«Das sind hässliche Quader»

Uni-Rektor Michael Hengartner sagt, die riesigen Volumen für das geplante Hochschulquartier könnten ins Stadtbild integriert werden. Zudem profitierten auch die Anwohner von der Zentralisierung.

Der heute kaum genutzte Park beim Unispital könnte zum «Central Park» werden, sagt Michael Hengartner. Luftaufnahme des Hochschulquartiers. Foto: Urs Jaudas

Der heute kaum genutzte Park beim Unispital könnte zum «Central Park» werden, sagt Michael Hengartner. Luftaufnahme des Hochschulquartiers. Foto: Urs Jaudas

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Der Masterplan zum Umbau des Hochschulquartiers hat eine ­Kontroverse ausgelöst. Die Studien mit den Volumen, die riesige Klötze zeigen, wirken abschreckend. Wie gefällt Ihnen diese Vorstellung?

Gar nicht. Das sind hässliche Quader, die zum Glück nur das Volumen illustrieren. Wenn Sie die jetzigen Hauptgebäude der UZH oder der ETH so darstellten, würde es ähnlich schlimm aussehen. Die Herausforderung liegt darin, mit Architekturwettbewerben clevere, schöne Lösungen zu finden. In 100 Jahren sollen die Zürcherinnen und Zürcher über unsere neuen Gebäude sagen: Die hatten einen guten Geschmack damals.

Und das geht mit diesen Volumen?

Davon bin ich überzeugt. Ich glaube an gute Architektur. Im 19. Jahrhundert gab es starken Widerstand gegen die grossen Hauptgebäude von UZH und ETH. Heute sind sie akzeptiert und gehören zum Stadtbild.

Wieso braucht die Uni überhaupt so viel zusätzlichen Platz?

Mit den geplanten Neubauten wollen wir vor allem die Verzettelung der letzten Jahrzehnte rückgängig machen. Derzeit besetzen wir über 200 Liegenschaften in der Stadt, oft kleine Gebäude, teuer im Unterhalt, weit voneinander entfernt. Wir wollen die Studierenden wieder an einem Ort zusammenbringen, im neuen Kollegiengebäude auf der Wässerwies südlich des Unispital-Parks. Von den neuen Flächen brauchen wir zwei Drittel für solche Rückführungen.

Die Uni will aber weiter wachsen.

Das effektive Wachstum im Zentrum bleibt sehr bescheiden, von rund 15'000 Studierenden auf 16'500, was ungefähr das Wachstum der Bevölkerung abbildet. Der viele Platz, den wir in den angemieteten Gebäuden freimachen, soll der Bevölkerung und dem Gewerbe zu Gute kommen.

Dieses Versprechen gibt es schon lang. Warum hat es die Universität nicht früher umgesetzt?

Man hat das wohl ein bisschen verschlafen. Ausserdem hat die Uni die neuen Gebäude schon früher angedacht. 2010 legten wir aber einen Planungsstopp ein, um unsere Projekte mit Universitätsspital und ETH abzustimmen. So haben wir fünf, sechs Jahre verloren.

Das Unispital hat den ursprünglich angemeldeten Raumbedarf ­korrigiert und das Gebäudevolumen um zehn Prozent verringert. Gibt es bei der Uni ähnliche Bemühungen?

Wir setzen auf zwei Standorte, den ­Irchel und das Zentrum. Wir prüften ­genau, wie sich beide Orte am besten ausnutzen lassen. Deshalb siedeln wir die Sozialwissenschaften, die sich momentan im Exil in Oerlikon befinden, neu am Irchel an. Dadurch müssen wir im Zentrum kaum ausbauen. Das grosse Wachstum wird auf dem Irchel realisiert. Dort haben wir viel mehr Platz.

Die allgemeinen Raumansprüche haben Sie nicht hinterfragt?

Doch. Wir können wohl um etwa zehn Prozent herunterkommen.

Kritiker werfen der Uni vor, sie stelle überholte Raumforderungen. Die Büros der Professoren ­würden oft leerstehen.

Wir machen gerade Experimente mit Grossraumflächen im Campus Balgrist. Das wird uns hoffentlich weiterbringen. Unsere Erfahrung zeigt aber auch: Es ist wichtig, dass Professorinnen und Professoren ein Büro haben, wo die Studierenden sie aufsuchen können. Und es braucht weiterhin Lern- und Begegnungsorte. Daran, wie Menschen interagieren und lernen, ändert sich grundsätzlich wenig, trotz Internet. Die Möglichkeiten des virtuellen Lehrens werden das jetzige Angebot ergänzen, es aber nicht überflüssig machen.

Braucht es denn weiterhin ­Vorlesungssäle? Man kann vieles im Internet live mitverfolgen.

Wir übertragen zahlreiche Vorlesungen. Trotzdem kommen die Studenten weiterhin an die Uni. Sie suchen den persönlichen Kontakt zu den Dozenten und den Austausch untereinander. Beides hilft beim Lernen. Von den riesigen Frontalunterrichtssälen haben wir wohl genug. Wir brauchen aber mehr Räume, die Diskussionen zulassen und weniger hierarchisch organisiert sind.

Dass Ärzte und Forscher des ­Unispitals eng zusammenarbeiten, leuchtet ein. Warum aber müssen die Wirtschaftswissenschaften im Zentrum bleiben?

Wir wollen beide Standorte optimal nutzen. Wenn wir zu viele Studiengänge auf den Irchel verschieben, gäbe es Hörsäle im Zentrum, die wir nur noch an zwei Nachmittagen benötigten. Das ist nicht effizient. Dazu kommt, dass der Irchel weniger gut erschlossen ist als das Zentrum. Bei sehr vielen neuen Studenten kämen wir da in Bedrängnis. Deshalb ist es sinnvoll, dass wir die Leute, die jetzt im Zentrum sind, dortbehalten.

Kritiker sehen im Projekt einen grundsätzlichen Konstruktions­fehler. Es sei zu stark auf den Park des Unispitals ausgerichtet. Dieser tauge wenig als öffentliche Anlage.

Die Kritik ist gerechtfertigt. Heute wirkt der Park abgeschlossen, Studierende nutzen ihn kaum. Ich sehe ihn trotzdem als Stärke des Projekts. Mit dem neuen Hauptgebäude auf der Wässerwies direkt gegenüber könnte die Anlage zum «Central Park» werden, zum wichtigsten Treffpunkt des Hochschulquartiers. Man muss den Park dafür als Raum zum Verweilen umgestalten.

Die Anlage steht unter Schutz, man kann kaum etwas daran ändern.

Es lässt sich mehr machen, als man meint. Aber es stellen sich knifflige Fragen: Wie kommen die Studierenden über die Strassen, ohne diese während der Stosszeiten zu blockieren? Wie kann man sich im Park verpflegen?

Haben Sie keine Angst, dass jeder Änderungswunsch lange ­Rechtsverfahren nach sich zieht?

Ich bin guten Mutes. Wir wollen die ­angrenzenden Parkplätze aufheben, ­dadurch den Park öffnen und vergrössern. Wenn wir Projekte präsentieren, die den Park besser machen, sollten die meisten zustimmen können.

Über das Riesenprojekt wird es keine Volksabstimmung geben. Was sagen Sie zu diesem ­Demokratiedefizit?

Ich wäre gottenfroh, wenn wir den Kanton darüber abstimmen lassen könnten. Ich bin überzeugt, dass 80 Prozent der Bürgerinnen und Bürger ein modernes Unispital und eine moderne Universität wollen.

Wie wollen Sie die Gegner des ­Ausbaus auf Ihre Seite holen?

Man kann es nie allen recht machen. Ich habe aber gelernt: Wenn Sie gute Argumente haben, auf die anderen zugehen und zuhören, dann wird man einen guten Teil überzeugen können. Wir stehen bereits in Kontakt mit den verschiedenen Kritikern.

Die Universität untersteht als ­einzige der direkten Kontrolle des Volkes. Das Unispital wird wohl autonom, über die ETH wird in Bern entschieden. Läuft die Uni da nicht Gefahr, den Frust der der Stimm­bevölkerung allein abzubekommen?

Wenn ETH und Unispital ihre Projekte auf Biegen und Brechen gegen grossen Widerstand durchdrückten, dann bestünde dieses Risiko. Aber ich kenne beide Präsidenten, sie gehen umsichtig und konsensorientiert vor. Deshalb fürchte ich mich nicht vor solchen Frustabstimmungen.

Dem Projekt seien komplizierte Verhandlungen zwischen den drei Institutionen vorausgegangen. Deshalb müsse man am Projekt festhalten, heisst es.

Seit meinem ersten Tag als Rektor habe ich die Zusammenarbeit als sehr angenehm empfunden. Aber im Masterplan steckt sehr viel Arbeit, mehrjährige Abklärungen von Dutzenden Experten, ein gigantischer Meinungsbildungsprozess. Ein Scheitern wäre eine ziemliche Kata­strophe. Wir stehen unter riesigem Erneuerungsdruck. Nochmals sieben Jahre können wir nicht warten.

Und wenn Sie doch müssten?

Dann würden wir uns wohl noch stärker in der Umgebung verzetteln, noch mehr Häuser anmieten. Das hilft niemandem.

Erstellt: 25.07.2016, 22:26 Uhr

Rektor Universität Zürich
Michael Hengartner, geboren 1966 in St. Gallen, ist schweizerisch-kanadischer Doppelbürger. Er wuchs im kanadischen Québec auf und studierte dort an der Université de Laval Biochemie. 1994 promovierte er am Massachusetts Institute of Technology. Von 2009 bis 2014 war er Dekan der Mathematisch-natur­wissenschaftlichen Fakultät, seit 2014 ist er Rektor der Universität Zürich.

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