Das Wunder von Schwamendingen

Die Pläne für das grösste Gartenstadtquartier mit siebengeschossigen Neubauten sind im Kübel gelandet. Was ist passiert?

Die Bitten der Bevölkerung sind erhört worden. Schwamendingen soll den idyllischen Gartenstadtcharakter behalten.Fotos: Sabina Bobst

Die Bitten der Bevölkerung sind erhört worden. Schwamendingen soll den idyllischen Gartenstadtcharakter behalten.Fotos: Sabina Bobst

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Antrag: Lassen Sie Schwamen­dingen in Ruhe, danke.

Begründung: Einfach so.

Am Stadtrand von Zürich hat sich ein kleines Wunder ereignet. Für die Schwamendinger ist es sogar ein grosses Wunder. Kaum ­jemand hielt es für möglich, dass die Mächtigen dieser Stadt auf sie hören würden. Auf die Wut und die Not der kleinen Leute von der Schattenseite des Zürichbergs. Aber genau das scheint passiert zu sein. Anfang November überraschte Zürichs oberster Stadtplaner, Hochbauvorstand André Odermatt (SP), mit der ­Ansage, die grosse Transformation von Schwamendingen sei gestrichen.

Dieser Plan hatte ein Jahr zuvor viel Aufregung ausgelöst. Schwamendingen, diese verschlafene Gartenstadt aus der Nachkriegszeit, sollte bis ins Jahr 2040 in ein «urbanes Kern­gebiet» verwandelt werden können. Mit siebenstöckigen Riegeln, die sich den drei Hauptachsen entlangziehen, die das Quartier in einem grossen Zickzack zerschneiden. So stand im kommunalen Richtplan, der obrigkeitlichen Schablone, wie der Ausbau Zürichs zur 500'000-Einwohner-Stadt gesteuert werden soll. Es ist ein Plan, mit dem die Stadt auf Vorgaben von Bund und Kanton reagiert, das erwartete Bevölkerungswachstum in die bestehenden Siedlungsgebiete zu lenken.

Bäume statt Beton: Zürichs grösstes zusammenhängendes Gartenstadtgebiet.

Wer die Schwamendingerinnen darauf ansprach, stellte fest: Das urbane Versprechen klang in ihren Ohren nach einer Drohung. Das sah Alice Nüssli, die im Quartier aufgewachsen ist, genauso wie Leonora Abdullahu, die den Ghetto-Charakter Schwamendingens cool findet – sie alle sorgen sich um den grünen Charakter ihres Quartiers, die Bäume, die Natur. Volkes Stimme spricht auch aus vielen Rückmeldungen zum Richtplan, die während der öffentlichen Auflage bei der Stadtverwaltung eingingen:


Antrag: Ich bin zutiefst enttäuscht, dass Sie das mit dem schönen Schwamendingen machen. Ich lebe hier schon zu lange. Sie können diese Frechheit nicht durchziehen.

Begründung: Ich habe kein Geld für teurere Wohnungen. Jeder hier in Schwamendingen hat zusammen ein gutes Verhältnis. Darum überlegen Sie bitte, was Sie mit diesem schönen Quartier machen wollen. Ich finde es seeehhhrr schade. Bitte beachten Sie meine Nachricht. Bye.

Kann es tatsächlich sein, dass solche Einwendungen die Fachleute der Stadt zum Umdenken brachten? So steht es zwar im ­Bericht zum angepassten Richtplan, den Stadtrat Odermatt im November vorstellte. Allerdings wurden auch ähnliche Pläne für Seebach aufgegeben, und von dort gab es keinerlei Einspruch. Das Rätsel löst sich vier Kilometer stadteinwärts, im Amt für Städtebau. Hier hat Christoph Durban sein Büro, einer dieser stillen Schaffer, deren Arbeit das Gesicht der Stadt auf Jahrzehnte prägen könnte – wenn der Gemeinderat den Plänen zustimmt.

Durban befasst sich als Projektleiter mit der Frage, wie die rasant wachsende Stadt mit dem Erbe der Gartenstadtbewegung umgehen soll. Mit jenen Quartieren, die von den 1910er- bis in die 1970er-Jahre entstanden sind. «Gartenstadt 2040» heisst dieses Projekt. Die heftige Kritik aus Schwamendingen hat ihn nicht überrascht: «Die Diskussionen um die Gartenstadt entzünden sich immer dort.» Er stellt klar, dass es primär fachliche Erkenntnisse waren, die in diesem Fall zu einer Neubeurteilung führten. «Die Einwendungen aus der ­Bevölkerung haben uns aber ­darin bestärkt.» Das Wunder von Schwamendingen war eine glückliche Fügung.


Antrag: Ich möchte keine neuen Häuser/Wohnungen in Schwamendingen, ich möchte die Natur.

Begründung: Weil ich alles an Schwamendingen mag, also auch die Hochhäuser und Familienhäuser. Ich liebe die Natur und alles, was grün ist, an Schwamendingen.

Das Glück der Schwamendinger besteht darin, dass Durban und seine Kollegen auch im Jahr nach Bekanntgabe der kontroversen Umbaupläne weiterhin systematisch und mit offenen Augen durch die Stadt spaziert sind. Sie haben analysiert, wo das Erbe der Gartenstadt so gut erhalten ist, damit der Quartiercharakter in Zukunft erhalten bleibt – wenn auch neu interpretiert.

Siedlungsgenossenschaft "Sunnige Hof".

Ein derart grosses, zusammenhängendes Gartenstadt­-Gebiet wie in Schwamendingen gibt es laut Durban nirgends sonst in der Stadt. Dies sprach dagegen, es mit siebenstöckigen Neubauten entlang der Hauptachsen zu durchschneiden. Hinzu kam: Schwamendingen und Seebach sind zwei Gartenstadtquartiere, die nach Richtplan nicht dichter bebaut werden sollen, als dies heute erlaubt ist. Urbane Achsen wären dort Fremdkörper. Anders sieht es in Affoltern oder im Kreis 3 Richtung Triemli aus: Diese Quartiere sollen einen grünen Charakter behalten, aber es soll auch eine flächendeckende Verdichtung ermöglicht werden.


Antrag: Schwamendingen soll nicht enger werden.

Begründung: Es ist schade, da Schwamendingen schon klein genug ist, soll es nicht enger werden. Ich finde es keine gute Idee, dass es noch mehr Einwohner geben soll, als es schon gibt.

Durban will keine falschen Erwartungen wecken: «Wir ­machen in Schwamendingen jetzt nicht das Gegenteil von dem, was wir angekündigt ­haben.» Neubauten entlang der Achsen sollen zwar weniger hoch werden, aber ­anders als heute zur Strasse hin orientiert sein, mit Geschäften im Erdgeschoss. Zudem werde das Quartier nicht so homogen bleiben wie heute. Schon die geltende Bauordnung erlaubt deutlich grössere Gebäude als früher – das zeigt sich überall dort, wo bereits gebaut wurde. Dies ist laut Durban auch der Grund, weshalb durch den Verzicht auf siebenstöckige Riegel nicht viel Wohnraum verloren gehe.


Die Stadt versucht, den grünen Charakter des Quartiers zu erhalten, indem sie den Baumbestand schützt und Strassenräume begrünt. Entscheidend für Schwamendingen wird aber sein, wie gut es der Stadt gelingt, ihre Vorstellungen für die «Gartenstadt 2040» in Bauprojekte einfliessen zu lassen. Der sanfte Weg bestünde darin, bauwillige Grundeigentümer in Gesprächen vom städtischen Leitbild zu überzeugen. Der härtere wären verbindliche Vorschriften, die die Bauordnung ergänzen. So, wie sie im Friesenberg am anderen Stadtende mit der Genossenschaft FGZ erarbeitet wurden. Der Entscheid steht noch aus.

Erstellt: 09.12.2019, 10:11 Uhr

Artikel zum Thema

Schwamendingen bangt um seinen Dorfcharakter

Was in anderen Quartieren in der Stadt bereits passiert ist, steht Schwamendingen bevor: ein grosser Bauboom und eine damit verbundene – zweite – Bevölkerungsexplosion. Mehr...

Eine halbe Million Zürcher: «Da dreht man ja durch»

100'000 zusätzliche Bewohner sollen bis 2040 in der Stadt Platz finden. Viele davon im Norden. Dort geht die Angst vor dem Wachstum um. Mehr...

Zürichs seltsamste Grenze

Ein Park, zwei Stadtkreise: Im Andreaspark verläuft die Kreisgrenze so ungewöhnlich, dass es sogar eine Absprache brauchte. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...