Das Runde am Eckigen

Man sieht diese schicken Balkone an vielen Zürcher Häusern aus den Dreissigern. Für heutige Ansprüche zu eng und zu massiv, haben sie eindeutige Vorzüge für Blüttler.

Dreissigerjahrestil mit Schweizerfähnli: Diese Balkone befinden sich an der Staionsstrasse in Wiedikon. Bilder: Andrea Zahler

Dreissigerjahrestil mit Schweizerfähnli: Diese Balkone befinden sich an der Staionsstrasse in Wiedikon. Bilder: Andrea Zahler

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«Stadtbild», Nr. 004 Der Balkon ist zur Stadtzürcher Obsession geworden. Er bringt den Marktwert jeder noch so mickrigen Wohnung zum Fliegen. Möglichst ausladend muss er sein, licht und transparent. Eine gut einsehbare Privatbühne, auf der man vor aller Augen das Sommertheater des perfekten Lebens aufführen kann. Mit sich selbst in der Hauptrolle, umgeben von dekorativen Freunden in luftigen Kleidern, mit bunten Drinks und einer Flagge der Gletscherinitiative. Der Balkon ist wie analoges Instagram.

So betrachtet sind jene Exemplare, die wir zu den schicksten dieser Stadt zählen, leider untauglich. Erstens sind sie so eng, dass man sich bei der Party aufreihen muss wie vor der Migros-Kasse. Zweitens sind die schwungvoll gerundeten Brüstungen mit den filigranen Handläufen zwar elegant, aber durch die Massivbauweise wirken sie wie Zensurbalken aus Beton. Man geht nach draussen und ist doch drinnen, sitzt in einer Pflanzkiste wie menschliches Gemüse, von dem nur der Kopf rausschaut. Nicht atemberaubend sexy.

Jedem sein Bünkerli

Die Schuld geben wir jetzt mal dem Zeitgeist der Dreissigerjahre, als dieser Balkontyp in Mode war. Damals versäumte man es sträflich, Vorbereitungshandlungen für die Mediterranisierung Zürichs zu treffen. Man war ganz mit der drohenden Nazifizierung beschäftigt und igelte sich ein. Zur Abwehr eines deutschen Überfalls zog man neue Bunkeranlagen quer durch die Stadt. Der unerschrockene Küchenpsychologe merkt es: Diese Anlagen hatten ganz ähnliche Rundungen wie die Zürcher Balkone aus der gleichen Zeit. Als wären diese eine unbewusste Erweiterung der Limmatstellung ins Private.

Ein solches Balkonbünkerli schreckte vielleicht keine Nazis ab, könnte aber doch praktisch gewesen sein in jenen Zeiten. Leicht bekleidetes Hedonistenvolk hätte damals sicher als subversiv gegolten, weil es Zweifel an der Wehrbereitschaft des Vaterlandes weckte. Deshalb brauchte der entspannungswillige Aktivdienstler auf Heimurlaub einen Balkon, an dem die Kontrollblicke der Geistigen Landesverteidiger abprallten. Einen, der es ihm erlaubte, sich nur vom Kopf bis zur Gürtellinie anständig zu kleiden, den textilen Overkill aber untenrum aufs Luftigste zu kompensieren. (Deshalb traue nie einem selig lächelnden Anzugträger auf einem Dreissigerjahrebalkon.) Gerne hätten wir diese These erhärtet, aber die Zeitzeugen schweigen allesamt. Aus Scham, vermuten wir.

Dieser Balkontyp könnte wieder kommen

Bevor unser geschätztes Fachpublikum in Schreikrämpfe ausbricht: Nein, das formale Vorbild für diese Balkone ist nach offizieller Darstellung natürlich nicht der Bunker, sondern das Bauhaus. Jene Schule, die den architektonischen Aufbruch in die Moderne vorbereitete.

Die Stadt Tel Aviv ist heute berühmt dafür, dass dort seinerzeit ganze Strassenzüge in diesem Stil hochgezogen wurden – und auch dort ziehen sich diese abgerundeten Balkone in langen Bändern über die Fassaden. Bemerkenswert ist, dass diese als Mittel gegen Sonneneinstrahlung und die Erwärmung der Häuser gedacht waren.

Der Balkon als Schattenspender: Das könnte auch in Zürich bald in Mode kommen. Wenn wir die Erderwärmung vorantreiben, ist ein Ende der Selbstdarstellung auf unseren modernen Riesenbalkonen absehbar. Krebsrot und schweissnass ist einfach unsexy. Stattdessen hängen wir wieder schicke Bauhaus-Balkone an die Fassaden, füllen sie statt mit Freunden bis oben mit Erde, pflanzen Gemüse an und verstecken uns dankbar hinter den Stauden.


Die neue Kolumne «Stadtbild» widmet sich all den vielen Dingen, die es sich in Zürich im öffentlichen Raum gemütlich gemacht haben und unser Bild dieser Stadt prägen – im Guten wie im Schlechten. Sie erscheint immer Mitte der Woche.

Erstellt: 23.10.2019, 16:39 Uhr

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