«Das sind mehr als Läden – eine Migros kann das nicht»

«Onkel Ali» anstatt «Tante Emma»: Die Direktorin der Stadtentwicklung sagt, weshalb ausländische Gemüseläden so wichtig für Zürcher Quartiere sind.

Ein Treffpunkt für das Quartier: Der türkische Gemüseladen Dirok am Limmatplatz. (8. März 2016) (Bild: Doris Fanconi)

Ein Treffpunkt für das Quartier: Der türkische Gemüseladen Dirok am Limmatplatz. (8. März 2016) (Bild: Doris Fanconi)

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Dem türkischen Gemüseladen am Limmatplatz droht die Schliessung. Doch ohne die vielen Multi-Kulti-Geschäfte würde in Zürich etwas fehlen: Eine Untersuchung ergab 2008, dass im Langstrassenquartier 29 Prozent aller Geschäfte von Ausländern geführt werden. Weshalb machen sich viele Einwanderer selbstständig?
In anderen Kulturen ist Selbstständigkeit oft eine Selbstverständlichkeit. Viele Migranten bringen die Unternehmermentalität aus ihrer Heimat mit. Das ist das positive Element. Das andere ist, dass – besonders weniger gut ausgebildete – Menschen oft weniger Zugang zur klassischen Schweizer Berufskarriere haben: Sie sprechen die Sprache nicht, ihre Ausbildung wird nicht anerkannt, trotzdem müssen sie Geld verdienen. So sind sie gezwungen, kreativ zu werden – etwa indem sie sich selbstständig machen.

Was überwiegt bei den Betroffenen: der positive oder der negative Aspekt?
Meist der positive. Sie arrangieren sich, machen das Beste aus den schwierigen Rahmenbedingungen. Es ist oft nicht das erste Mal, dass sie dies tun müssen.

In welchen Branchen sind ausländische Gewerbetreibende besonders häufig?
Vor allem bei Lebensmittelläden und Gastrobetrieben, aber auch Schönheitssalons, Coiffeuren, Kleingewerbe jeder Art. Prominente Beispiele sind etwa der Happy-Beck, der von einem Türken geführt wird und bereits Filialen hat, oder die iPhone-Klinik, deren Inhaber ein Tamile ist.

Welche Nationen sind besonders häufig vertreten?
Aus einer früheren Untersuchung hat sich gezeigt, dass im Seefeld etwa das italienische Gewerbe dominiert, während in den Kreisen 4 und 5 auch viele türkische, asiatische, afrikanische und lateinamerikanische Gewerbetreibende tätig sind.

Wie erfolgreich sind die ausländischen Gewerbetreibenden?
Finanziell kann ich dies nicht beurteilen, da beim Kleingewerbe die Nationalitäten der Inhaber nicht erhoben werden. Wichtig ist jedoch der integrative Aspekt: Die Geschäftsbesitzer vergeben ihre Arbeitsstellen meist an Landsleute. Damit integrieren sie nicht nur sich selbst, sondern auch noch andere Menschen in die Arbeitswelt und vernetzen sie mit dem Quartier und der lokalen Bevölkerung – eine grosse Leistung.

Besteht nicht die Gefahr, dass ein «Chinatown-Effekt» entsteht, also die Angestellten weniger Anreiz haben, sich Landessprache und -kultur anzueignen, wenn sie am Arbeitsplatz stets von ausländischen Landsleuten umgeben sind?
Dafür sind in Zürich die ausländischen Gemeinschaften zu klein und zu heterogen. Kommt hinzu, dass in den Gemüseläden auch sehr viele Schweizer und Angehörige anderer Nationalitäten einkaufen.

Letztes Jahr gab es in Berlin Proteste, weil ein türkischer Gemüseladen geschlossen werden sollte, die Besitzer des Geschäfts am Limmatplatz haben eine Unterschriftensammlung gestartet. Weshalb hängt die Bevölkerung am «Onkel-Ali-Laden»?
Es ist die Nähe, die Verfügbarkeit, das überschaubare Angebot, das Vertraute. Gerade auch Senioren oder Mütter mit Kindern schätzen kleine, gut erreichbare Läden in der Nachbarschaft. Zudem macht es einen Unterschied, ob man den Mann oder die Frau hinter der Theke kennt. Ich denke zum Beispiel an einen von einer türkischen Familie geführten Lebensmittelladen in Hottingen, wo Hausfrauen und -männer Gemüse einkaufen und gleichzeitig mittags die Schüler kommen. Das sind mehr als nur Läden, das sind Quartiertreffpunkte. Sie haben einen sozialen und integrativen Aspekt, den kein Migros und kein Coop erfüllen kann.

Erstellt: 11.03.2016, 11:08 Uhr

Anna Schindler ist seit 2011 Direktorin der Stadtentwicklung Zürich. Bild: PD

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