Dem «Gossenblues» auf der Spur

Krimi-Autor Sunil Mann zeigt Tagesanzeiger.ch/Newsnet vier Schauplätze seines neuen Buchs.

Sunil Mann ärgert sich. Zum Treffen mit dem Journalisten ist er vom Bahnhof her die Langstrasse entlanggegangen. Dabei fiel ihm auf, dass der Kleiderladen Soho nicht mehr an jenem Ort ist, wo er lange war. «Nun werden sich wohl einige Leser per Mail beschweren», sagt der Krimiautor. «Mein Fehler.»

Das Geschäft erwähnt Sunil Mann in seinem neuen Buch «Gossenblues» nur in einem einzigen Satz: «Ich ging am Soho vorbei, einem Kleiderladen, den man eigentlich nur aufsuchte, wenn man sich aus irgendwelchen Gründen wie Xena, die Kriegerprinzessin, einkleiden wollte.» Hätte er zwei Wochen früher gemerkt, dass das Geschäft weg ist, hätte er die Stelle im Buch geändert. Doch die Druckmaschinen für «Gossenblues» sind am 10. August angelaufen – und Änderungen waren nicht mehr möglich.

Die kleine Episode zeigt, wie viel Wert der Autor auf Authentizität in seinen Büchern legt. «Leser freuen sich, wenn sie etwas wiedererkennen», sagt Sunil Mann. Deswegen beschreibt er im «Gossenblues» eine Fahrt mit dem Bus Nummer 72 quer durch die Stadt vom Friedhof Sihlfeld bis ins Morgental – vorbei an der Schmiede Wiedikon und am Einkaufszentrum Sihlcity.

Sunil Mann nimmt die Leser und Leserinnen so in seinen Büchern mit auf einen Streifzug durch die Stadt Zürich. Es soll solche geben, die tatsächlich mit dem Buch in der Hand Strasse für Strasse, Ort für Ort abmarschieren. Meist werden sie von Sunil Manns Detektiv Vijay Kumar durch den Kreis 4 und vor allem ins Langstrassen-Quartier geführt. Dorthin also, wo der Autor seinen Helden zum siebten Mal seit 2010 auf Verbrecherjagd schickt.

Austauschbare Bahnhofstrasse

Dass Manns Geschichten im Chräis Chäib spielen, ist kein Zufall. Der Autor hat jahrelang hier gewohnt, das Zürcher Quartier ist für ihn immer noch einzigartig – hier leben Kulturen, Menschen aus verschiedensten Ländern zusammen, hier existiert die Halbwelt mit Drogenhandel, Prostitution und vielen Polizeistreifen immer noch. Und es gibt mehrere Parallelwelten nebeneinander. «Die Bahnhofstrasse oder ein Wohngebiet auf dem Zürichberg findet man so oder ähnlich auch in jeder anderen Stadt. Sie sind austauschbar und geben für einen Krimi wenig her.» Eine Geschichte zu schreiben, die hauptsächlich an den Strassen der Banken und Läden spielt, kann sich Sunil Mann nicht vorstellen.

Für jedes Buch sucht der Autor neue Schauplätze. So dient ihm das Restaurant Bank im neuen Buch zweimal als Location, wie er sie nennt. Dabei beschreibt Mann nicht nur Räumlichkeiten und Einrichtungen, er macht sich auch Gedanken zu den Menschen, die darin verkehren, und zu den Veränderungen, die solche Orte und die Stadt durchmachen: «Heute investierte man hier nicht mehr in Hedgefonds, sondern in hauseigene Cocktails, der Gewinn daraus war – zumindest kurzfristig – genauso beglückend», schreibt er zu den Bank-Gästen.

Einen fiktiven Schauplatz gibt es im neuen Buch allerdings: die Gassenküche «Lichtblick», einer der zentralen Orte des Romans. Hier treffen verschiedene Figuren immer wieder aufeinander, hier spielen sich einige Schlüsselszenen ab, hier passieren einige der Verbrechen des Krimis. Vorbilder für diesen Obdachlosentreff gibt es in Zürich, die hat Sunil Mann auch besucht. «Ich kann nicht einen realen Ort mit einem fiktiven Verbrechen verbinden, Leser könnten falsche Rückschlüsse ziehen», sagt er.

Der Autor ist vor einem Jahr weg nach Aarau gezogen. Er sagt, er sehe das Quartier heute mit anderen Augen, Veränderungen fallen ihm mehr auf, wenn er nach zwei, drei Wochen wieder zurückkehre. Dass sein Krimiheld Vijay ihm in den Aargau folgt, schliesst er jedoch aus.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.09.2017, 09:20 Uhr

«Ich weiss, dass man nachts reinklettern kann – gemacht habe ich es selber aber nicht»: Sunil Mann über den Friedhof Sihlfeld.

Buch

Sunil Mann: Gossenblues. Roman. Grafit-Verlag, Dortmund 2017. 282 S., 17.90 Fr. Buchvernissage: 21. September, 20.30 Uhr, Orell Füssli Bellevue, Moderation: Monika Schärer. Tickets im Vorverkauf erhältlich.

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