«Das Lampenfieber habe ich deutlich besser im Griff»

Die Zürcher Sängerin Anna Känzig ist für den Swiss Music Award 2017 zweifach nominiert.

Keine Angst vor grossen Tieren und Tönen: Anna Känzig beim Zürcher Zoo. Foto: Reto Oeschger

Keine Angst vor grossen Tieren und Tönen: Anna Känzig beim Zürcher Zoo. Foto: Reto Oeschger

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Wenn Anna Känzig genug hat von Terminen, Bandraum, Aufnahmen und Auftrittsstress, geht sie joggen, unternimmt einen Spaziergang auf den Uetliberg oder besucht den Zürcher Zoo. «Ab und zu muss ich meinen Kopf durchlüften. Das geht am besten unter freiem Himmel.» Die 32-jährige Sängerin, die im Kreis 5 wohnt, steht vor dem Elefantengehege im Zoo und schiesst mit ihrem Smartphone einige Fotos der Dickhäuter. Später wird sie die Bilder auf ihrem Instagram-Profil veröffentlichen.

Es ist früh am Morgen, nur wenige Besucher sind unterwegs. Känzigs Lieblingstiere sind die Elefanten. «Schon als Kind haben mich diese starken, grossen Tiere fasziniert», sagt sie, «sie besitzen etwas Beruhigendes, Bodenständiges, und mir gefällt ihr ausgeprägter Familiensinn.» Schlangen und Spinnen hingegen sind nicht ihre Favoriten.

Grosse Tiere, grosser Auftritt: Dies ist heute der Fall. Die Künstlerin ist für den Swiss Music Award 2017 nominiert, der heute Freitagabend verliehen wird und zwar gleich zweifach in den Kategorien «Best Female Solo Act» und «Best Breaking Act». Nervös? Känzig ist bekannt dafür, eine «Queen of Lampenfieber» zu sein, die vor einem Auftritt oft grantig oder von der nackten Angst gepackt wird. «Das Lampenfieber habe ich seit vergangenem Jahr deutlich besser im Griff», sagt sie, «aber ich bin schon aufgeregt, schliesslich geht es um den wichtigsten Musikpreis der Schweiz.» Dass sie gleich zweimal vorgeschlagen wurde, hat sie überrascht. «Falls ich in einer Kategorie den Preis hole, wäre das für mich eine Anerkennung meiner Arbeit.»

Musik als Lebenselixier

Bei Anna Känzig liegt die Musik in den Genen, stammt sie doch aus einer musikalischen Familie. Zwar ist ihr Vater Christian von Beruf Fotograf, aber auch ein passionierter Hobbymusiker und der Bruder von Heiri Känzig, einem international geschätzten Jazzbassisten. Anna wuchs in Meilen auf. «Mein Vater hat mich musikalisch stark beeinflusst» erinnert sie sich, «wenn ich nicht einschlafen konnte, spielte er mir auf dem Klavier etwas vor.»

Musik prägt sie so sehr, dass sie sich als Fünfjährige eine Gitarre gewünscht hat – und diese auch bekommen hat. «Das Instrument war während der Schulzeit mein ständiger Begleiter.» Mit 14 Jahren gründet sie ihre eigene Schulband, und als sie die Gesangsrolle übernehmen musste, stellte sie fest, dass sie singen kann. «Die ersten Proben waren zwar schlimm, als ich meine Stimme hörte, aber dann begann mir das Singen immer mehr Spass zu machen.»

Instinktiv weiss sie schon früh: Ich will Musikerin werden. Nach Sekundarschule und Gymnasium gehts auf einen Abstecher an die Uni. Danach studierte Känzig Gesang an der Jazzabteilung der Zürcher Hochschule der Künste. Abschluss: Bachelor und Master.

Leute, die sie singen hören, loben ihre Stimme als leicht, entspannt und unverkrampft. Bald schon komponiert sie eigene Songs. «Beim Songschreiben kommt bei mir immer zuerst die Musik, dann die Melodie und zum Schluss der Text», sagt sie.

Anna Känzig: «Get Out» (2016). Video: annakaenzig, Vevo, Youtube

Dann geht es Schlag auf Schlag: 2009 Förderpreis, Einladung ans Jazzfestival Montreux und an die Academy of Music and Dance in Jerusalem. 2011 erscheint das Debütalbum «Four Acres and no Horse», 2013 mit «Slideshow Seasons» die zweite CD. Hört sich an, als würde da jemand seine Karriere planmässig wie an einem Schnürchen abspulen. Anna Känzig schüttelt den Kopf: «Das täuscht. Viele sehen nicht, was hinter den Kulissen alles nötig ist.» Eine musikalische Familie allein reiche da nicht. So habe sie beispielsweise nach Schule und Studium erst lernen müssen, eine Band zu leiten, Gagen auszuzahlen, Auftritte zu organisieren, den Laden ordentlich zusammenzuhalten. Dabei beschreitet sie auch neue Wege: Als eine der ersten Schweizer Musikerinnen hat sie ihr erstes Album über ein Crowdfunding finanziert.

Während sich andere Schweizer Musiker wie Göla, Bligg oder Stress in der Öffentlichkeit kaum noch unbemerkt bewegen können, ist das bei Anna Känzig anders. Sie kann, eingehüllt in eine dicke Winterjacke, ganz ungezwungen durch den Zürcher Zoo schlendern. «Ich bin kein Promi.» Diese Freiheit, das sei für sie ein Stück Lebensqualität. Das hat auch damit zu tun, dass sie Privates wie beispielsweise ihren Beziehungsstatus in der Öffentlichkeit konsequent ausklammert.

Ein Stilwagnis

Für die Medien ist sie die «Pop-Elfe», das «Soundchamäleon», eine «Vollblutmusikerin», die «Song-Lady mit den eisblauen Augen und der engelhaften Stimme». Sie zuckt die Schultern bei solchen Beschreibungen und misst ihnen nicht allzu viel Bedeutung zu. «Brav» sei auch so ein Adjektiv, welches ihr immer mal wieder von Musikkritikern angehängt werde.

Dabei hat sie einen Teil ihrer Fangemeinde mit ihrem aktuellen und dritten Album «Sound and Fury» ganz schön geschockt. Da präsentierte sich eine andere Anna Känzig: Statt folkiger Songs, mit zarter Gitarre untermalt, gibts nun Synthesizer und Drumcomputer auf die Ohren. Durchaus ein Stilwagnis. «Dabei ist dieser Stil gar nicht so neu, wie viele meinen», sagt sie. In den 90er-Jahren habe sie viel Trip-Hop gehört, elektronische Klänge seien nichts Neues für sie. Weg von Jazz und Folk, hin zum Pop, das habe auch nichts mit ihrem Wechsel von einem kleinen Label zum Plattenmulti Sony Music zu tun. «Ich wollte als Musikerin eine neue Richtung einschlagen, mich weiterentwickeln. Die Plattenfirma hat mich in meiner Experimentierlust bestätigt.»

Anna Känzig: «Lion's Heart» (2016). Video: annakaenzig, Vevo, Youtube

Obwohl ihre Lieder dank Echoeffekten und Background-Chören nun voluminöser wirken und mitreissen, bleibt Känzigs Stimme doch unverkennbar im Zentrum. Und sie schafft mit dem Album, an dem sie ein Jahr gearbeitet hat, erstmals den Sprung in die Top Ten. 2016 sei ein gutes Jahr gewesen. Den Schlusspunkt setzte sie mit «Lion’s ­Heart», der Hymne für die SRF-Spendenaktion «Jeder Rappen zählt».

Musik allein macht nicht satt

Der Schweizer Musikmarkt ist klein. Den Traum, von der eigenen Musik leben zu können, mussten schon viele begraben. Auch Anna Känzig wird von ihrer Musik nicht satt, trotz Topplatzierungen in den Charts. Die finanzielle Haupteinnahmequelle bleibt vorläufig ihr Job als Gesanglehrerin an der Musikschule Konservatorium Zürich (MKZ). Ihre jüngsten Schüler sind neun Jahre alt. «Es macht mir Spass, auf die Wünsche der Kids einzugehen, allerdings ist es manchmal auch ganz schön herausfordernd.» Das Unterrichten gefällt ihr, weil sie Jugendliche in diesem Bereich fördern kann und es auch eine Abwechslung zu ihren sonstigen Tätigkeiten sei.

Wie geht es weiter? Anna Känzig arbeitet fleissig an ihrem vierten Album. «Die Ideen für die Songs überfallen mich überall, im Tram, auf dem Velo oder in einem Restaurant», sagt sie. Und weil solche Songfragmente äusserst flüchtig seien, hält sie diese jeweils rasch auf ihrem iPhone fest. «Ich will mich in diesem Jahr in der Schweiz noch stärker verankern und viele Konzerte geben.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.02.2017, 21:55 Uhr

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