Datenschützer stellt sich hinter Einbruchs-Software

Das Prognosetool «Precobs» der Zürcher Stadtpolizei sei «nicht zu beanstanden», sagt Zürichs Datenschützer. Die Kantonspolizei verzichtet aber auf die Software.

Mit dem Rechner gegen Verbrecher: Zürcher Stadtpolizisten beim Vorhersagen von Einbrüchen. Foto: Martin Rütschi (Keystone)

Mit dem Rechner gegen Verbrecher: Zürcher Stadtpolizisten beim Vorhersagen von Einbrüchen. Foto: Martin Rütschi (Keystone)

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Seit rund einem Jahr geht die Zürcher Stadtpolizei mit Big Data auf Einbrecherjagd: Dank dem Computerprogramm Precobs (Precrime Observation System) sollen sich Einbrüche vorhersagen lassen. Nach einem einjährigen Test hat die Stadtpolizei Precobs Ende November definitiv eingeführt. Seither werden bei Einbrüchen jeweils alle Tatumstände wie Vorgehensweise und verwendetes Werkzeug – aber laut Polizei keine personenbezogenen Daten – digital dokumentiert und ins Computerprogramm eingespeist. Der Precobs-Algorithmus errechnet, in welchen Strassen Einbrüche wahrscheinlich sind. Erfahrungsgemäss zieht ein Einbruch Folgedelikte in der Nähe nach sich. So weiss die Polizei, wo sie mehr Präsenz zeigen muss.

Tool kostet 100'000 Franken

Mit dem bisherigen Einsatz des rund 100'000 Franken teuren Prognosetools ist die Stadtpolizei sehr zufrieden. Laut Sprecher Marco Cortesi hat Precobs dazu beigetragen, dass die Zahl der Einbrüche in Zürich auf den niedrigsten Stand seit sechs Jahren gesunken ist. In jenen Gebieten der Stadt, in denen Precobs zum Einsatz kam, wurde ein Rückgang der Einbruchsdelikte um 30 Prozent registriert, in der ganzen Stadt um 7 Prozent. Es habe sich gezeigt, dass die Einbrüche oft in genau jenem Gebiet stattfanden, für das Precobs Alarm geschlagen hatte.

Jetzt gibt auch der Datenschutzbeauftragte Marcel Studer grünes Licht. «Aus datenschutzrechtlicher Sicht ist Precobs nicht zu beanstanden», erklärt er auf Anfrage. Die Stadtpolizei bearbeite damit keine Personendaten, sondern nur Angaben zu Tatort, Tatzeit und Vorgehensweise aus dem Polizeiinformationssystem Polis. Eine solche Datenbearbeitung zu nicht personenbezogenen Zwecken sei im kantonalen Datenschutz­gesetz ausdrücklich vorgesehen.

Der Precobs-Einsatz der Zürcher Stadtpolizei sorgt für einiges Aufsehen. So berichtete das deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» letzte Woche prominent darüber. Am Prognosetool sollen mehrere deutsche Bundesländer interessiert sein. Allerdings gibt es auch kritische Stimmen. So warnt die Bundes­datenschutzbeauftragte, die «anscheinend harmlosen Daten», die für Precobs verwendet würden, könnten bereits «zu einer Stigmatisierung von Menschen führen» , die in einem vermeintlichen Risikogebiet leben oder sich zu Zeiten verstärkter Kontrollen zufällig dort aufhalten.

Der Zürcher Datenschützer Marcel Studer hält eine solche Gefahr für schwer abschätzbar. Sie könne aber selbst bei Verwendung anonymisierter Daten nicht ganz ausgeschlossen werden. Deshalb sei es wichtig, dass bei Systemen wie Precobs dieser Aspekt nicht ausser Acht gelassen wird. Das Datenschutzrecht biete dafür nur begrenzte Möglichkeiten, wichtiger sei das Polizeirecht. Dieses müsse die Frage beantworten, ob und wie sich Erkenntnisse aus Precobs etwa auf Polizeikontrollen in Risikogebieten auswirken dürfen.

Dass technologiebasierte Ermittlungsmethoden heikel sein können, zeigen Beispiele aus den USA. So hatte etwa ein Schulabbrecher in Chicago das Pech, in einem Problemviertel zu wohnen, wodurch er zu einem potenziellen Täter wurde und ins Visier der Polizei geriet.

«Rückgang auch ohne Precobs»

Auf weniger Anklang stösst Precobs bei der Kantonspolizei. Diese hat zwar ebenfalls Tests durchgeführt, wie Sprecher Daniel Schnyder sagt. «Die Software hat unsere Bedürfnisse nicht befriedigen können, weshalb auf eine Anschaffung verzichtet wurde.» Nun sei man dabei, mit internationalen Partnern eine Lösung zu finden. Die Kapo sucht eine Prognose-Software, die einen breiteren Deliktskatalog und nicht nur Einbruchs­delikte abbilden kann. Wichtig sei zudem, dass die Software den geografischen Eigenschaften des Einsatzgebietes gerecht wird, das neben Städten auch Agglomerationsgemeinden und ländliche Regionen umfasst. «Sind Gebiete zu wenig dicht besiedelt oder ist die Zahl der Ereignisse zu gering, wird heute die kritische Datenmenge nicht erreicht», sagt Schnyder. Zu den Erfolgen der Stadtpolizei mit Precobs meint er: «Auch auf dem übrigen Kantonsgebiet werden mit spezifischen polizeilichen Massnahmen ohne die Verwendung von Precobs sinkende Einbruchszahlen verzeichnet.»

Erstellt: 13.03.2015, 21:09 Uhr

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