Das Schulhaus mit den zwei Gesichtern

Wie baut man eine Schule an der Autobahn? Die Stadt Zürich hatte eine knifflige Aufgabe zu lösen. Jetzt ist daraus eine Art Nagelhaus geworden.

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Lange geisterte der Ausdruck «Westast» durch Zürich. Das wäre die Auto-Schnellverbindung zwischen A1 und Stadttunnel geworden. Der Ast ist abgestorben, aber die Pfingstweidstrasse mit ihren vier Spuren und täglich Zehntausenden Fahrzeugen blieb als Abschluss der Nationalstrasse. An dieser Strasse machte sich die Stadt Zürich auf, ein Schulhaus zu bauen, um die Kinder des boomenden Zürich-West aufzunehmen.

Das führte 2015 im Stadtparlament zu Kritik von Links. Grüne und AL sprachen von einem kinderfeindlichen Ort. An dieser Strasse würden die Grenzwerte für den krebserregenden Feinstaub PM-10 regelmässig überschritten, hiess es. Auch sprachen die Skeptiker von einem «Lärmschutz für den Park der Gutverdienenden», weil der angrenzende Pfingstweidpark zwischen den Nobel-Hochhäusern Mobimo und Zoelly liegt.

Blick auf den Pfingstweidpark

Das Schulhaus steht jetzt, und man kann sagen: Aufgabe gut gelöst. Das Schulhaus versprüht eine warme Atmosphäre, das Schulleben der Kinder wird gänzlich von der Strasse abgewandt sein. Zudem ist es möglich, direkt mit der Pfingstweidbrücke auf das Schulareal zu gelangen, mit dem Velo oder zu Fuss. Da bleibt sogar der Gang über einen der beiden nahen Fussgängerstreifen mit Ampel über die breite Pfingstweidstrasse erspart. Sicherheitsbedenken trägt man zudem Rechnung, indem auf der Förrlibuckstrasse eine 25-Sekunden-Grünphase an der Ampel eingerichtet wird.

Der Trick der Zürcher Architekten Baumann Roserens ist simpel. Sie haben dem Schulhaus zwei Gesichter gegeben. Das strassenseitige ist recht wirsch und passt sich in die grautönige Umgebung mit Technopark, Bundesasylzentrum und Kunsthochschule ein. Das Gesicht auf der anderen Seite, jener des Parks, hingegen ist viel freundlicher. Hier gibt es Luft, Grün und ja, sogar etwas Weite.

Hier Blech, dort Holz

Auch die verwendeten Materialien könnten sich nicht stärker unterscheiden. Vorne Metall – oder wie Hochbauvorsteher André Odermatt (SP) anlässlich der heutigen Führung sagte: Blech. Auf der Parkseite Holz. Sogar die Treppengeländer sind aus Holz. Die parkseitige Fassade mit Laubengängen liegt zwischen Barackenstil und Kurhauscharakter. Der von den Zürcher Landschaftsarchitekten Antón & Ghiggi gestaltete Schulhausplatz hat eine Spielanlage, die mit ihren an Mühleräder und Zahnradtechnik erinnernden Komponenten stark auf die Industriegeschichte des Quartiers Bezug nimmt. Diese ist auch noch vorhanden: Gleich neben dem Park parkieren mehrere SBB-Güterwaggons.

Das Luftbild verleitet gar zum Gedanken, dass das Schulhaus Pfingstweid ein hölziges Nagelhaus sein könnte, das der Hochhauswucht der Umgebung trotzt. Dabei ist der zweistöckige Bau der vorläufig Letzte auf dem Areal.

Die Schulzimmer sind auf den Park ausgerichtet, die Gänge auf die Strasse. Wie heutzutage üblich, gibt es zahlreiche Betreuungszimmer und Gruppenräume, einen Handarbeits- und einen Werkraum, einen Singsaal, eine kleine Bibliothek, eine Turnhalle (unter dem Strassenniveau) und eine Mensa. Die Schule Pfingstweid ist auf den Tagesschulbetrieb ausgerichtet.

Auf eine Solaranlage muss das Schulhaus verzichten, weil die umliegenden Türme zu viel Schatten spenden. Dafür gibt es auffällige Kunst am Bau: Auf der von der jungen Künstlergruppe CKÖ gestalteten Metallkonstruktion «Billboard» auf dem Dach kann mit Leuchtelementen gespielt werden.

Auch für Flüchtlingskinder und Musikschüler

Im August werden hierhin die ersten Primarschülerinnen und -schüler, zum Beispiel vom Kraftwerk 1 oder Maaghof strömen. Gebaut ist das Schulhaus für neun Klassen. Vorerst werden es fünf sein plus zwei Klassen für Flüchtlingskinder im Primarschulalter aus dem nahen Bundesasylzentrum, wie Kreisschulpräsidentin Katrin Wüthrich (SP) sagte. Die Lehrpersonen für die maximal 14-köpfigen Flüchtlingsklassen übernimmt die Stadt von der Asylorganisation Zürich (AOZ).

Erstmals wird auch die Musikschule Konservatorium Zürich (MKZ) in ein städtisches Schulhaus einziehen. Diese soll auch dann bleiben, wenn das Schulhaus voll besetzt ist. Gemäss Wüthrich ist dies eine Premiere. Nun will man die Koexistenz testen. Bei Vollbestand müssten hingegen die Flüchtlingsklassen weichen.

Finanziell gab es – wie Odermatt sagte – eine Punktlandung. Der 2017 vom Volk mit 88 Prozent Zustimmung gesprochene Baukredit von 29,4 Millionen Franken verstand sich inklusive Reserven, die aber kaum benötigt wurden. Das Schulhaus Pfingstweid kostet schliesslich 26,6 Millionen.

Erstellt: 08.07.2019, 18:40 Uhr

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