«‹Problemfuchs› höre ich nicht gern»

Fabian Kern musste den Fuchs schiessen, der zwei Patientinnen biss: Doch der Stadtzürcher Wildhüter hat auch Gutes übrig für das Tier.

Urbane Tiere: Eine Fuchsmutter mit drei Jungtieren in einem naturnah gestalteten Garten im Zürcher Kreis 6. Foto: Grün Stadt Zürich

Urbane Tiere: Eine Fuchsmutter mit drei Jungtieren in einem naturnah gestalteten Garten im Zürcher Kreis 6. Foto: Grün Stadt Zürich

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Vergangene Woche drang ein Fuchs nachts in ein Patientenzimmer des Unispitals und biss eine Frau in die Hand. Dann hat ein Fuchs im Spitalpark eine Spitalangestellte in den Fuss gebissen. Gibts in der Stadt Problemfüchse?
Ich musste den Fuchs am Montag in der Nähe des Unispitals erlegen. Das Wort Problemfuchs – in Anlehnung an den Bündner Problembären – höre ich nicht gern. Der Fuchs hatte tatsächlich ein Problem – aber ein menschengemachtes. Wir gehen davon aus, dass dieser Fuchs von den Menschen angefüttert wurde und kein Wildtier mehr war, sondern zu einem zahmen Fuchs geworden war.

Wie viele der rund 1000 Füchse in der Stadt bezeichnen Sie als zahm?
Zahm ist in Zusammenhang mit einem Fuchs eine Übertreibung, er hat immerhin zweimal zugebissen. Aber dieser Fuchs war kein richtiges Wildtier mehr. Er hatte sich an die Menschen angepasst und suchte sich seine Nahrung nicht mehr selber.

Wie viele solche Füchse müssen Sie schiessen?
Es gibt vielleicht zehn Fälle pro Jahr, bei denen Füchse Menschen zu nahe kommen. Schiessen müssen wir aber mehr, zum Beispiel solche, die an Fuchsräude erkrankt sind oder von einem Fahrzeug angefahren wurden. Dass Füchse wirklich schnappen oder zubeissen, passiert vielleicht ein- oder zweimal pro Jahr.

Was mache ich, wenn ich einem Fuchs begegne?
Bleiben Sie ruhig stehen, beobachten Sie ihn und geniessen Sie die Begegnung mit einem Wildtier – wie wenn Sie am Waldrand ein Reh erspähen. Nähern Sie sich ihm nicht an, und warten Sie, bis er abgezogen ist. Der Fuchs ist ein schönes Tier, das viel Freude bereiten kann. Angst müssen Sie nicht haben.

Was führt dazu, dass ein Fuchs nachts ins grösste Spital eindringt oder eine Frau tagsüber mitten in Zürich in den Fuss beisst?
Dieser Fuchs ist typischerweise angefüttert worden und hat so seine Furcht vor dem Menschen verloren. Jedes Mal, wenn er einen Menschen sieht, geht er zu ihm hin, stüpft ihn oder schnappt gar nach ihm – genauso wie verwöhnte Hunde und Katzen, die genau wissen, dass sie Essen vom Tisch erhalten. Wenn sie nichts erhalten, machen sie sich mehr oder weniger deutlich bemerkbar.

Was erleben Sie zum Beispiel in einem Spitalpark?
Leute füttern Füchse mit Äpfelbütschgis oder gar Sandwichresten. Wir haben sogar Füchse mit Karies gesehen, die von Menschen regelmässig mit Süssigkeiten gefüttert worden waren, und mit ihren kaputten Zähnen nicht mehr richtig Nahrung aufnehmen konnten.

Klauen sich Füchse auch ihre Nahrung zusammen?
Natürlich. Das Nahrungsangebot in einer Stadt ist gross. Darum fühlen sie sich auch wohl hier. Es gibt auch die indirekte Fütterung über Komposttonnen oder Katzengeschirre auf Balkonen.

Also dürfen Zürcherinnen und Zürcher keine vollen Katzenschalen mehr auf dem Balkon haben?
Grundsätzlich sollten Kompostkübel abgedeckt werden, und volle Katzengeschirre gehören nachts nicht auf Balkone, die für einen Fuchs einfach zugänglich sind.

Müssen Fenster und Balkontüren nun in der Stadt geschlossen werden, damit nachts keine Füchse eindringen?
Das wäre übertrieben. Grundsätzlich haben alle Füchse eine Scheu vor dem Menschen. Kein Fuchs kommt einfach so in eine Wohnung – es sei denn, er wurde immer wieder angefüttert.

Können Füchse klettern? Sind auch Balkone im ersten Stock gefährdet?
Füchse können schlecht klettern – eine Katze kann sich locker auf einem Baum in Sicherheit bringen. Aber Füchse sind clever, sie finden ihren Weg durch Räume und können zumindest Katzenleitern hochklettern.

Gibts rund um Spitäler oder Altersheime mehr Füchse, weil vielleicht alte und einsame Leute Füchse aus falscher Tierliebe anfüttern?
Das kann man nicht sagen. Die Fuchspopulation ist relativ gleichmässig über die Stadt verteilt. Ein Fuchs im Unispital sorgt halt einfach für grössere Schlagzeilen als eine Begegnung in irgendeinem Quartier.

Wie gefährlich sind Füchse? Müssen Katzen, kleine Hunde, Meerschweinchen oder gar Kinder Angst haben?
Ein Fuchs ist ein Wildtier und als solches geht er sehr ökonomisch mit seiner Energie um. Er isst zuerst Regenwürmer oder den Rest eines Apfels, bevor er etwas für ihn Riskanteres unternimmt und sich einem Menschen annähert. Im Vergleich zu Fuchsbissen gibt es ein Vielfaches an Bissen von Hunden und Katzen an Menschen.

Also ist der Fuchs faul und geht den Weg des geringsten Widerstands?
Nein, er ist vielmehr sehr clever und effizient. Er überlegt sich sehr wohl, weshalb er über einen Zaun springen und viel Energie verbrauchen soll, um ein Huhn zu erbeuten, wenn vor dem Zaun Äpfel liegen und im offenen Kompost andere Essensreste.

Sie schwärmen direkt vom Fuchs?
Ja, warum nicht? Füchse gehören zu unserem Lebensraum wie Vögel oder Igel. Dass wir in der Stadt Zürich 1000 Füchse haben, zeugt von einem intakten Lebensraum. So kann ich auch klar sagen: Wir haben kein Fuchsproblem. Wir Wildhüter rücken mehr wegen Menschen und nicht wegen Füchsen aus, um die Bevölkerung zu beraten.

Ein Beispiel?
In einem Garten unter einem Gartenhäuschen hatte eine Fuchsfamilie einen Bau gegraben. Unser Rat: Warten, bis die Jungen im Sommer ausgezogen sind, und dann den Bau verschliessen, damit sie im nächsten Frühling nicht zurückkommen. Wir empfehlen immer, den Wildhüter zu kontaktieren.

Gibt es Taktiken, um einen allzu zutraulichen Fuchs zu verscheuchen?
Grundsätzlich muss man Füchse nicht verscheuchen, weil sie von Natur aus scheu sind. Vielleicht bleibt ein Fuchs auch einmal am Strassenrand sitzen, bis man vorbeigegangen ist.

Sind Füchse heute zutraulicher als früher?
Das können wir nicht bestätigen. Vielleicht liegt heute einfach mehr Abfall herum als früher. Wir verpflegen uns auch viel mehr im öffentlichen Raum.

Dieses Interview wurde schriftlich geführt.


Viele Zürcherinnen und Zürcher hatten schon freudige, skurrile oder schaurige Begegnungen mit Füchsen. Schreiben Sie uns ein Mail mit Ihrem Erlebnis an zuerich@tages-anzeiger.ch mit dem Betreff: Und dann kam der Fuchs. Eine Auswahl der Einsendungen werden wir in den nächsten Tagen veröffentlichen.

Erstellt: 24.07.2019, 18:34 Uhr

Fabian Kern, Wildhüter, Grün Stadt Zürich

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