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Das Leben in der Warteschlange

Anstehen sollte man geniessen. Es schenkt uns Zeit, sinnlose, reine Zeit.

Samstag vor einer Woche sah ich um die Mittagszeit auf dem Sechseläuteplatz eine endlose Schlange von Wartenden, sie reichte vom Opernhaus bis zum Taxistand am Bellevue. Vielleicht, dachte ich, gibt es günstige Karten für eine berühmte Sängerin, für die neue Maria Callas. Ich war gerührt, dass Menschen, die sich ein reguläres Opernticket nicht leisten können, stundenlang für schöne Musik anstehen.

Menschenschlangen haben ihre eigene Ausstrahlung. Ihr eigenes Image. Gut ist, wenn man vor dem Club für ein Konzert von Element of Crime im Schlafsack übernachtet. Aber Anstehen in der Bruthitze vor dem Louvre oder den vatikanischen Museen, das ist schlecht. Stundenlang warten vor einem Wahlbüro in Italien oder in Istanbul ist positiv - man nimmt die Strapazen auf sich für sein Land. Aber negativ sind Menschenschlangen für eine leere Wohnung oder für einen Job. Weil einem die Leute leidtun, weil man weiss, dass sie Lotto spielen mit dem Schicksal. Und weder gut noch schlecht, sondern ein soziologisches Phänomen ist das Warten auf die Eröffnung der ersten Kentucky Fried Chicken Bude im Zürcher Unterland.

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