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Das kastrierte Konzertlokal

Die Zürcher Bar am Egge kämpfte mit einem lärmempfindlichen Nachbarn – und fand eine unkonventionelle Lösung.

Muss ab sofort bei Konzerten ohne Schlagzeug auskommen: Die Bar am Egge.
Muss ab sofort bei Konzerten ohne Schlagzeug auskommen: Die Bar am Egge.

Ein Lokal veranstaltet regelmässig Konzerte – aber Bands mit Schlagzeug oder Klavier sind tabu. Was absurd scheint, ist für die Bar am Egge im Zürcher Kreis 7 inskünftig Realität. Die Beschwerde eines Nachbarn im gleichen Haus führte zu dieser Sonderlösung, welche die Betreiber mit dem Eigentümer der Liegenschaft ausgehandelt haben.

«Es bleibt uns nichts anderes übrig, als uns mit dieser Lösung zufriedenzugeben», sagt Andy Grenacher, der das Lokal mit Regina Hürlimann führt. Denn zuvor waren die beiden noch stärker eingeschränkt: Seit Dezember letzten Jahres liess der Hauseigentümer gar keine Konzerte nach 20 Uhr mehr zu. «Das war extrem einschneidend. Seither hat sich unser Umsatz halbiert», sagt Grenacher.

Ab wann ist Lärm Belästigung?

Seit der Eröffnung im April 2016 hat die Hottinger Bar zwei bis drei Konzerte pro Woche veranstaltet. Der Besitzer der Liegenschaft sei damit einverstanden gewesen. Erst mit der Beschwerde des Mieters wurden die Liveauftritte zeitlich bis 22 Uhr beschränkt. «Zusätzlich haben wir Schallschutzwände eingebaut», sagt Grenacher. Ein noch besserer Lärmschutz sei im alten Gebäude laut einem Bauphysiker kaum umsetzbar.

Die Lösung hielt, bis der Mieter auch den Betrieb zwischen 20 und 22 Uhr torpedierte. Dabei bezog er sich auf die «Allgemeine Polizeiverordnung» der Stadt Zürich, in der es heisst: «Aktivitäten im Innern von Gebäuden und solche, die ins Freie wirken, dürfen Dritte nicht erheblich belästigen.» Was dabei «nicht erheblich belästigen» bedeutet, ist nicht präziser definiert, sagt Michael Walker, Sprecher der Stadtpolizei Zürich. Laut Verordnung ist zudem während der Ruhezeit zwischen 20 und dem Beginn der Nachtruhe um 22 Uhr «dem Erholungsbedürfnis der Bevölkerung Rechnung zu tragen». In dieser Zeit ist zwingend eine Anzeige nötig, bevor die Stadtpolizei tätig wird. Ab Beginn der Nachtruhe kann bei Lärm auch eine Verzeigung ohne Anzeige ausgesprochen werden.

Konzertverbot im Kafi für Dich

Dass Konzertlokale unter Lärmklagen leiden, ist nichts Neues – auch mitten im Kreis 4. Das jüngste Beispiel ist das Kafi für Dich, das den Konzertbetrieb im vergangenen Herbst nach sieben Jahren einstellen musste, wie die NZZ berichtete. Auch hier hatten die Betreiber zuvor auf das Schlagzeug verzichtet und Schallisolierungen installiert. Und auch hier haben sich andere Mieter regelmässig beklagt. Im Unterschied zur Bar am Egge hat ein Paar aber die Polizei eingeschaltet.

Den Ausschlag zum Verbot gab der zuständige Kreisarchitekt: Für Konzerte sei eine Spezialbewilligung nötig. Aufgrund des notwendigen Baugesuchs inklusive Gutachten befand das Amt für Umwelt- und Gesundheitsschutz (UGZ), dass die Bauszubstanz des Gebäudes für Konzerte nicht geeignet sei.

Unerreichbarer Grenzwert

Die Auflagen sind streng: In angrenzenden Wohnungen darf der Lärmpegel 29 Dezibel nicht überschreiten. «Dieser Grenzwert kann nur in Neubauten eingehalten werden» sagt Michel Häberli, einer der Betreiber des Kafi für Dich, zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Mich ärgert, dass ein einzelner Nachbar den ganzen Betrieb lahmlegen kann.» Denn der Kreisarchitekt ist nur aufgrund der Lärmklage aktiv geworden. «Toll wäre es, wenn eine private Lösung gefunden werden kann», sagt Häberli. Insofern kann sich die Bar am Egge glücklich schätzen, denn die Rechtslage spricht in der Stadt Zürich für den Lärmklagenden – zumindest bei Bars ohne reguläre Konzertbewilligung.

Die Betreiber des Kafi für Dich wollen sich aber noch nicht geschlagen geben. Man habe einen Bauanwalt eingeschaltet. Es gebe vom neuen Baugesuch bis zum Rekurs «verschiedene Wege», um den Konzertbetrieb in der Bar bei der Bäckeranlage wieder zu ermöglichen. Geplant ist auch ein Crowdfunding zur Finanzierung der entstehenden Kosten.

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