Das Prinzip Europaallee greift um sich

Jetzt werden auch in der Nähe der Zürcher Kalkbreite teure Wohnungen mit kreativen Ladenlokalen kombiniert. Allerdings zieht sich die Suche hin.

Oben 80 moderne Wohnungen, unten Läden: So soll die neue Überbauung an der Feldstrasse aussehen. Visualisierung: PD

Oben 80 moderne Wohnungen, unten Läden: So soll die neue Überbauung an der Feldstrasse aussehen. Visualisierung: PD

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Oben teure Mietwohnungen für die Rendite, unten günstige Ladenlokale fürs Image: Dieses ökonomische Schichtprinzip kennt man von der Europaallee. Es ist kein Zufall, dass es sich jetzt im Zürcher Kreis 4 an der Feldstrasse wiederholt. Denn in beiden Fällen haben sich die Grundeigentümer die Dienste von Steff Fischer gesichert, dem alternativen Immobilienunternehmer von Zürich. Er ist der Spezialist, wenn es darum geht, einem Retortenprojekt einen kreativen Anstrich und etwas Seele zu verleihen.

In der Europaallee hat der frühere Hausbesetzer die SBB davon überzeugt, die Ladenlokale im Erdgeschoss zum Discountpreis zu vermieten. Damit dort Unternehmertypen zum Zug kommen, die sich eine solche Lage sonst nie leisten könnten. Leute mit einem Traum, einem Sinn für Ästhetik und vielen Ideen, aber oft ohne Kapital und Businesserfahrung. Als Gegenleistung für den Mietrabatt versprach Fischer den SBB, dass das neue Quartier durch solche Lokale belebt würde. Linke rümpfen zum Teil die Nase über dieses Kalkül, aber es ist aufgegangen: Der spielerisch wirkende Mix hat dafür gesorgt, dass viele ihre anfängliche Ablehnung inzwischen durch eine ambivalente Haltung ersetzt haben: Man macht keinen Bogen um die Europaallee.

Das volle Programm

An der Feldstrasse, nur einen Steinwurf von der Vorzeigegenossenschaft Kalkbreite, ist es der Versicherungskonzern Mobiliar, der einen Bürokomplex durch einen Neubau mit 80 Wohnungen im mittleren bis oberen Preissegment ersetzt. «Viertel» nennt er dieses Bauprojekt, und Fischer soll dafür sorgen, dass es dem Namen gerecht wird. Indem er im Erdgeschoss «verlockende Einkaufsmöglichkeiten» und «charmante Gastronomie» einquartiert, wie es in der Werbung heisst, damit das Haus «lebt und atmet». Das volle Programm also, wie es sich Leute wünschen, die eine spezifische Vorstellung von authentisch-urbanem Leben haben.

Allerdings gab es zuletzt Grund zur Annahme, dass sich dieses Modell in Zürich allmählich totlaufen könnte. Bewohnern des Quartiers ist aufgefallen, dass Fischers Immobilienunternehmen die Bewerbungsfrist für die Läden im Erdgeschoss der neuen Überbauung verlängern musste. Hat sich das Reservoir an ideenreichen Kandidaten erschöpft, die Surfbretter, eine eigene Modekollektion, lokales Bier oder kreative Kinderspielsachen verkaufen wollen?

Steff Fischer verneint. Grund für die Verlängerung sei, dass sich der Baustart verzögere und es fast unmöglich sei, Ladenflächen ab Plan zu vermieten. Das gelte besonders für jene kleinen Läden, auf die er spezialisiert sei und die er «Autorenshops» nennt. «Was wir machen, war schon immer extrem schwierig – wenn es etwas dauert, ist das kein neuer Trend.» Schon bei der Europaallee habe es zunächst kaum jemanden interessiert, dort etwas aufzuziehen. Erst als der Snowboard-Shop Radix zusagte, zogen andere nach.

Mithelfen beim Businessplan

Fischer hält an seiner Grundthese fest: Während Geschäfte mit austauschbarem Angebot in Zeiten des Onlinehandels untergehen, haben spezialisierte Läden mit Persönlichkeit, die etwas Besonderes bieten, eine Zukunft. Der Aufwand, solche zu finden, werde von Aussenstehenden aber oft unterschätzt. «Die Hälfte der Läden an der Europaallee haben wir quasi miterfunden», sagt Fischer. «Wir mussten für die Betreiber einen Businessplan entwickeln, weil sie selbst keinen hatten.» Die Honorare für diese Geburtshilfe zahlten die SBB als Grundeigentümerin – aber auch davon mussten sie erst einmal überzeugt werden.

Das könnte auch der Mobiliar blühen: Ein paar Kandidaten auf seiner Warteliste, für die in der Europaallee kein Platz mehr war, hat Fischer an die Feldstrasse mitgenommen. Dort sehe es inzwischen besser aus, man habe fast für alle Läden einen Interessenten gefunden. Was diese Auswahl taugt, wird sich spätestens in eineinhalb Jahren zeigen: Dann ist Bezugstermin.

Erstellt: 09.04.2018, 11:46 Uhr

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