Zittern um den Wohnungsschlüssel

Zürcher Grossfirmen rekrutieren auf dem globalen Markt Fachkräfte. Diese müssen hier eine Bleibe finden. Das hat Folgen für den ohnehin überhitzten Wohnmarkt.

Sichere Werte: Schlüssel bei der Abnahme einer Genossenschaftswohnung. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Sichere Werte: Schlüssel bei der Abnahme einer Genossenschaftswohnung. Foto: Christian Beutler (Keystone)

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Wer mit wachen Sinnen durch Zürich geht, sieht und hört in jedem Quartier eingerüstete Häuser und dröhnende Presslufthämmer. Bauarbeiter entkernen und demolieren ganze Häuser, modernisieren die Wohnungen und lassen die Liegenschaften in neuem Glanz erscheinen. Man fragt sich, wer in den leer gekündigten Häusern wohl gewohnt hat und ob die Leute an einem anderen Ort in Zürich Unterschlupf gefunden haben. Denn nach dem Umbau sind die Mieten in der Regel so hoch, dass die vorherigen Bewohner sie nicht mehr bezahlen könnten.

Zur normalen «Aufwertung» der Liegenschaften und der Mieterschaft ist seit der Einführung der Personenfreizügigkeit das Phänomen des Umbaus zu Apartmenthäusern dazugekommen. Die Apartmentfirmen kaufen ganze Häuser, kündigen der langjährigen Mieterschaft und bieten ihre teuren Full-Service-Wohnungen der globalen Lohnelite zum zeitweiligen Verbleib. Mitten in den Wohnquartieren macht sich die Parahotellerie der Apartment- und Relocation-Firmen breit. Am stärksten war bislang das Seefeld betroffen, das bei den Expats zuoberst auf der Wunschliste steht. Doch mehr und mehr zieht es die globalen Nomaden mit Spitzenlohn auch in Stadtteile, die lange als Arbeiterquartiere galten. Namentlich in den Kreis 4 oder nach Oerlikon.

Importierte Arbeitskräfte

Dass ein Informatiker oder Banker, der für zwei Monate in Zürich an einem Projekt arbeitet, lieber eine Wohnung bezieht als im Hotel zu leben, kann man ihm nicht verübeln. Die Frage ist eher, ob «unsere Wirtschaft» auf die importierten Arbeitskräfte wirklich in dem Mass angewiesen ist, wie sie das immer behauptet. Oder ob sie stattdessen mehr in ihre inländischen Fachkräfte und deren Weiterqualifizierung investieren könnte und sollte. Solange die Firmen es vorziehen, sich auf dem globalen Markt die eierlegenden Wollmilchsäue herauszupicken, wird der Wirtschaftsraum Zürich ein Magnet für Expats bleiben, und die Apartmentfirmen werden weiter expandieren.

Selbst wer eine solche Wohnung hat, kann keinen Tag mehr sicher sein, dass seine Mietwohnung nicht morgen in die Hände von Geschäftsleuten fällt, die mehr aus ihr herausholen wollen.

Das viel grundsätzlichere Problem ist, dass Wohnliegenschaften in der Marktwirtschaft der Erwirtschaftung von Rendite dienen. Die Apartmentfirmen haben lediglich einen Dreh gefunden, um diese Rendite noch zu steigern. Einige von ihnen erleichtern zudem Liegenschaftenbesitzern das Leben, indem sie ganze Häuser zum Fixpreis mieten und sich um die komplette Verwaltung kümmern. Solange der Markt das Mass aller Dinge ist, werden findige Unternehmer immer Möglichkeiten finden, eine «normale Rendite» mit ein paar Zusatzleistungen noch zu übertreffen.

Das Nachsehen haben diejenigen, die auf Mieten angewiesen sind, die sich auch mit einem Verkäuferinnen- oder Handwerkerlohn bezahlen lassen. Selbst wer eine solche Wohnung hat, kann keinen Tag mehr sicher sein, dass seine Mietwohnung nicht morgen in die Hände von Geschäftsleuten fällt, die mehr aus ihr herausholen wollen.

Die einzigen Wohnungen, in denen sich der Zürcher Mieter vor einer Kündigung noch sicher fühlen kann, sind die der gemeinnützigen Wohnbauträger.

Viele Menschen leben mit dem unguten Gefühl, dass auch ihnen eines Tages gekündigt werden könnte, weil der Eigentümer mit der Immobilie Grösseres vorhat. Die latente Unsicherheit in Bezug auf ein so elementares Bedürfnis wie Wohnen trägt zu einem Unbehagen bei, das sich von Zeit zu Zeit Luft verschafft. Anders ist es kaum zu erklären, dass sich im Kreis 5 mehr als 7000 Menschen mit dem türkischen Dirok-Market solidarisierten, als Wincasa dem Lebensmittelladen mit dem Rauswurf drohte.

Die einzigen Wohnungen, in denen sich der Zürcher Mieter vor einer Kündigung noch sicher fühlen kann, sind die der gemeinnützigen Wohnbauträger, und zwar sowohl städtische und genossenschaftliche. Diese Tatsache bewog die Zürcher schon vor fünf Jahren, von ihrem Stadtrat die Erhöhung des Anteils der gemeinnützigen Wohnungen an den Mietwohnungen auf ein Drittel zu fordern. Und 66 Prozent der Stimmberechtigten sprachen sich vor einem Jahr für den Bau von 122 städtischen Wohnungen im besonders bedrängten Seefeld aus. Die liberalen politischen Kräfte könnten Sympathien und Stimmen gewinnen, wenn sie sich bei gemeinnützigen Wohnbauprojekten nicht jedes Mal querlegten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.09.2016, 18:23 Uhr

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