Radio statt Tequila: Auf La Catrina folgt GDS.FM

Nach 10 Jahren schliesst die Bar im Kreis 4. Aus dem Lokal sendet bald das Zürcher Webradio.

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In Mexiko hat der Tod seinen festen Platz im Leben der Menschen. Am augenscheinlichsten ist das am Tag der Toten, wenn nach altmexikanischem Glauben die Dahingeschiedenen aus dem Jenseits zurückkommen und mit den Lebenden feiern. Dann sind die Skelette, die sogenannten Calaveras, allgegenwärtig. Das berühmteste Knochengerüst ist «La Catrina» – die Namensgeberin der Bar im Kreis 4.

Auch hier: Überall Totenköpfe, die fröhlich-morbid vor sich hin grinsen. Authentisch mexikanisch – hier trinkt man seinen Tequila, wie man ihn in Mexiko-Stadt trinken würde. Das hat seinen Grund: Patrick Häberlin, der das kleine Lokal vor ziemlich genau zehn Jahren eröffnet hat, ist dort aufgewachsen.

Nun ist Schluss, La Catrina está muerta. Und dieser Tod nach 10 Jahren will ebenfalls in mexikanischer Manier gefeiert werden: Ein letztes Mal die Tequila-Gläser heben können Freunde des Lokals am Freitag bis in die frühen Morgenstunden. Im La Catrina gilt: Früh kommen lohnt sich – die kleine Bar wird brechend voll sein. Auch das gehörte immer zum Charme.

Ein Förderer verschwindet

Was bleibt Häberlin in Erinnerung? «Die Musik, die vielen tollen Konzerte.» Über tausend sollen es im Verlaufe der 10 Jahre gewesen sein. Immer dienstags und donnerstags konnte im intimen Rahmen der Musik gelauscht werden, die (noch) kaum in den Musikmagazinen vertreten oder selten in den Radios gespielt worden war. «Ich glaube, es ist nicht vermessen, zu sagen, dass wir vielen aufstrebenden, jungen Künstlern eine Plattform geboten haben», sagt Häberlin. So trat beispielsweise das Popduo Boy hier auf, kurz bevor es im grossen Volkshaus ein Konzert spielte. Und die Zürcher Rockpopband Hecht hatte im La Catrina ihren allerersten Auftritt.

«Wir haben bis heute etwa vierzig Anfragen von Bands pro Monat und konnten immer wählerisch sein», sagt Häberlin. Trotz kleiner Location und knappem Budget – oder auch wegen. Denn diese Faktoren hätten auch ihre Vorteile: Es sei nie der Druck da gewesen, allzu viele Leute anzulocken. In dieser Grösse und dem Schwerpunkt im Indierock-Bereich war die Bar in Zürich wohl tatsächlich einzigartig.

Am Anfang habe er Glück gehabt und gute Kontakte knüpfen können. «Nebst der Musik bleiben die Menschen in Erinnerung – und die grossartigen Partys bis spät in die Nacht.» Warum die Schliessung, wenn alles so stimmig war? «Es kommen vor allem zwei Dinge zusammen», sagt der 39-jährige Häberlin. «Erstens bedeutet die Bar viel Arbeit, und ich möchte meine Familie und meine Kinder nicht dahinter zurückstellen.» Auch sein – ebenfalls mexikanisches – Restaurant El Luchador beanspruche viel Zeit. Zweitens habe sich das Langstrassenquartier stark verändert. Zu herausgeputzt, zu wenig wild ist es Häberlin heute. «Aber es entsteht auch tolles Neues – und auch das La Catrina braucht nach zehn Jahren eine Veränderung. Diese können jüngere Menschen besser vorantreiben als ich.»

GDS.FM wird Wirt

Das Lokal an der Kurzgasse wird tatsächlich bald von Jungen wiederbelebt: Ende April feiern die Macher des Zürcher Webradios GDS.FM ihre Premiere als Wirte. Am Standort des La Catrina entsteht unter neuem Namen und mit neuer Einrichtung «eine Bar mit Radiostudio». Dem Kreis 4 bleibt damit auch ein Konzertlokal erhalten: «Es wird mindestens ein Konzert pro Woche geben», sagt Christian Gamp, Gründer von GDS.FM. Von Mittwoch bis Samstag wird das kleine Lokal im Hinterzimmer der Langstrasse also weiterhin ein Anziehungspunkt für audiophile Bargänger sein.

Erstellt: 23.03.2017, 10:54 Uhr

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