Das Knabenschiessen rentiert nicht mehr

Für viele Schausteller ist Zürichs grösste Chilbi zu teuer geworden. Sie müssten die Preise erhöhen – mit absehbaren Folgen.

Die Bahnen sind aufgestellt, das Fest kann beginnen – doch für die Schausteller sieht es düster aus. Foto: Reto Oeschger

Die Bahnen sind aufgestellt, das Fest kann beginnen – doch für die Schausteller sieht es düster aus. Foto: Reto Oeschger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Lustige drei Tage sollen es werden im Zürcher Albisgüetli, Knabenschiessen, Bombenstimmung. Explosiv ist sie tatsächlich. Wer die Schausteller nach ihren Preisen fragt, öffnet ein Überdruckventil. Der Betreiber einer Geisterbahn ruft aus, er sage gar nichts dazu. «Sonst heisst es bloss wieder, die Chilbi sei zu teuer!»

Es ist die entnervte Stimme einer Branche, die in Zürich zerrieben zu werden droht zwischen gestiegenen Kosten und begrenzten Einnahmemöglichkeiten. Das Knabenschiessen, einst Geldmaschine Nummer eins unter den dreitägigen Festen, hat diesen Status verloren, wie eine Umfrage unter den Schaustellern ergibt. Am Albanifest in Winterthur oder an der Wädenswiler Chilbi verdiene man besser.

 «3 Tage Knabenschiessen kosten mehr als 16 Tage am Münchner Oktoberfest.»Eugen Zanolla, Bahnbetreiber

Das liegt nach Einschätzung der Schausteller an der Schützengesellschaft der Stadt Zürich, die das Fest ausrichtet. Sie habe die Preise für einen Platz am Knabenschiessen vor rund zehn Jahren stark erhöht. Umstritten ist nur, ob diese seither an der oberen Grenze liegen oder drüber. Eugen Zanolla, in dritter Generation im Geschäft, lässt Zahlen sprechen: «3 Tage Knabenschiessen kosten für die meisten Bahnbetreiber mehr als 16 Tage am Münchner Oktoberfest.»

Kein Geschäft für niemand?

In welchem Umfang die Platzgelder erhöht wurden, ist bei der Schützengesellschaft nicht in Erfahrung zu bringen. Sie bestätigt nur, dass man heute für einen kleinen Stand gut 800 Franken zahlt und für eine grosse Bahn bis zu 20'000 Franken. Hinzu kommen Parkgebühren für die Wohnwagen des Personals.

Die Schützen wehren sich gegen den Eindruck, auf dem Buckel der Schausteller ein Geschäft zu machen. Das Knabenschiessen beschere ihnen einen Verlust im sechsstelligen Bereich, sagt Sprecher Stefan Bachmann. In den Bilanzen von 2016 und 2017 waren Defizite von 45'000 und 68'000 Franken ausgewiesen. Hauptgrund sind laut Bachmann erhöhte Sicherheitsauflagen der Stadt, wie sie auch dem Züri-Fäscht zu schaffen machen.

Mit anderen Worten: Die Organisatoren geben nach eigener Darstellung bloss den Kostendruck an die Schausteller weiter. Was sie tun können, da sich über 700 Bewerber um die 300 Plätze am Knabenschiessen balgen. Der Markt spielt. Logische Folge müsste sein, dass die Schausteller ihrerseits die Preise fürs Chilbi-Publikum erhöhen – aber das passiert kaum.

«Es kann nicht sein, dass ein Lehrling nach der vierten Bahn kein Geld mehr im Sack hat.» Heinz Büttler, Platzmeister

Das liegt zum einen daran, dass dies die Schützengesellschaft nicht will. Das Knabenschiessen solle ein Familienfest bleiben, sagt Platzmeister Heinz Büttler. «Es kann nicht sein, dass ein Lehrling nach der vierten Bahn kein Geld mehr im Sack hat.» Als er vor ein paar Jahren einen Schausteller ertappte, der in Stuttgart nur halb so viel verlangte wie in Zürich, teilte er ihm mit, er müsse nicht mehr kommen. Manche Schausteller verzichten aus Prinzip auf eine Preiserhöhung oder weil der Markt nicht mehr hergibt. Paul Leuppi, der die nostalgische Calypso-Bahn aus den Sechzigern betreibt, sagt: «Vom Aufwand her müsste ich von vier auf sechs Franken erhöhen – aber das würde die Leute verärgern.»

15 Franken für eine Fahrt

Mehr als sechs Franken verlangen am Knabenschiessen nur die Betreiber einzelner moderner und besonders spektakulärer Bahnen. Über die Billette amortisieren sie den Unterhalt und zum Teil auch hohe Leasingraten für die millionenteuren Geräte. Am teuersten ist dieses Jahr eine Fahrt mit der 52 Meter hohen Maxximum 2: 15 Franken.

Andere finden solche Preise übertrieben. Schlecht fürs Geschäft, weil das auf alle abfärbt. Sie würden den Zürcher Termin am liebsten auslassen, aber es fehle die Alternative. Keine andere Gemeinde legt ihre Chilbi auf dieses Wochenende. Zudem bleibt das Knabenschiessen ein Schaulaufen der Szene, es geht ums Prestige. Drum sind die Schausteller da wie jedes Jahr, blasen Trübsal und hoffen aufs Wetter: Nicht zu schön sollte es sein, weil die Leute sonst an den See gehen, aber auch nicht nass. Ein Regentag, und für die Ersten geht die Rechnung nicht mehr auf. Das könnte eng werden.

Erstellt: 07.09.2019, 14:25 Uhr

Artikel zum Thema

Mit einem Zwanzigernötli ans Knabenschiessen: Geht das?

Freefall-Tower, Chaospendel und Rössli-Karussell: Wir haben ausprobiert, wie weit man am Knabenschiessen mit einem «Chilbibatzen» von 20, 50 und 100 Franken kommt. Mehr...

Knabenschiessen: Riesenrad-Teile krachen beinahe auf Arbeiter

Video Die Chilbi am Knabenschiessen wartet dieses Jahr mit drei neuen Bahnen auf. Eine davon bricht Schweizer Rekorde – und hat beim Aufbau für einen Schock gesorgt. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Reparaturen am Schiff: Ein Mann arbeitet auf einer Werft entlang des Buriganga Flusses am südlichen Rand der Stadt Dhaka in Bangladesch. (15. Oktober 2019)
(Bild: Zakir Hossain Chowdhury/NurPhoto/Getty Images) Mehr...