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Das Vermächtnis des Fälschers

Beim Rigiplatz prangt seit Jahren die Werbung einer Firma, die es dort gar nicht mehr gibt. Entworfen hat sie eine prominente Figur aus der Schweizer Kriminalgeschichte.

Der Experte: Hans Jörg Mühlematters 1000er-Noten waren täuschend echt.
Der Experte: Hans Jörg Mühlematters 1000er-Noten waren täuschend echt.
PD

Das Logo hat etwas Nostalgisches: «J. Bachmann Sohn Kartenverlag AG» steht an der Fassade des Hauses Scherrstrasse 3 in Oberstrass. Über dem Schriftzug sind eine Karte und ein Couvert abgebildet.

Das Signet ist ein Blickfang – und sorgt für Verwunderung unter den Passanten: Werden am Rigiplatz wirklich noch Grusskarten, Spiel- oder Landkarten hergestellt oder verkauft? Ein Kartengeschäft sucht man in dem Haus vergebens, die Firma gibt es dort nicht mehr. Doch der J. Bachmann Kartenverlag existiert noch – in Dallenwil NW. «Wir haben die Firma übernommen und den Firmensitz seit zwölf Jahren in der Innerschweiz», sagt Geschäftsleiter Markus Kurmann. Das Logo an der Scherrstrasse habe man einfach an der Fassade gelassen. «Das ist Werbung für uns.»

Schönere Aussicht – fürs Hotel

Im Haus selber gibt es keine Spuren der früheren Kartenfabrik mehr, wie Besitzerin Ursula Bachmann erklärt. Das Haus wurde komplett renoviert, heute sind in den Büros diverse Firmen eingemietet. Der Kartenverlag war 1923 gegründet worden und 1946 an die Scherrstrasse gezogen. Die Werbung prange schon seit mehr als 20 Jahren an der Mauer, sagt Bachmann. Sie habe nebst Werbezwecken auch der Verschönerung der kahlen Brandmauer gedient. Vor allem im benachbarten Hotel Rigihof habe man die leere Fassade als Zumutung für die Gäste empfunden, wenn diese aus dem Zimmerfenster blickten.

Der Schöpfer der Werbung ist laut Bachmann eine schillernde Figur. Sie stammt vom Drucker Hans Jörg Mühlematter, der in den 90er-Jahren für den grössten Franken-Falschgeldskandal in der Schweizer Kriminalgeschichte sorgte und landesweit Berühmtheit erlangte. Mitte der 90er-Jahre hatte Mühlematter damit begonnen, im grossen Stil Tausendernoten zu fälschen – im Auftrag der italienischen Mafia. Dabei wandte er einen Trick an: Als er die Druckplatten für seine Blüten herstellte, fügte er in einen Fühler der auf den Noten abgebildeten Ameisen einen winzigen Smiley ein. Mit dem geheimen Signet wollte er verhindern, dass die Mafia ihn mit seinen eigenen unechten Scheinen für die Arbeit entlöhnt.

Doch Mühlematter flog auf und wanderte ins Gefängnis. Dort war der Drucker bereits Ende der 70er-Jahre gelandet, nachdem er falsche Hunderternoten hergestellt hatte.

Mit seinen Fälschungen hatte sich der Ganove den Respekt breiter Kreise verschafft. Der «Blick» nannte Mühlematter «Meisterfälscher» und «Blüten-Genie». Die NZZ attestierte seinem Falschgeld eine «beachtliche Qualität», «die Verwechslungsgefahr ist gross». Selbst der oberste Falschgeldfahnder der Bundespolizei zollte Mühlematter eine gewisse Anerkennung – und besuchte ihn später im Gefängnis.

«Es hat Freude gemacht»

«Ja, ich habe die Fassadenmalerei entworfen», sagt der heute 78-jährige Hans Jörg Mühlematter am Telefon. Er habe irgendwann in den 80er-Jahren als Grafiker beim J. Bachmann Kartenverlag an der Scherrstrasse gearbeitet. Wann genau das Logo entstand, weiss auch er nicht mehr. Mühlematter zeigt sich überrascht und amüsiert, dass sein Werk noch vorhanden ist. «Es hat Freude gemacht, das zu entwerfen.»

An die Wand gemalt habe es nicht er selber, sondern ein beauftragter Maler. Mit dessen Handwerkskünsten ist Mühlematter nicht restlos glücklich: «Auf einer Seite des Logos stimmt die Perspektive nicht genau», wie er mit Kennerblick festgestellt hat.

Eine Fälschung oder gar eine geheime Signatur wie den Smiley in der Tausendernote habe er im Firmenlogo dagegen nicht versteckt, versichert er. Heute widmet sich Hans Jörg Mühlematter der Malerei. Ab und zu hält er noch Vorträge über Falschgeld oder macht Führungen durch Ausstellungen wie derzeit im Gutenberg Museum Freiburg. Dieses präsentiert Wissenswertes zur Geschichte der Schweizer Banknoten und Banknotenfälschung.

Leute wollen Karten kaufen

Hausbesitzerin Bachmann will das Vermächtnis des Fälschers bis auf weiteres an der Fassade lassen. Obwohl sie sich schon mit dem Gedanken trug, die Inschrift zu entfernen. Und obschon ihr diese hin und wieder Unannehmlichkeiten bereitet. So klingelten schon Leute bei ihr und wollten eine Strassenkarte oder einen Stadtplan kaufen. Oder es stehen Personen vor der Tür, die ihre eigenen Kartenmotive drucken lassen möchten. Ohne das Logo, so Bachmann, «wäre die Wand einfach zu leer.»

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