Das neue Innenleben der alten Zürcher Stadthalle

Buchen statt boxen: Die legendäre Halle im Kreis 4 lebt aufgrund des Umbaus für Schweiz Tourismus wieder auf.

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Es ist keine gewöhnliche Baustelle, durch die Klaus Morlock führt. Nicht nur, weil sie im Termin und Budget ist, sondern weil sie drei Welten zusammenführt, die normalerweise wenig gemein haben: Boxkämpfe, Autogarage, Tourismus.

Die Boxkämpfe gehören zu der legendären Stadthalle, die 1906 mitten im Kreis 4 gebaut wurde, 1400 Personen Platz bot und in Architektenkreisen von sich reden machte, weil die weitgespannte Decke ohne Stützen auskam.

1949 wurde die Halle zu einer Autogarage umfunktioniert, Mitte Jahr zieht Schweiz Tourismus ein. Die ehemalige Stadthalle bei der Stauffacherbrücke wird der Hauptsitz der nationalen Tourismus-Marketingorganisation, die vom Bund beaufsichtigt wird.

Gespür für die Geschichte

Die Thurgauer Immobiliengesellschaft Hess Investment hat das Gebäude im Dezember 2016 erworben und wird es, wenn es fertig umgebaut ist, an Schweiz Tourismus vermieten. Klaus Morlock ist der Geschäftsführer der Hess-Investment-Gruppe.

Es war der Grossvater der Geschwister Eser, der die legendäre Stadthalle baute. Der zum Zeitpunkt des Besitzerwechsels 74-jährige Balz Eser erklärte damals Tagesanzeiger.ch/Newsnet, dass man nicht dem Meistbietenden verkaufte: «Wir suchten einen Käufer, der ein Gespür für die Geschichte dieses Hauses hat.»

Garage nicht verleugnet

Der Augenschein auf der Baustelle lässt den Schluss zu, dass die Erwartung der Familie Eser erfüllt wird. Das international tätige Team von Burkhalter Sumi Architekten hat sich zum Ziel gesetzt, die Halle wieder erfahrbar zu machen, die Garage nicht zu verleugnen und trotzdem ein funktionierendes Bürogebäude einzurichten.

Die Zwischenböden, welche die Garage bildeten, wurden samt den Trägern teilweise belassen. Sie bilden eine Tragstruktur für die Büros und Sitzungszimmer. An zwei Stellen wurden Durchlässe zu den Oblichtern eingestanzt, sodass die Höhe der einstigen Halle erlebbar ist und kleine Lichthöfe entstehen.

Tremola, Porta, Alpina, Neat

Die Bühne und die Decke werden verschiedentlich wieder einsehbar, sodass es problemlos möglich ist, sich anhand alter Fotos im Raum zu orientieren und die Stadthalle wieder zu ahnen.

Eine serpentinenartige Rampe, passend zum künftigen Mieter «Tremola» genannt, führt zwischen Bühenraum und Trägerstruktur hinauf und setzt den Raum in Szene. Ein freistehender Lift – «Porta Alpina» – verbindet die Geschosse. Eine golden glänzende Röhre – die «Neat» – führt von der Morgartenstrasse aus zum Empfang.

Malereien aus zwei Epochen

In all dem irrlichtern die etwas rustikalen alten Malereien der Stadthalle. Sie wurden in Absprache mit der Denkmalpflege freigelegt und konserviert, nicht aber restauriert – mit Ausnahme des Zackenmusters am Bühnenbogen, bei dem der Verlauf klar ersichtlich ist.

Auf eine Restauration wurde nicht zuletzt deshalb verzichtet, weil es Malereien aus zwei Epochen gibt: Florale Muster und Wappen wurden beim Bau der Stadthalle 1906 angebracht, um 1935 kamen abstrakte Ornamente dazu, darunter das oben erwähnte Zackenmuster.

Originaler als im Original

Auf der Seite zur Morgartenstrasse kam es zu einem grösseren Eingriff in die Fassade. Da ursprünglich ein Gebäudeteil mit einem Stuhllager angebaut war, konnten dort keine Fenster eingelassen werden. Der Symmetrie zuliebe wurden im Innern blinde Fenster eingelassen. Denn auf der gegenüberliegenden Seite öffneten sich, dem Zeitgeist entsprechend, grosse Rundbogenfenster zum Innenhof.

Diese Fensterattrappen konnten nun geöffnet werden, da das angebaute Gebäude nicht mehr besteht. Das bringt nicht nur mehr Licht ins Haus, es entspricht auch den ursprünglichen Plänen. So ist das neue Gebäude in einer Hinsicht heute originaler als das Original.

Erstellt: 31.01.2019, 14:06 Uhr

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