Das schlechteste Hotel Zürichs erfindet sich neu

Die Krone am Limmatquai war die übelste Absteige der Stadt. Als charmantes Hotel für das kleine Budget wagt es einen Neuanfang – mit einer Quereinsteigerin an der Spitze.

Nimmt die Herausforderung an: Hotelmanagerin Karin Lenherr freut sich auf die Neueröffnung. Video: Boris Gygax

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Lage top, sonst Flop. Das 1*-Hotel Krone am Zürcher Limmatquai war jahrelang das am schlechtesten bewertete Hotel der Stadt. Die 28 Zimmer rochen nach abgestandenem Rauch, in den Lavabos im Zimmer fanden die Gäste Haare, Spannteppich und Vorhänge hatten Brandlöcher, die Lampen funktionierten nicht, die raren Etagenduschen waren eklig und alt. Durchschnittlich vergaben die 75 Besucher auf Tripadvisor dem Hotel 2 von 5 Punkten. Prädikat: mangelhaft. «Noch mieser gehts nicht», schrieb ein Gast.

Das soll sich nun ändern. Im vierstöckigen Altstadthaus mit Sicht auf die Limmat trägt ein Sanitär eine Kloschüssel die Treppe hoch, ein Maler überpinselt Abdeckungen. An den Zimmern hängen Möblierungspläne, aus einem Smartphone scheppert Musik. Der Geruch von Lösungsmittel liegt in der Luft. Am kommenden Freitag eröffnet die Krone unter neuer Leitung. Für zwei Jahre wird es zum Pop-up-Hotel. Entstehen soll ein einfaches, aber persönliches Haus mit Charme für das kleine Budget.

Mittendrin koordiniert Karin Lenherr, designierte Hotelmanagerin. Ein Hotel hat die 39-jährige Tourismusfachfrau noch nie geführt, dafür Events wie das Freestyle.ch oder das Kino am See mitorganisiert. In den beiden Aufgaben sieht sie jedoch einige Parallelen. «Knappe Vorbereitungszeit, aber am Tag x muss alles klappen. Der Unterschied ist, dass dieser Event zwei Jahre dauert.» Deshalb hat sie sich im Herbst spontan auf das Stelleninserat als Hotelmanagerin beworben.

Kein Schnickschnack

Eine Fähigkeit, die Lenherr als Eventmanagerin gelernt hat, kommt ihr nun bei der Neukonzeption der Krone zugute. «Priorisieren ist mein oberstes Gebot, und zu akzeptieren, dass 80 Prozent von dem, was ich will, auch schon genügen.» Nur zu gerne hätte sie zum Beispiel alle der 28 Zimmer individuell von Kunstschaffenden oder Zürcher Designern gestalten lassen. Doch das lag finanziell und zeitlich nicht drin. Auch wollte sie schon zur Eröffnung alle Zimmer vermieten, statt nur deren 16.

Alle Zimmer wurden neu gestrichen, überall der Teppich durch Linoleum ersetzt. Bild: Dominique Meienberg

Im Rahmen der zweimonatigen Renovationsarbeiten wurde in allen Zimmern der Teppich durch Linoleum ersetzt und alle Zimmer neu gestrichen; bis auf Fensterhöhe durchzieht ein Band in blau-violetter Farbe die Räume. Sanitäranlagen wurden vergrössert und, wo nötig, ersetzt. Eine goldglänzende Metall-Abdeckung hinter dem Lavabo mit Spiegel und Seifenhalter – von einem bekannten Zürcher Hersteller – bringt Wärme in den Raum. In jedem Zimmer stehen ein Boxspringbett und ein Kleiderständer. Telefon und Fernseher sucht man hingegen vergeblich. «Wir verzichten auf Schnickschnack, ausser auf WLAN», sagt Lenherr.

Ruf als Herausforderung

Der schlechte Ruf der Adresse war für Karin Lenherr ein Motivationsgrund für den Job. «Ich sehe diesen Umstand als Herausforderung. Und ehrlich gesagt: Wir können es ja nur besser machen.» Das will sie in erster Linie mit einem persönlichen Service erreichen. Ihre sechs Teilzeitmitarbeiterinnen kennen sich in Zürich aus und wollen den Gästen ihre Begeisterung weitergeben. Den einstigen Namen haben die neuen Betreiber praktisch identisch übernommen, nicht nur, weil die Leuchtschrift nach wie vor an der Fassade prangt. Lenherr sagt: «Die Krone steht neben der unrühmlichen Vergangenheit auch für zentrale Lage mit Blick auf die Limmat.» Als Krone Zurich mit dem Vermerk Pop-up-Hotel will sich das Gästehaus einen Platz auf dem Hotelmarkt erobern.

Die Krone steht neben der unrühmlichen Vergangenheit auch für zentrale Lage mit Blick auf die Limmat.Karin Lenherr, Hotelmanagerin

Karin Lenherr will aber auch den Charme der 500-jährigen Liegenschaft wieder zur Geltung bringen, etwa mit der freigelegten Steinstütze in einem Zimmer, auf der die Jahreszahl 1599 eingeritzt ist. Besonders am Herzen liegt Lenherr der ehemalige Frühstücksraum im ersten Stock zum Fluss hin. Viel Holz, ein Buffet mit einer Mosaikrückwand in Türkis, eine hölzerne Garderobe, die bestens als Requisit in den Film «Bäckerei Zürrer» gepasst hätte; bloss mit dem Unterschied, dass in dem Raum kein Frühstück mehr serviert wird. Für Verpflegung biete das Niederdorf schon genug. Lenherr sagt: «Der Raum steht quasi für unser Konzept: ursprüngliche Gemütlichkeit mitten im Stadtzentrum.» Er soll zum Wohnzimmer für die digitalen Nomaden werden, die sich Lenherr als idealtypische Gäste vorstellt. Diesen Raum versteht sie aber auch als Erweiterung der Zimmer, sind diese doch nur zwischen 7 und 19 Quadratmeter gross. Noch aber liegen Abbruchreste auf dem Boden, das Holztäfer ist nicht aufgefrischt, die Sitzbank nicht neu gepolstert. Lenherr sagt: «Der Zeitplan ist eng, aber das wird schon noch.»

Idee der Besitzer

Bis Ende September war die Krone noch in Betrieb unter dem vormaligen Pächter. Der 84-Jährige hat das Gasthaus während 50 Jahren geführt. Karin Lenherr hat ihn nicht kennen gelernt, kannte das Hotel vorher nicht von innen. Deshalb will sie nicht werten. Sie sagt lediglich: «Vielleicht mag man dann einfach irgendwann nicht mehr.» Die Krone Limmatquai war noch nie Mitglied des Vereins der Zürcher Hoteliers, und vorerst hat Lenherr andere Prioritäten gesetzt, als den Papierkram zu erledigen.

Der vorherige Pächter hat das Hotel mit Blick auf die Limmat 50 Jahre lang geführt. Bild: Dominique Meienberg

Hinter der Zwischennutzung steht Projekt Interim. Das Unternehmen mit Sitz im Zürcher Seefeld und Ablegern in Bern und Basel hat sich auf Zwischennutzungen von leer stehenden Wohn- und Arbeitsräumen spezialisiert. Der Anstoss für die Zwischennutzung kam von der Eigentümerschaft der Liegenschaft, welche diese in zwei Jahren umbauen will. Sie ging auf die Verantwortlichen von Projekt Interim zu, als sie von deren Engagement im Dolder Waldhaus erfahren hatten. Weil sich da das Neubauprojekt verzögert hat, vermietet das Unternehmen im Rahmen des Projekts Waldhuus bis Januar 2021 Wohnungen, Büros, Ateliers, Lagerräume und Parkplätze.

Die Krone Zurich ist nicht das einzige Pop-up-Hotel von Projekt Interim. Derzeit baut das Unternehmen den stillgelegten Werkhof am Dorfeingang von Madulain in ein Pop-up-Hotel um. Wie weit das Unternehmen in diesen neuen Geschäftszweig einsteigen will, lässt Geschäftsführer Lorenzo Kettmeir offen. Er sagt: «Wir betreuen alle Nutzungstypen im Rahmen einer Zwischennutzung.» Über Investitionen und Gewinnaussichten beim Hotel Krone will das Unternehmen keine Auskunft geben. Einzig die Zimmerpreise sind klar: Ein Einzel-Budgetzimmer mit Hofsicht kostet 63 Franken, für 162 Franken gibt es ein Doppelzimmer mit Flusssicht. Und: Erste Buchungen sind bereits eingegangen.

Erstellt: 13.12.2019, 10:56 Uhr

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