesendet worden: «Aber es ist ja auch noch früh.»

«Liebe als Antwort auf Hass»: Eine Kerze und eine Karte vor dem Islamischen Zentrum in Zürich. Bild: Stefan Hohler

Kantonspolizei informiert

Um 14 Uhr will die Kantonspolizei zusammen mit der Staatsanwaltschaft über weitere Hintergründe der Tat informieren. Schon am Dienstagmorgen kommunizierte die Kantonspolizei via Twitter, dass nichts auf eine Verbindung zur Terrormiliz IS hindeute.

(sip/hoh)

Erstellt: 20.12.2016, 10:05 Uhr

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