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Das Kalkül der Besetzer ging auf

Indem die Labitzke-Besetzer die offene Konfrontation vermieden, bewahrten sie sich einen Rest Sympathie.

MeinungVon Simon Eppenberger

Es war ein eigentümliches Strassentheater, das die Labitzke-Besetzer und weit über hundert Polizisten in diesen Tagen aufführten. Beim ersten Akt am Montag machte sich ein Demonstrant über die Beamten lustig, indem er vorspielte, seine Arme in Abfallcontainern «einbetoniert» zu haben, und so stundenlang den Verkehr blockierte. Bemerkenswert begann gestern auch der zweite Akt. Die Besetzer informierten via SMS über die Räumung. Und zwar alle, die «Start Labitzke» an eine Kurznummer gesendet hatten. Ein Grad an Organisation und Öffentlichkeit, der neu ist. Pünktlich zum Aufmarsch der Polizisten standen Medienleute und Demonstranten bereit, um der Räumung beizuwohnen. Was es zu sehen gab, war ungewöhnlich für Zürich: Kein Stein flog, kein Tränengas breitete sich aus.

Damit ging das Kalkül der Besetzer auf. Mit passivem Widerstand schaffte es eine Handvoll von ihnen, während eines halben Tages eine Hundertschaft an städtischen Angestellten zu beschäftigen. Früher gingen Räumungen mit dem Einsatz von Gummischrot und Massenverhaftungen jeweils sehr schnell über die Bühne. Indem sie die offene Konfrontation vermieden, erreichten die Besetzer zwei Ziele: Sie inszenierten sich als Opfer der Gentrifizierung und verwandelten die Vertreibung von «ihrem» Areal in ein stundenlanges Polittheater. Damit bewahrten sie sich einen Rest Sympathie. Selbst die Linke toleriert in Zürich seit einiger Zeit keine Ausschreitungen und Auswüchse mehr – wie etwa nach dem Saubannerzug im Anschluss an die Binz-Party im März 2013, als ein Schaden von über einer Million Franken zurückblieb.

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