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«Das Milieu schützt den Kreis 4»

Silvio R. Baviera verabschiedet sich von Zürich mit einer Ausstellung über sein Quartier. Er verkauft seine Galerie an der Zwinglistrasse und zieht ins Tessin. Und sicher nicht nach Berlin.

«Hören Sie mir auf mit diesem Gerede von Gentrifizierung»: Silvio R. Baviera in seiner Galerie an der Zwinglistrasse.
«Hören Sie mir auf mit diesem Gerede von Gentrifizierung»: Silvio R. Baviera in seiner Galerie an der Zwinglistrasse.
TA/ Sophie Stieger

Herr Baviera, Sie haben Ihre Galerie zum Verkauf ausgeschrieben und wollen ins Tessin ziehen. Haben Sie genug vom Kreis 4?

Ich bekomme nie genug von meinem Quartier. Aber ich habe zu wenig Platz. Ich bin Schriftsteller, Künstler, Galerist, Verleger – und Kurator einer Ausstellung über den Kreis 4, die am nächsten Donnerstag im Helmhaus eröffnet wird. Meine Bibliothek ist riesig, mein Archiv umfasst 140 Laufmeter. Es ist bereits im Tessin. In Zürich kann ich mir eine grössere Galerie schlicht nicht leisten.

Sind Sie ein Opfer der Aufwertung, der sogenannten Gentrifizierung, die das Langstrassenquartier in den letzten Jahren erfasst hat?

Hören Sie mir auf mit diesem Gerede von Gentrifizierung! Es stimmt einfach nicht. Der Kern des Kreis 4 ist unzerstörbar. Hinter der Feldstrasse stehen viele Häuser von Baugenossenschaften, deren Mieten auch nach einer Renovation nicht ins Unermessliche steigen werden. Und in jeder Strasse im Quartier gibt es Häuser, deren Eigentümer selbst darin leben und ihnen Sorge tragen – allein in der Zwinglistrasse gibt es mehrere Beispiele. Der Kreis 4 wird in einer gewissen Weise auch vom Rotlichtmilieu geschützt. Es schreckt Menschen, die Ruhe suchen, davor ab hierherzuziehen.

Die Stadtbehörden drängen darauf, dass die Besitzer ihre Bordelle umnutzen. Ist das richtig?

Nein. Man muss sich glücklich schätzen, dass es die Rotlichtbetriebe gibt. Sie tragen zum unverwechselbaren Charakter des Quartiers bei. Der Kreis 4 ist auch von jeher ein Suchtquartier. Aber hier gibt es nicht nur Prostituierte und Drogensüchtige, die Medien berichten einfach fast nur über sie. Dabei überwiegt das andere, und zwar massiv. Auf den 2,8 Quadratkilometern, die der Kreis 4 umfasst, leben etwa 28'000 Einwohner aus 99 Nationen, mit den Schweizern sind es genau 100. Es gab noch nie ernsthafte Konflikte. Sprüche wie «Türken raus», die man in Berlin auf Mauern sieht, habe ich hier noch nie gesehen. Das Miteinander funktioniert.

Viele Häuser wurden umgebaut, die Mieten steigen, alteingesessene Bewohner müssen ausziehen. Ist das Miteinander gefährdet?

Nein, Erneuerungen hat es immer gegeben und wird es immer geben. Es ist naiv, zu glauben, dass alles bleibt, wie es ist. Es ist auch nicht wünschenswert. Das Haus an der Zweierstrasse, in dem ich aufgewachsen bin, hatte weder Bad noch WC, wir mussten auf eine «Chnebelschiissi» und haben in einem Zinnzuber gebadet, geheizt wurde mit Briketts. Es ist richtig, dass sich das ändert.

Aber führt es nicht zu einer Monokultur? An die Langstrasse ziehen Ladenketten, die kleinen Geschäfte müssen aufgeben.

Das Lädelisterben ist doch nichts Neues, das findet schon seit Jahrzehnten statt! Als ich aufwuchs, gab es an der Diener- und der Zwinglistrasse zwei Bäckereien, zwei Gemischtwarenläden, ein jüdisches Lebensmittelgeschäft, eine Metzgerei, zwei italienische Comestiblesläden und einen Milchladen. Sie alle haben schon lange aufgegeben.

Trauern Sie ihnen nicht nach?

Nein, wieso denn? Heute gibt es Thai-Lebensmittelgeschäfte, Tamilen führen ihre Läden, der Happy-Beck hat Erfolg. Und dass die Menschen gerne bei den Grossverteilern einkaufen, ist keine neue Entwicklung, ich mache es ja auch so. Veränderungen gehören zu einem lebendigen Quartier. Es gibt viele, die sich über die geplanten Neubauten an der Europaallee aufregen. Ich kann in diesen Chor nicht einstimmen.

Auch wenn teurer Wohnraum und Büros für Banken entstehen?

Was ist falsch daran, dass das Brachland entlang der Gleise überbaut wird und sich ein Quartier erneuert? Es werden 6000 Arbeitsplätze geschaffen und Wohnungen für etwa 2000 Menschen. Die Pädagogische Hochschule zieht an die Europaallee, und es entsteht zum Teil hervorragende Architektur, unter anderem von Max Dudler. Der heute international bekannte Architekt hatte sein erstes Büro übrigens an der Zwinglistrasse, ich bin noch heute mit ihm befreundet.

Es gibt aus linksalternativer Seite viel Kritik an der Entwicklung.

Das ist reine Ideologie ohne Sachargumente. Wo es nach Ideologie schmeckt, bin ich schnell weg. Die Kritiker haben einfach Angst vor der Veränderung.

Sie nicht?

Nein. Das ist mit ein Grund, ins Tessin zu ziehen. Ich habe Lust, nochmals etwas Neues zu wagen.

Sie haben fast Ihr ganzes Leben im Kreis 4 verbracht. Sie werden schrecklich Heimweh haben.

Ich werde sicher mit einem weinenden Auge gehen. Aber ich freue mich auf das Neue und bin im Tessin fast so stark verwurzelt wie hier. Früher ging ich oft zum Strahlen in die Tessiner Berge, ich kenne die Gegend wie meine Westentasche und habe viele Freunde dort.

Wann ziehen Sie weg?

Die Galerie und die Wohnung sind zum Verkauf ausgeschrieben. Ich hoffe, dass ich bis Ende Jahr einen Käufer finde.

«Hören Sie mir auf mit diesem Gerede von der Gentrifizierung des Langstrassenquartiers! Es stimmt einfach nicht.»

Ist die Ausstellung über den Kreis 4 Ihr Abschiedsgeschenk?

In einer gewissen Weise ja. Aussersihl fasziniert mich, und ich möchte diese Faszination teilen. Die Ausstellung habe ich 2008 in meiner Galerie und den umliegenden Geschäften und Restaurants an der Zwinglistrasse gezeigt und ein Buch dazu herausgegeben. Letztes Jahr habe ich sie in einer erweiterten Form in der Alten Malzfabrik in Berlin aufgebaut, die Schau im Helmhaus ist nochmals grösser. Sie besteht aus drei Teilen: Geschichte, Demografie und Kunst. Wir zeigen 222 Werke aus Literatur, Design, Architektur, Film und Musik, die eine Verbindung zum Kreis 4 aufweisen. Das Niveau ist sehr hoch, Aussersihl kann mit Weltstädten mithalten.

Woher kommt das?

Der Kreis 4 ist eine fast ideale Mischung aus Klein- und Grossstadt, aus Kontrolle und Anonymität. Ich habe auf der Welt keinen Ort wie diesen gefunden, nicht in New York, nicht in London, Paris oder Wien. Und erst recht nicht in Berlin.

Was stört Sie an Berlin?

Während der Ausstellung im letzten Sommer habe ich in der Stadt gewohnt. Berlin mag günstig sein und inspirativ. Aber es ist eine Klassengesellschaft: Man gilt nur etwas, wenn man eine gesellschaftliche Stellung hat. In der Paris-Bar, in der ich oft verkehrt bin, stellten sich andere Gäste mit ihrem Adelstitel vor, als Grafen oder Fürsten. Und waren beleidigt, wenn man sie nicht so angesprochen hat. Unglaublich für einen Schweizer! Und auf den Strassen ist die Armut deutlich sichtbar. Zudem sind die Quartiere nie so durchmischt wie der Kreis 4. In Kreuzberg leben viele Türken, aber sie bleiben unter sich. Und die Bürokratie ist unsäglich! Die Malzfabrik ist denkmalgeschützt, und ständig tauchten Beamte auf und mäkelten herum. Ich hatte bis dahin damit geliebäugelt, statt ins Tessin nach Berlin zu ziehen. Das ist kein Thema mehr.

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