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Das Niederdorf verliert eine Institution

Der Laden Läbis im Niederdorf war mehr als nur ein Ort, wo man Lebensmittel kaufte. Dass er jetzt schliessen musste, sagt auch einiges über das Quartier.

Der Läbis 1 wurde geschlossen: Inhaber Petros Nanopoulos in seiner anderen Filiale im Stadtkreis 5.
Der Läbis 1 wurde geschlossen: Inhaber Petros Nanopoulos in seiner anderen Filiale im Stadtkreis 5.
Dominique Meienberg

Schauspieler Beat Schlatter ist als alteingesessener Niederdorf-Bewohner betrübt, denn das Quartierleben hat gerade einen Fixpunkt verloren: «Dreimal in der Woche oder so habe ich in diesem Laden eingekauft während der letzten 18 Jahre. Es ist ein Familiengeschäft, die haben immer alles, was es braucht. Und ein Extra obendrauf.»

Schlatter spricht vom Läbis 1 an der Brunngasse, einem Lebensmittelgeschäft, das man als Laden mit Herz bezeichnen darf. Noch einmal Schlatter: «Die bringen einem die Einkäufe in die Wohnung, wenn man mal krank ist oder zu alt, um sie selber zu tragen. Und man schwatzt miteinander an der Kasse und erfährt dies und das.»

Seit zwei Wochen allerdings ist der Läbis 1 zu. Inhaber Petros Nanopoulos nennt offen den Grund: «Wirtschaftliche Probleme. Der Betrieb rentiert seit langem nicht mehr. Das Defizit ist ziemlich gross.»

Der Ableger in Züri-West läuft

Nanopoulos, 67-jährig und als junger Mann aus Nordgriechenland eingewandert, betrieb in Zürich zeitweise gleich drei Läbis-Läden. Da war neben dem Urladen im Niederdorf auch eine Filiale am Zürichberg an der Dolderstrasse, die er später abstiess; heute gibt es dort einen Spar. Der dritte Ableger besteht bis heute: der Läbis 5 in der Modernsiedlung Limmatwest. Er laufe gut, sagt Nanopoulos vor Ort in seinem engen Büro.

Zum ersten Mal im Leben bekomme er Geld, ohne dafür arbeiten zu müssen, erzählt Nanopoulos: «Ich habe jetzt AHV.» Gross ist sein Läbis 5 und verwinkelt. An einer Kleinbar trinken Handwerker gerade Kaffee, es gibt eine Theke mit Käse und anderen offenen Waren, man kann aber auch Duschmittel, WC-Papier und dergleichen kaufen.

«Es kamen zu wenig Passanten vorbei», sagt Nanopoulos zur Schliessung im Niederdorf. Viele Läden dort hätten zu kämpfen, ob sie nun Lebensmittel feilböten oder andere Dinge: «Man sieht es am ständigen Wechsel der Besitzer.» Das Niederdorf sei nicht mehr der Treffpunkt und Brennpunkt, der es einst war, viele Leute gingen seit einigen Jahren lieber an der Langstrasse in den Ausgang. Oder in Züri-West. Oder im Seefeld. «Es läuft einfach weniger.»

Drogen in die Dole

Der Läbis 1 ist tief eingewurzelt. Die Vorgeschichte: Ende der Achtzigerjahre war Nanopoulos Leiter einer kleinen Coop-Filiale im Niederdorf. Bis Coop den Laden schloss, weil er zu wenig abwarf. Die Dorfbewohner sammelten darauf Unterschriften, und die städtische Liegenschaftenverwaltung vermietete Nanopoulos ein Ladenlokal. Wenig später zog er in ein grösseres Lokal ebenfalls in Stadtbesitz ziemlich in der Nähe. An der Brunngasse eben.

Das sei früher ein ganz anderes Niederdorf gewesen, sagt Nanopoulos, der es seit 40 Jahren aus der Nähe kennt. Am Hirschenplatz und rundum hauste damals noch ein Teil der Drogenszene, auch versteckte Jugendprostitution gab es. Die Dorfbewohner wehrten sich. «Ich kann mich erinnern, wie wir die kleinen Verstecke der Drogendealer aufspürten und ihren Stoff in die Dolen leerten», blickt der Schweizgrieche zurück.

Freilich: Indem das Quartier quasi sauberer wurde, zog es auch neue Leute an. Der Kommerz wuchs. Nicht aber die Bindung der Menschen untereinander; der Zusammenhalt nahm eher ab.

Bio allein ist nicht die Rettung

Der Bioboom im Niederdorf, über den der TA berichtete, könne allein Lebensmittelläden wie seinen nicht retten, glaubt Nanopoulos, der früh Bioprodukte anbot und als Pionier gilt. Es handle sich um eine Querverschiebung. Mehr Umsatz ergebe sich daraus nicht. «Die Leute, die früher einen Liter normale Milch kauften, kaufen heute halt einen Liter Biomilch.»

Beat Schlatters Aufruf. (Bild: Screenshot/Ronorp)
Beat Schlatters Aufruf. (Bild: Screenshot/Ronorp)

«Dieser Läbis darf nicht schliessen. Quartierverein wach auf, unternimm etwas!»: Schauspieler Schlatter hat einen Zettel mit diesem Aufruf am Laden aufgehängt. «Der Vorstand befasst sich durchaus mit dem Problem», sagt Marie-Claire Meienberg vom Quartierverein Zürich 1 rechts der Limmat. Es sei bedenklich, dass der Läbis zugemacht habe – ausgerechnet der Läbis, dessen Betreiber so viel für das Niederdorf getan habe inklusive des jährlichen Frühlingsfests.

Meienberg sagt zur Ladenkrise im Dorf: «Manchmal komme ich mir vor wie Don Quijote, der gegen Windmühlen anreitet.»

Topmoderne Kühlung

Eine Verkäuferin des geschlossenen Ladens ist derzeit ohne Arbeit. Die Ehefrau von Petros Nanopoulos, die den Läbis 1 geleitet hat, hilft jetzt wie der Sohn in der funktionierenden Filiale im Limmatwest. Zwei Lernende haben auch dorthin gewechselt. «Das kostet mich Geld. Aber die jungen Leute einfach mitten in der Stifti hängen lassen konnte ich nicht», sagt Nanopoulos.

Ob der Laden an der Brunngasse für immer zu bleibt, kann Nanopoulos nicht sagen. Er habe vor wenigen Jahren ein paar Hunderttausend Franken in eine topmoderne Infrastruktur investiert inklusive moderner Kühlung. «Wenn jemand mit dem Schlüssel kommt und aufmacht, kann er grad anfangen, ohne zuerst Geld in die Hand zu nehmen.» Das spreche dafür, dass es irgendwie weitergehe. «Für mich ist es sowieso schmerzhaft, wie es jetzt ist. Und ich bekomme Anrufe von Leuten aus dem Quartier, die auf den Laden angewiesen sind.»

Er wolle sich bald mit der Liegenschaftenverwaltung zusammensetzen und die Szenarien besprechen, sagt Nanopoulos. Vielleicht komme ja auch vom Quartier wieder Druck wie damals, als er den Läbis 1 startete. Willkommen seien ohnehin gute Ideen, wie man den Betrieb rentabler aufziehen könnte. «Die Zukunft ist offen. Vom Konkurs bis zum Neustart ist alles möglich.»

«Ein Seelchen weniger»

Gefragt ist jetzt also auch die Liegenschaftenverwaltung der Stadt. Von ihr erfährt man zur Sache derzeit nichts. Vorläufiges Fazit: Es gibt noch andere Läden im Niederdorf, in denen man einkaufen kann. Zu sagen, dass das Niederdorf mit dem Läbis 1 seine Seele verlöre, wäre daher übertrieben. Aber vielleicht kann man es so formulieren: Das Quartier hätte, wenn Läbis 1 stürbe, ein Seelchen weniger.

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