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Den reichen Zürchern fehlt eine Beiz

Am Zürichberg gibt es viel Sonne, viel Ruhe und viel Geld. Das Einzige, was fehlt, ist ein Quartierleben. Deswegen wollen die Fluntermer aber nicht «in die Stadt runter» ziehen.

MeinungBeat Metzler, David Sarasin, Lea Blum
«Ich schätze die Qualität der Bewohner hier am Zürichberg»: Tagi im Quartier, Teil 4: Wir fühlen den Puls in Fluntern. Video: Lea Blum

Der Vorderberg ist der letzte Ort, der den Zürichberg an die Innenstadt bindet. Auf zweispurigen Strassen sausen die Autos über die Kreuzung, rundherum reihen sich Zweckbauten aus den 70er-Jahren. Wer an der Haltestelle ­Kirche Fluntern aus dem Tram steigt, bleibt meist nicht lange stehen.

Verständlich. Ein paar Schritte ins Quartier hinein reichen, um den Lärm zu vergessen. Bald umgrünen grosszügige Gärten Jugendstilvillen, auf den Strassen kreuzt man kaum noch Autos oder Passanten. Eine Frau, die vor zwei Jahren aus einer ländlichen Gemeinde an den Zürichberg gezogen ist, sagt: «In der Nacht ist es hier fast ruhiger als auf dem Land.»

Umso heftiger wirkt der Kontrast zum Vorderberg. Verbesserungsvorschläge haben die Fluntermer schon viele gemacht: Spurabbau, Tempo 30, Flanierzone. «Seit ich hier bin, heisst es, dass bald etwas passiert», sagt Christian Guler, der Anfang Nullerjahre ins Quartier gezogen ist. Doch geändert habe sich nichts. «Ein Witz ist das.»

«Der Vorderberg isteine Katastrophe. Es hat zu viel Verkehr. Seit über zehn Jahren heisst es, bald passiere etwas. Aber nichts ändert sich. Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass die Kreuzung irgendwann besser wird.»

Christian Guler

So haben sich die Fluntermer eine Art Fluchtreflex in Bezug auf das Zentrum ihres Quartiers angewöhnt: Auf den Trottoirs halten sich am frühen Abend unseres Besuchs kaum Menschen auf.

Die zweitgrösste Sorge am Zürichberg hängt mit der ersten zusammen. «Es fehlt ein Treffpunkt, eine Bar, ein Restaurant. Wer ausgehen will am Abend, muss in die Stadt runter», sagt Katja Wiechers, die vor zwei Jahren «zufällig» an den Zürichberg gezogen ist, weil sie in den «angesagten Kreisen 3 und 4» nichts Passendes fand.

«Ich bin eher zufällig an den Zürichberg gezogen, weil ich hier die passende Wohnung fand. Das Quartier ist schön. Ich finde es aber schade, dass es kaum Bars gibt. Auch Betreuungsstätten für Kinder hat es nicht genug.»

Katja Wiechers

Dabei hätte der Zürichberg eine perfekte Quartierbeiz. Das Restaurant Vorderberg, ein Riegelhaus aus dem 17. Jahrhundert. Aber dieses steht mitten im Kreisel, weshalb es dort viele Fluntermer zu laut finden. Nach mehreren Wirte­wechseln scheint der Vorderberg nun einen erfolgreichen Pächter gefunden zu haben. Seit November heisst es «Grain» – das britische Essen erreicht im Internet hohe Bewertungen.

Auch weitere Einrichtungen, die man in einem Stadtquartier erwartet, fehlen: ein Bancomat etwa oder eine Bank. Bald schliesst auch die Postfiliale am ­Toblerplatz. «Ich mache meine Einzahlungen von Hand. Für mich ist das ein Verlust», sagt Christian Guler. Andere Angefragte bemängeln, dass die wenigen Supermärkte zu klein seien.

Diese Klage hat am Zürichberg eine gewisse Tradition. Am Mangel seien die Bewohner teilweise selber schuld, sagt ein Landschaftsarchitekt, der das Quartier analysiert hat. «Der Zürichberg ist super privatisiert, die Lust auf Gemeinschaft hält sich in Grenzen.» Wenn Anwohner über fehlende Beizen und Läden jammerten, heisse das nicht, dass sie diese auch nutzen würden.

Mehr bildungsnahe Schüler

Angst vor der fehlenden Gemeinschaft hatte auch Gisela Gerdes, als sie vor vier Jahren mit ihrem Mann und zwei kleinen Kindern von Altstetten an den Zürichberg zog. Ihr Grund: «Die Schüler hier sind bildungsnaher.» Mittlerweile hat sich die gebürtige Fluntermerin wieder eingelebt im Quartier, sich arrangiert mit «den Bonzen», wie sie die anderen Bewohner nennt. Ausgiebigen Kontakt mit den Nachbarn habe sie zwar nicht, doch sie komme gut zurecht.

«Im Grunde ist Fluntern ein Dorf. Ich bin hier aufgewachsen und nach einem Zwischenstoppin Altstetten zurückgekehrt. Erst hatte ich Angst vor den vielen Reichen, nun habe ich ein gutes Verhältnis zu meinen Nachbarn.»

Gisela Gerdes

Sowieso: Wenn die Züribergler jammern, dann tun sie es auf Weltklasseniveau. Am Sonnenhang stimmt nämlich fast alles. Die Häuser. Das Licht. Die Ruhe. Sogar die Bewohner selber hätten eine höhere Qualität als in anderen Stadtkreisen, sagt einer. Der Umgang sei freundlich und zivilisiert.

Man könnte den Zürichberg tatsächlich für ein Traumquartier halten. Alle sind zufrieden hier. Und das bleibt auch so. «Ich wohne und arbeite seit 16 Jahren hier. Viel geändert hat sich seither nicht», sagt Luciano Maietti, der in der Nähe des Vorderbergs ein Inneneinrichtungsgeschäft betreibt – für eine gehobene Kundschaft, wie er sagt. Wie wenig Probleme das Quartier hat, merkt man, wenn man Maietti fragt, was ihn am meisten stört. Seine Antwort: «Die Rotphase an der Ampel dauert viel zu lange. Viele warten nicht auf Grün.»

«Die Anwohner hier sind kultiviert und können sich etwas leisten. Das ist auch gut für mein Innenarchitekturgeschäft, das ich seit 16 Jahren am Zürichberg betreibe. In dieser Zeit hat sich sehr wenig verändert im Quartier.»

Luciano Maietti

Etwas scheint sich trotzdem zu ändern: Der Zürichberg wird internationaler. «Bei den neuen, jüngeren Leuten, die hier hochziehen, handelt es sich oft um Expats», sagt Gisela Gerdes. Dies bestätigt die Statistik. Der Ausländeranteil in Fluntern ist von 24,6 Prozent im Jahr 2006 auf 31,5 Prozent im Jahr 2014 gestiegen. Mehr als ein Drittel davon kommt aus Deutschland.

Selbst die Jungen mögen Fluntern. «Das coolste Quartier», nennt es der 16-Jährige Manolo Schneider, der hier aufgewachsen ist. Andere Junge äusserten zwar oft Vorurteile gegenüber dem Zürichberg: Dort lebten nur Alte und Reiche. «Das kümmert mich wenig», sagt Schneider. Arme gebe es wohl nicht so viele, die Bevölkerung sei trotzdem vielseitig. Auch Ausgehen sei kein Problem. «Ich setze mich aufs Velo und bin in fünf Minuten in der Stadt unten.»

«Ich bin am Zürichberg aufgewachsen und kann mir kein cooleres Quartier vorstellen. Man kennt fast alle Gleichaltrigen, der Wald ist nah, und mit dem Velo ist man in fünf Minuten am Bellevue. Nur Hochfahren geht länger.»

Manolo Schneider

Das sagen am Vorderberg übrigens alle: «in der Stadt unten». Als wohnten sie nicht in Zürich.

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