Die Karriere des «Schneekönigs»

Rotlichtmilieu, Zürichberg, Brasilien, Gefängnis: Der Kokaindealer Reinhard Lutz hat sein halbes Leben hinter Gittern verbracht. Jetzt steht er wieder vor Gericht.

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«Dieses Mal muss ich es schaffen, es ist Matthäi am Letzten.» Dies antwortete Reinhard «Reini» Lutz im Schweizer Fernsehen 2013 auf die Frage, ob er nach diesem Gefängnisaufenthalt davon loskomme, mit Kokain zu dealen.

Da hatte «der Schneekönig» bereits eine beachtliche Karriere hinter sich: Sie begann in den 80er-Jahren an der Langstrasse, brachte ihm Ruhm, ein Penthouse am Zürichberg und einen Rolls-Royce. Später suchte ihn die Polizei per «Aktenzeichen XY . . . ungelöst». Seither ist sein Leben eine Endlosschleife: Reini Lutz handelt mit Kokain – und fliegt irgendwann auf. Inzwischen hat der 62-Jährige 30 Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht.

Und auch diesmal schaffte es Lutz nicht. Ein Jahr nach seiner bedingten Entlassung 2016 klickten die Handschellen erneut zu. Seither sitzt er in U-Haft.

Ein Unbekannter namens «Ruedi»

Morgen Mittwoch steht Lutz wegen Drogendelikten vor dem Bezirksgericht Zürich. Die Staatsanwältin wirft ihm vor, im Februar dieses Jahres in Oerlikon einem Unbekannten namens «Ruedi» 200 Gramm Kokain für 10'000 Franken verkauft zu haben. Bereits im Januar, so die Anklageschrift, sei Lutz nach Rotterdam gereist, um den Kauf und Schmuggel von 1 Kilo Kokain in die Schweiz zu organisieren. Als Kurierin fungierte eine Nachbarin von Lutz. Die Polizei verhaftete die Frau Ende Februar an der deutsch-niederländischen Grenze. Der dritte Vorwurf betrifft den Kauf von 700 Gramm Kokain im März. Lutz deponierte die Drogen an seinem Wohnort in Menziken AG. Zum Verkauf kam es nicht – stattdessen wurde er am 20. März verhaftet. Gefordert ist eine Freiheitsstrafe von achteinhalb Jahren.

Grösster Schweizer Drogenfall

Reinhard Lutz ist geschieden und Vater zweier Töchter. Aufgewachsen in einer Zürichseegemeinde, begann er im Zürcher Rotlichtmilieu anfänglich mit Haschisch und später mit Kokain zu dealen. Als «Schneekönig» konnte er sich ein Luxusleben mit Wohnsitz am Zürichberg und teuren Autos leisten. So lange, bis ihm die Polizei auf die Schliche kam und er sich 1984 mit der Flucht nach Brasilien der drohenden Verhaftung entzog. Die Polizei fahndete in der Sendung «Aktenzeichen XY ... ungelöst» nach ihm. 1986 wurde er in Brasilien verhaftet und ausgeliefert.

In der Öffentlichkeit bekannt geworden ist Lutz Anfang der 90er-Jahre, als er in den grössten Drogenfall der Schweiz verwickelt war. Mit einem Komplizen hatte er innert 14 Monaten über 100 Kilogramm Kokain aus Brasilien in die Schweiz liefern lassen. Dafür wurde er zu einer Gefängnisstrafe von 15 Jahren verurteilt, sein Komplize zu 17 Jahren. Der Fall sorgte zusätzlich für Schlagzeilen, weil zwei prominente Zeitgenossen involviert waren: neben einem SVP-Kantonsrat Lutz’ damaliger Verteidiger, der wegen Geldwäscherei verurteilt wurde. Im Gefängnis liefen die Drogengeschäfte weiter, Lutz erhielt nochmals zweieinhalb Jahre aufgebrummt.

Im November 2004 wurde Lutz bedingt aus dem Vollzug entlassen. Der langjährige Aufenthalt im Gefängnis schreckte ihn aber offensichtlich nicht ab, weiter im Drogenmilieu aktiv zu sein. 2009 klickten die Handschellen erneut. Diesmal wurde er im Kanton St. Gallen wegen Drogenhandels im Umfang von 6 Kilogramm Kokain(gemisch) zu elf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt und 2016 bedingt entlassen.

Lutz war jeweils ein Musterhäftling. Beim letzten Prozess vor dem Kantonsgericht St. Gallen sprach der Staatsanwalt von einem umgänglichen, fantasiereichen und angenehmen Menschen, der nicht ins Bild eines hartgesottenen Kriminellen passe. Das Gericht reduzierte die Strafe damals um ein Jahr, nicht zuletzt wegen des guten Führungsberichts der Strafanstalt.

Label «Snowking»

An seinem letzten Wohnort in Menziken lebte Lutz bei seiner Freundin, einer deutlich jüngeren Südamerikanerin, in einer kleinen Wohnung in einem Gebäudekomplex, bestehend aus Restaurant, Wohnungen und Gewerberäumen. Die Frau wollte gegenüber dem TA nichts sagen, nur dass sie am Prozess teilnehmen werde und dass Lutz und sie weiterhin ein Paar seien.

Laut dem Betreiber des Restaurants lebte Lutz auf grossem Fuss. Er sei mit einem «nigelnagelneuen» Audi Q7 und einem teuren Motorrad herumgefahren. Zudem habe er mit seinem Ruf als «Schneekönig» kokettiert. Es seien Jacken und Mützen mit dem Schriftzug «Snowking» und einem Totenkopf mit Flügeln bei Jugendlichen im Umlauf gewesen.

Am Tag vor seiner Verhaftung hat sich Reinhard Lutz im Restaurant verabschiedet und sich für die gute Nachbarschaft bedankt, er werde verreisen. Doch er kam nicht weit. Am Flughafen verhaftete ihn die Polizei. Sie hatte den «Schneekönig» abgehört.

Erstellt: 06.11.2017, 22:12 Uhr

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