«Das Video macht betroffen, weil es nah an der eigenen Realität ist»

Daniel Süss sieht jeden Tag Bilder von Gewalt. Der Professor für angewandte Psychologie erklärt, warum Männer das Video anders sehen als Frauen.

Hier wütet ein Mob in der Nähe des Prime Tower. (Video: Stadtpolizei Zürich)

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Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie das Video der prügelnden Zürcher Fans gesehen haben?
Ich habe mich gefragt, weshalb das Video veröffentlicht wird. Klar, weil die Polizei Zeugen sucht, um die Täter zu identifizieren. Aber kann man das aufgrund dieses Videos auch? Erfüllt das Video seine Funktion? Zugleich war ich aber auch schockiert über diese Gewalt. Vor allem der Aspekt, dass nach Personen getreten wird, die am Boden liegen.

Sie setzen sich in Ihrer Forschung täglich mit Gewaltvideos auseinander. Doch was löst das Video bei Menschen aus, die nicht täglich solche Bilder sehen?
Gewalt ist in vielen Bereichen stets präsent. Sei es in Spielfilmen oder in Dokumentationen. Kaum jemand sieht zum ersten Mal solche Bilder. Das Video macht deshalb sehr betroffen, weil es nah an der eigenen Realität ist. Viele waren bereits oft an diesem Ort in Zürich.

Bei gewissen Menschen löst es auch eine Faszination aus. Woher kommt die Freude an der Gewalt?
Das hängt von der eigenen Werthaltung und Erfahrung ab. Wenn man selber in gewaltbereiten Kreisen verkehrt, hat es etwas Faszinierendes. Auf der anderen Seite ziehen einen die anonyme, maskierte Masse und die plötzliche Eskalation in den Bann.

Gibt es bei der Wahrnehmung Unterschiede zwischen den Geschlechtern?
Frauen zeigen gegenüber den Opfern in der Regel mehr Empathie. Und es versetzt sie eher in Angst. Männer achten mehr darauf, wer die stärkere Gruppe ist, und fragen sich, ob der Kampf fair abläuft. Zudem identifizieren sie sich wohl auch eher damit, weil auf dem Video vor allem Männer zu erkennen sind.

Was macht es mit den Angreifern, die daran beteiligt waren?
Einerseits erschrecken sie vielleicht und fürchten, dass sie erkannt werden. Es kann aber auch den Effekt haben, dass sie das Video als eine Art Trophäe sehen und es in ihrem Umfeld herumzeigen.

Kann es Unbeteiligte dazu animieren, zu prügeln?
Nicht direkt. Aber wenn man ohnehin schon gewaltbereit ist und das Verhalten als Zeichen von Männlichkeit und Stärke sieht, kann es dazu animieren.

Ist es sinnvoll, ein solches Video ins Netz zu stellen, ohne es zu kontextualisieren?
Die Polizei hat den Kontext hergestellt, dass es um die Fahndung geht. Wichtig ist aber, dass Medien, die das weiterverbreiten, es einordnen. Es fällt auch auf, dass gewisse Medien besonders brutale Gewaltszenen verpixeln. Das ist sicher die richtige Vorgehensweise.

Bisher hat die Polizei zumeist mit Standbildern nach Zeugen gesucht. Worin besteht der Unterschied zum Video?
Bewegte Bilder zeigen die Dynamik der Massen und lösen so mehr Emotionen aus als Standbilder. Dabei frage ich mich, ob für den eigentlichen Zweck der Veröffentlichung, also Personen identifizieren zu können, Bilder nicht besser wären als Videos.


Die junge Ultra-Welle
Die Fankurve des FC Zürich erlebt eine neue Eskalation von Gewalt. Grund dafür ist ein Generationenwechsel. Den hat die Muttenzerkurve bereits hinter sich.


(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.03.2018, 23:53 Uhr

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Daniel Süss

Professor für angewandte Psychologie an der ZHAW

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