Das Schlimmste, was einem Tramführer passieren kann

Oliver Weber hat mit dem Tram eine Velofahrerin überfahren. Obwohl er nicht schuld war, hat der tödliche Unfall sein Leben verändert.

Weber sieht sie, alles gut, wie immer. Doch plötzlich biegt sie links ab, völlig unerwartet. Fotos: Fabienne Andreoli

Weber sieht sie, alles gut, wie immer. Doch plötzlich biegt sie links ab, völlig unerwartet. Fotos: Fabienne Andreoli

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An einem Freitagnachmittag fährt Oliver Weber* über die bayerische Autobahn nach Hause, viel früher als normal – und auch sonst ist alles anders. Zwei Kollegen der Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) begleiten ihn. Er, der sonst wie ein Wasserfall quasselt, ist heute still. Wie ausgetauscht.

Webers Frau hat für alle «Brotzeit» vorbereitet. Doch Weber ist erschöpft, will alleine sein – und schnell ins Bett. Als er am nächsten Morgen aufsteht, ist zuerst alles gut. Doch dann holt es den 46-jährigen ein. Zusammengekauert und heulend liegt er auf dem Boden. Erst als der Notarzt kommt und ihn mit Medikamenten ruhigstellt, beruhigt er sich. Seine Tochter hat Angst, denn sie weiss nicht, was jetzt mit ihrem Papi geschieht.

Notstopp im 13er-Tram

Die Strecke, auf der sich Oliver Webers Leben im April 2011 verändert hat, ist unspektakulär. Limmatplatz zum Escher-Wyss-Platz. Rechts die Migros, links Wohnhäuser. Zürcher Standardhauptstrasse. Mehr als 1000-mal ist Weber als Tramchauffeur mit dem 13er hier entlanggefahren.

An diesem Mittag ist eine Velofahrerin parallel zum Trassee unterwegs. Weber sieht sie, alles gut, wie immer. Doch plötzlich biegt sie links ab, völlig unerwartet. Jetzt steht sie vor ihm auf den Gleisen, sieht ihn an. Weber, geschockt, schlägt den Controller ganz nach links ein, so weit es geht, roter Bereich, Notbremse. Er tut alles, um die 40 Tonnen zu stoppen: Die Schienenbremse klatscht. Der Sand rinnt. Die Glocke rasselt. Dann bleibt das Tram stehen. Drei bis viermal länger als bei einem Auto dauert das.

Das will jeder Trampilot verhindern: Der Druck auf den Notrufknopf.

Weber weiss: Entweder, die Frau hat es am Tram vorbei geschafft, links, denn dort haben die Zürcher Trams keinen Rückspiegel, oder …

Er verlässt den Führerstand. Was er sieht, ist eindeutig. Weber geht zurück, drückt den Notrufknopf und sagt, was kein Tramführer sagen will: «Unfall mit Todesfolge.»

Derweil werden die Menschen im Tram unruhig. Sie sehen das führerlose Velo. Einige steigen aus. Andere bleiben zitternd sitzen. Manche schreien. Zum Glück ist ein Zivilpolizist im Tram und hilft Oliver Weber. Dann kommen seine Kollegen.

«Ich habe alles richtig gemacht»

Die Woche nach dem Unfall verbringt Oliver Weber in seinem Garten in Bayern. Immer wieder versichert er sich: «Ich habe alles richtig gemacht.» 36 km/h ist er gefahren, sogar weniger als vorgeschrieben. Und als die Frau auf die Gleise abbog, leitete er die Notbremsung ein. Sofort. Weber will wieder fahren. Den Job aufzugeben, kommt für ihn nicht infrage, denn dieser ist für ihn alles.

1988 hat er als Carchauffeur begonnen, ging dann zu den VBZ. Noch heute entzückt ihn das Morgenrot im Bus am General-Guisan-Quai, der Blick von Höngg auf Zürich aus der Fahrerkabine, wenn die Sonne untergeht. Also sitzt er eine Woche nach dem Unfall wieder im Tramcockpit. Ein Kollege begleitet ihn am ersten Tag. «Du denkst, alles läuft gut so weit», sagt Weber.

Zu viele Leute, zu viel los. An der Bahnhofstrasse beginnen seine Hände zu zittern.

An Ostern, zwei Wochen nach dem Unfall, hat er Dienst. Weber fährt das 7er-Tram in Richtung Stettbach und merkt: Etwas stimmt nicht. Zu viele Leute, zu viel los. An der Bahnhofstrasse beginnen seine Hände zu zittern. Er drückt den Notknopf – und weiss ab dann nichts mehr, obwohl er ständig per Funk mit der Leitzentrale spricht. Später wird man ihm eine Teilamnesie diagnostizieren: Er konnte zwar noch fahren, aber gedanklich war er nicht mehr da. Eine Schutzfunktion des Körpers. Rasch wird er abgelöst.

Oliver Weber hat nun ein Problem, das weder er selbst noch die VBZ lösen können. Er geht in die Traumatherapie, bei einem «genialen» Menschen, wie er sagt. Zuerst jeden Tag, dann immer seltener, drei Monate lang. Während dieser Zeit arbeitet er nicht. Meist bleibt er in seiner kleinen Wohnung in Zürich, weil er seine Familie nicht belasten will. «Ich habe mich neu kennen gelernt», sagt Weber.

Über einen Mitarbeiter der VBZ erfährt Oliver Weber, dass der Mann des Opfers ihm keine Vorwürfe macht. Erst drei Jahre später erhält Weber Post vom Bezirksgericht: die papierige Bestätigung seiner Unschuld.

Das Careteam kümmert sich um die Fahrerinnen und Fahrer.

Ein paar Tricks helfen Oliver Weber im Alltag, um mit dem Erlebnis umzugehen. Vor einem Jahr hatte er die letzte Panikattacke. Als Weber ein Tram übernahm, machte er die Wagenkontrolle und sah die Nummer: sein Unfallfahrzeug. Der Herz raste. Über 180 zeigte seine Pulsuhr an. Weber fuhr nicht und ging nach Hause.

Im Team ist der heute 54-Jährige eine wichtige Ansprechperson. Er kann mit anderen Fahrern, die ebenfalls «einen Tödlichen» hatten, auf Augenhöhe reden. Ratschläge verteilt er aber keine. «Jeder geht anders damit um», sagt Weber.

Mit seiner Frau lebt Oliver Weber nicht mehr in einer Beziehung, sondern in einer gemeinsamen WG. Sie kam nicht damit zurecht, dass ihr erwachsener Mann manchmal auf der Couch sitzt und ohne Grund zu weinen anfängt. «Der Unfall hat mich emotionaler gemacht und meine Persönlichkeit abgerundet», sagt Weber. Es kommt vor, dass er schluchzen muss, wenn ein langjähriger Kollege pensioniert wird. Oder wenn er Fernsehen schaut und beim Biathlon eine Athletin gewinnt, die er besonders gerne mag.

*Name der Redaktion bekannt

Erstellt: 01.04.2019, 23:51 Uhr

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