Das spielt den Gegnern in die Hände

Die Anti-Köppel-Aktion des Künstlers Philipp Ruch ist dumm und pervers. Und sie verfehlt ihre Wirkung bei weitem.

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Er will schon wieder, dass wir uns mit ihm beschäftigen: Philipp Ruch, der im vergangenen Jahr zum Mord an Roger Köppel aufrief. Nun also soll der Nazihetzer Julius Streicher aus Köppel ausgetrieben werden.

Treffend oder gar originell ist das nicht: Nazivergleiche werden immer dann aufgeboten, wenn Aufmerksamkeit um jeden Preis erregt werden soll – und Argumente keine Rolle mehr spielen dürfen. Mehr als nur problematisch ist zudem, dass Ruch wiederholt in einer solchen Heftigkeit auf den gleichen Mann losgeht. Damit betreibt Ruch eine Personalisierung, die mit der schweizerischen Realität nur wenig zu tun hat. So wichtig ist Köppel nicht. Und von einer «Volksinitiativwut» des Neonationalrats, von der das «Zentrum für Politische Schönheit» spricht, kann schon gar keine Rede sein. Ruch verzerrt die Wirklichkeit und betreibt eine Personalisierung, die immer eine Banalisierung der Politik ist.

Erinnerung an Schlingensief

Gewiss, Ruchs Aktion erinnert sehr stark an den verstorbenen Christoph Schlingensief: Bei der Arbeit an seiner Zürcher «Hamlet»-Inszenierung zog dieser mit seinem Team vor die Villa von SVP-Politiker Christoph Blocher; ein Jahr später veranstaltete Schlingensief dann vor dem Haus des FDP-Politikers Jürgen Möllemann einen Exorzismus – mit Hühnerfedern und der Aufforderung «Tötet Möllemann».

Darf und soll Kunst alles tun, weil es Traditionen gibt? Nein, es gibt nämlich einen wichtigen Unterschied zwischen Ruch und Schlingensief. Der 2010 verstorbene Deutsche verstand seine Arbeiten immer als «Selbstprovokation». Etwa dann, wenn er sich wiederholt durch die deutsche Geschichte wühlte – von Hitler über die DDR bis zu den Neonazis, die Schlingensief 2001 in Zürich mit seinem «Hamlet» resozialisieren wollte.

Selbstgefällige Provokation

Ruch hingegen gefällt sich in der selbstgefälligen Provokation, mit der er sein Verständnis eines «radikalen Humanismus» propagieren will. Und als solche verpuffen Ruchs Provokationen wiederholt in durchschlagender Wirkungslosigkeit: Vor einigen Monaten etwa hatte das «Zentrum für politische Schönheit» angekündigt, ein Leopardenbaby im Dortmunder Zoo töten zu wollen. Das Tierbaby stehe uns näher als die Flüchtlinge, die nach Europa kommen: Das war damals die Message, die Ruch mit seinen Tötungsabsichten unter die Leute bringen wollte. Geschehen ist dem Tier glück­licherweise nichts. Was aber in Dortmund und schon beim «künstlerischen» Mordaufruf gegen Köppel deutlich wurde, sind die Wirkungen von Ruchs Aktionen: Er erregt mit seinen Grenzüberschreitungen die mediale Aufmerksamkeit, die er für seine Anliegen – das Schicksal der Flüchtlinge – nutzen will.

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De facto schafft er aber das Gegenteil: Bei seinen Übertretungen bringt er all jene auf, deren moralische Grenzen er verletzt; sie stellen sich schützend vor die Angegriffenen, auch wenn sie deren politische Anliegen wie im Fall des SVP-Nationalrats Köppel vielleicht gar nicht teilen. Und es entstehen Debatten, in denen Ruchs eigentliche Absichten – die Solidarität und Hilfe für die Flüchtlinge – keine Rolle mehr spielen, sogar verdeckt werden.

Letztlich erreicht Ruch also nur zwei Dinge: Er arbeitet für seine Gegner – und an seiner medialen Selbstvergrösserung. Dafür nimmt Ruch auch die Möglichkeit in Kauf, dass jemand seinen Forderungen Folge leisten könnte. Das ist weder klug noch witzig. Sondern vielmehr ziemlich dumm, extrem pervers – und nicht zuletzt auch eine falsche Aktivität: Ruch bindet mit seinen Aktionen Energien, die anderweitig gebraucht werden könnten. Zum Beispiel für die Rettung von Flüchtlingen.

Erstellt: 16.03.2016, 23:14 Uhr

Der Autor

Andreas Tobler ist Mitarbeiter der Kultur-Redaktion von Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

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