Das verlorene Wahrzeichen Zürichs

Früher wurde nicht nur rechts und links der Limmat gebaut, sondern auch auf dem Fluss. Einer der Brücken von damals ist sogar ein Volkslied gewidmet.

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Vor nicht allzu langer Zeit mussten die Zürcherinnen und Zürcher nicht bis zur Stadtgrenze reisen, um auf die Werdinsel zu gelangen. Es gab eine mitten in der Innenstadt. Eigentlich ist sie noch immer da, eine Insel ist sie allerdings nicht mehr. Die Papierwerdinsel oder Papierwerd, wie sie die Städter nannten, befand sich an der Stelle bei der Bahnhofbrücke, wo heute eine Coop-Filiale steht. Früher war dieser Flecken Land von der Limmat umschlossen.

Werd ist die generelle Bezeichnung für Flussinseln. Den Namen Papierwerd erhielt sie, weil sich während Jahrhunderten Papiermühlen darauf befanden. Die Position der Insel war aber nicht nur für den Mühlenbetrieb praktisch. Die Stadtoberen nutzten sie in der dritten Stadtbefestigung um 1705 quasi als Weiterführung des Schanzengrabens über die Limmat hinweg.

Mühlen, Fabriken, Werkstätten, Warenhaus

Berichte über erste Brücken zur Insel gab es schon um 1320. Die berühmteste Verbindung zur Papierwerd wurde aber 1689 gebaut: das «Gedeckte Brüggli». Auf 17,5 Metern Länge spannte sich die Brücke zwischen Insel und Bahnhofquai. Mit ihrem Walmdach und den Holzwänden, durch die kreuzförmige Fenster die Sicht auf den Fluss und die Stadt freigaben, wurde das Brüggli zum inoffiziellen Wahrzeichen der Stadt. Auf unzähligen Postkarten und Aquarellen war der Holzbau zu sehen. Der Liedermacher Ernst Brupbacher schrieb ihm zu Ehren 1949 sogar das Volkslied «s'deckti Brüggli».

Bauten auf dem Wasser: Blick auf die Limmat um 1910 und heute.

Es herrschte ein Kommen und Gehen auf der Brücke, denn auf der Papierwerdinsel hatten die Wasserräder inzwischen längst nicht nur Mühlen, sondern auch Fabriken und Werkstätten mit Energie beliefert. Mitte des 19. Jahrhunderts reihten sich die Häuser dicht an dicht im Flusslauf. Einige Häuser auf der Verbindung zwischen den beiden Limmatufern, dem Unteren Mühlesteg, sind 1842 einem Brand zum Opfer gefallen, laut Bericht der NZZ «die grösste Feuersbrunst, die Zürich seit Dezennien erfahren hat». Eine Magd starb bei dem Unglück, zwei Personen wurden danach vermisst.

Um 1865 erlebte die Insel eine erste grosse Veränderung. Die «Aktiengesellschaft der mechanischen Papierfabrik an der Sihl» trat das Land an die Stadt ab, «damit dort eine öffentliche Promenade errichtet werden kann», wie es im Vertrag vom 29. August heisst. 17 Jahre später baute Josef Weber auf der Papierwerd den «Bazar ohne Grenzen», aus dem später das Warenhaus Globus wurde. Ab 1890 konnten die Damen am Unteren Mühlesteg im Frauenbad schwimmen gehen. Die auf dem Fluss treibende Holzkonstruktion verfügte über 64 Kabinen und 21 Umkleidenischen und war bei der Stadtbevölkerung äusserst beliebt.

Spektakel mit elektrischem Licht

Ein ähnliches Bild zeigte sich etwas weiter flussaufwärts, wo der Obere Mühlesteg lag. Auch die Ursprünge dieser Brücke gehen auf das 14. Jahrhundert zurück und auch hier wurde die Wasserkraft fleissig genutzt. Der hölzerne Steg reichte zunächst nur bis in die Mitte des Flusses und wurde erst 1880 zu einer Brücke ausgebaut.

1913 verlängerte die Stadt an dieser Stelle die neue Uraniastrasse über die Limmat hinweg. Die Uraniabrücke – heute trägt sie den Namen Rudolf-Brun-Brücke – wurde direkt an den Oberen Mühlesteg gebaut. Die Bauarbeiten waren ein grandioses Spektakel für die Stadtbevölkerung. Insbesondere deshalb, weil sie zum Teil bei elektrischem Licht stattfanden.

Beliebtes Sujet: Das Gedeckte Brüggli auf einer Postkarte. (Bild: Keystone)

Das Ende der Häuserzeilen auf der Limmat nahte Mitte des letzten Jahrhunderts. 1943 liess die Stadt die Häuser am Oberen Mühlesteg abreissen und die Stahlkonstruktion des Stegs vernichten. 1949 stand auch der Abbruch des Unteren Mühlesteg zugunsten eines Neubaus der Bahnhofbrücke fest. Der Limmatarm, der die Papierwerd umschloss, sollte trockengelegt und an seiner Stelle die heutige Strassenunterführung Bahnhofquai gebaut werden. Die Insel wurde sozusagen eingemeindet, das Gedeckte Brüggli damit überflüssig.

Politischer Kampf um eine Brücke

Die Empörung der Stadtbevölkerung über den geplanten Abbruch ihrer geliebten Holzbrücke war gross. Der Pontonier-Verein Zürich traf sich am 1. August 1949 auf den «wild schäumenden Wellen, um von dem Brüggli Abschied zu nehmen», wurde berichtet. Im Dezember schlug der Stadtrat dem Gemeinderat vor, das Brüggli zum Schanzengraben auf der Höhe Nüschelerstrasse zu verlegen. Der Rat lehnte den Vorstoss jedoch mit 70 zu 88 Stimmen ab. Auch der Antrag, das Brüggli beim Bauschänzli wieder aufzubauen, fand keine Mehrheit.

1949 nahm der Pontonier-Verein auf den «wild schäumenden Wellen» Abschied vom Brüggli.

Also begann im April 1950 der Abbau der Holzbrücke. Allerdings schritten die Arbeiten nur langsam voran, denn der Stadtrat gab der Bevölkerung die Zusicherung, die Balken einzulagern, damit das Brüggli dereinst vielleicht doch noch an anderer Stelle wieder eingesetzt werden könnte. Und so wurden die Holzelemente einzeln abgenommen, nummeriert und weggebracht.

Eine reine Zeitverschwendung, wie sich später herausstellen sollte, denn die Balken waren laut Expertenbefund allesamt morsch und voller Holzwürmer. 2001 gab der Stadtrat in einer Stellungnahme bekannt, dass die alte Holzbrücke damals nicht nur abgebrochen, sondern gleich entsorgt wurde. Der Traum vom Wiederaufbau des Gedeckten Brügglis ist somit geplatzt. Das frühere Wahrzeichen ist für immer Geschichte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.12.2017, 14:39 Uhr

Die Serie

Das Baugeschichtliche Archiv der Stadt Zürich stellt seit Ende Oktober seine Bilder online und gratis zur Verfügung. Wir nehmen das zum Anlass, um die aussergewöhnlichsten Veränderungen der Stadt in den letzten 150 Jahren zu zeigen und einen Blick auf herausragende, aber fast schon vergessene Ereignisse zu werfen. Die fünf Teile der Serie erscheinen vom 25. bis 29. Dezember 2017 auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Die fünf Serienteile:



Die 3. Stadtbefestigung von Zürich: Braun die nach Plänen Werdmüllers ab 1642 angelegten Schanzen. Zum Vergrössern bitte anklicken. (Bild: Stich von Heinrich Vögelin, 1705)

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