Das verhexte Haus

Nächste Woche eröffnet an der Zürcher Langstrasse 83 ein neuer Club – wieder einmal. Viele sind an diesem Haus gescheitert, darunter auch die Stadt.

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Man müsste das Haus ausräuchern, damit der Erfolg wieder einziehe, sagt ein bekannter Zürcher Clubbetreiber über die Langstrasse 83. Er hat die Liegenschaft zwischen Hohl- und Brauerstrasse einst besichtigt, sich aber gegen eine Miete entschieden. Es ist wie verhext: Seit zehn Jahren probierte es ein Club nach dem anderen an diesem Ort: Euphoria, Café Gold, District 4, Diva, Der Klub – die Liste ist lang, die Clubs blieben kurz. Kaum einer hielt es länger als ein Jahr aus, trotz der Lage mitten an der Zürcher Ausgehmeile.

Liegt über dem Haus ein Bann? Natürlich nicht. Warum hier so eine grosse Anzahl an Projekten scheitert, lässt sich erklären.

Grund 1: Es findet sich immer wieder jemand, der es versucht. Anfang Februar eröffnet der Techno-Club Babette. Geschäftsführer Patrick Etter hat bisher in Luzern Partys veranstaltet. Babette ist sein erster eigener Club. Er sagt: «Dass es an diesem Ort noch keiner richtig schaffte, spornt mich an.» Zum Erfolg verhelfen sollen Etter ein starkes DJ-Line-up und sein Team. «Darin sind viele Leute, die in der Zürcher Szene gut integriert sind, sie pushen das Ganze.»

Schillernde Rotlichtfigur

Grund 2: Die Monatsmiete ist hoch. Der neue Mieter bezahlt um die 25'000 Franken monatlich. Auch die Vormieter, die ab 2012 den Club District 4 und danach das Café Gold betrieben, sollen so viel bezahlt haben. Unter dem Geschäftsführer Marc Aeschbach war das Café Gold rentabel. Der neukonzeptionierte Nachfolger von District 4 war eigentlich ein Sanierungsprojekt, mit dem die Schulden abgetragen werden sollten, welche die Geschäftsführer des District 4 angehäuft hatten. Aeschbach sagt: «Reich wird man mit diesem Laden nicht.» Man müsse unternehmerisch fit sein, um den Laden zu führen.

Grund 3: Der Vermieter. Seit 1996 verwaltet Fredy Schönholzer das Haus an der Langstrasse 83. «Um an dieser Adresse Erfolg zu haben, muss man wissen, mit was für einem Vermieter man es zu tun hat», sagt Aeschbach. Schönholzer verhandle nicht. Aeschbach versuchte trotzdem, mit ihm über die Miete zu diskutieren, und brachte Schönholzer gegen sich auf. «Im laufenden Betrieb hat er uns die Heizungen abgestellt – und das im Winter.» Der Mann sei mit allen Wassern gewaschen.

Schönholzer war früher eine schillernde Figur im Zürcher Rotlichtmilieu. Heute besitzt er ein grosses Immobilienimperium. Den Grundstein dafür legte Schönholzer mit dem ersten Sexladen der Schweiz, den er 1971 in einem Kiosk in Zürich-Oerlikon einrichtete. Später gründete er eine Sexshopkette und kaufte in Zürich zahlreiche Liegenschaften. Im Langstrassenquartier besitzt er mehrere Gebäude, einige sind verlottert. Einen Coup schaffte Schönholzer 2011: Damals verkaufte er das Labitzke-Areal in Zürich-Altstetten an Mobimo. 34 Millionen Franken soll er dafür kassiert haben. Für ein Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet war Schönholzer nicht zu erreichen. Infolge von Zahnschmerzen sei er «unausstehlich», heisst es bei einer seiner Immobilienverwaltungen.

Zwei Deals mit Stadt platzten

Nicht nur Clubbetreiber, auch die Stadt Zürich ist mit ihren Vorhaben an der Langstrasse 83 gescheitert. Vor 20 Jahren plante sie an dieser Adresse das Quartierzentrum Aussersihl, das später auf der Bäckeranlage zu stehen kam. Der Mietvertrag für knapp 20'000 Franken monatlich war bereits unterschrieben, als der Gemeinderat die Stadträtinnen Monika Stocker und Ursula Koch zurückpfiff. Zu reden gab damals, dass die Stadt zwar versuchte, das Sexgewerbe im Kreis 4 einzudämmen, sich aber bei jemandem einmietete, der mit der Vermietung von Zimmern an Prostituierte Geld verdiente.

Knapp zehn Jahre später, 2006, verhandelte die Stadt mit Schönholzer über den Kauf der Liegenschaft. Sie beabsichtigte, dort das interkulturelle Theater Maxim einzurichten. Doch auch dieser Deal platzte.

Der neue Mieter, Patrick Etter, hat sich über die bewegte Geschichte des Hauses informiert. Er ist zuversichtlich, dass alles klappt. Seinen Vermieter hat er noch nicht kennen gelernt.

Erstellt: 23.01.2017, 12:50 Uhr

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