Den Zürcher Cabarets fehlen die Tänzerinnen

Nicht einmal Prostituierte wollen mehr strippen: Tänzerinnen-Mangel im Milieu – aus einem bestimmten Grund.

Tänzerinnen im Calypso warten am Samstagabend auf Kunden. Fotos: Reto Oeschger

Tänzerinnen im Calypso warten am Samstagabend auf Kunden. Fotos: Reto Oeschger

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Samstagabend in einem Cabaret im Kreis 4. Im Lokal in der Nähe des Helvetiaplatzes herrscht gähnende Leere, nur die beiden blondierten Bardamen sitzen in den abgewetzten Kunstledersofas und trinken Kaffee. Zwei Tänzerinnen sollten eigentlich arbeiten, doch sie seien trotz Zusage nicht aufgetaucht, sagt die Lokalbetreiberin. «Mit den neuen Regeln ist es sehr schwierig geworden, Tänzerinnen zu finden.»

Die gebürtige Tschechin meint damit die Abschaffung des sogenannten Tänzerinnen-Statutes: Seit Anfang Januar ist es Cabarets nur noch erlaubt, Frauen aus dem EU-Raum oder Niedergelassene zu beschäftigen. Bisher konnten Frauen aus Drittstaaten, also Staaten ausserhalb der EU, für acht Monate pro Jahr in der Schweiz als Tänzerinnen arbeiten. Eingeführt wurde das Statut Mitte 1995 aus dem gleichen Grund, aus dem es nun wieder gestrichen wurde: zum Schutz der Tänzerinnen. Sie würden zum Alkoholkonsum angehalten und auch dazu gedrängt, sich zu prostituieren, wirft der Bund den Cabaretbetreibern vor. Diese wehren sich gegen die Kritik und sagen, dass die Verträge mit den Tänzerinnen eingehalten würden.

Ein langjähriger Niedergang

Zurück im fast menschenleeren Striplokal. Die Chefin wirkt resigniert. Sie habe bereits Prostituierte auf der Langstrasse angesprochen, ob sie bei ihr arbeiten möchten, und auch direkt in Litauen und Lettland Stelleninserate geschaltet. Der Erfolg ist ausgeblieben. Die Lokalbesitzerin überlegt sich daher, ihren Betrieb aufzugeben. Damit wäre sie kein Einzelfall. In unmittelbarer Nähe hat vor wenigen Wochen die Inhaberin des Cabaret Le Royal die roten Lichter endgültig gelöscht. Auch das Moulin Rouge im Niederdorf, ein auf russische Kundschaft spezialisiertes Striplokal, hat kürzlich den Betrieb eingestellt. Mit der Haifisch-Bar und dem King’s Club beim Paradeplatz sind damit innerhalb weniger Wochen gleich vier Lokale verschwunden.

Der Niedergang der Cabaretbranche hat bereits vor einigen Jahren begonnen, die neuen Anstellungsbedingungen beschleunigen ihn jetzt zusätzlich. Warben Ende der Neunzigerjahre noch mehr als 30 Striplokale in der Stadt Zürich um Kundschaft, lassen sie sich mittlerweile fast an einer Hand abzählen. Aus zahlreichen Lokalen sind In-Bars entstanden.

Jürg König ist der ehemalige Besitzer des King’s Club und Präsident des Branchenverbandes Ascot. Der Mietvertrag für sein Lokal lief Ende Jahr aus, und da die Umsätze seit dem Ausbruch der Finanzkrise 2007 deutlich zurückgingen, erneuerte er ihn nicht mehr. Jetzt finden im Lokal an den Wochenenden Gay-Partys statt. Das Geschäft sei schwierig geworden, sagt König. Er ist aber davon überzeugt, dass die Institution Cabaret ihren Platz im Unterhaltungsgewerbe verteidigen wird: «Einige Betriebe wird es auch in Zukunft geben.» Doch König weiss um die neue, problematische Rekrutierung von Tänzerinnen. Das stelle eine echte Herausforderung für die Cabaretbesitzer dar. Er hofft, dass der Zürcher Regierungsrat dies anerkennt und die Vorschriften etwas lockert. Die Hoffnungen liegen dabei auf Frauen aus Rumänien und Bulgarien. Die beiden Länder sind zwar seit bald neun Jahren Mitglied der Union, profitieren aber erst ab Juni 2016 von der Personenfreizügigkeit. Ein Brief mit der Bitte, diese Frist vorzuziehen, liegt unbeantwortet bei Regierungsrätin Carmen Walker Späh (FDP).

König glaubt nicht, dass die Frauen ohne das Tänzerinnen-Statut schlechter geschützt sind. «Jetzt gibt es keine richtige Kontrolle mehr. Für die Frauen ist es schwieriger, ihre Rechte durchzusetzen.»

Schonfrist bei Kontrollen

Der Rundgang durch die Zürcher Cabarets an diesem Samstagabend ergibt ein uneinheitliches Bild. Einige wenige Lokale sind relativ gut besucht. Unter den Gästen sind vor allem Stammkunden, vereinzelt sind auch Paare darunter. Die Tänzerinnen stammen mehrheitlich aus Polen, Ungarn und Litauen. Auch wenige Spanierinnen arbeiten in den Cabarets, was neu ist. In einem Lokal sind fast ausschliesslich Frauen aus der Dominikanischen Republik beschäftigt, die mit vollem Körpereinsatz um die beiden einzigen Gäste buhlen. Offen bleibt, ob diese eine B-Bewilligung besitzen oder schwarz arbeiten. Die Stadtpolizei hält sich mit Kontrollen noch zurück. Offenbar will man den Lokalen etwas Zeit geben, sich an die neue Situation anzupassen.

In einem weiteren grösseren Cabaret nahe der Langstrasse arbeitet nur eine ältere Thailänderin. Die Bardame gibt ausweichend zu, dass es schwierig sei, Tänzerinnen zu verpflichten. Das gleiche Bild bietet sich in einem Stripclub im Niederdorf, wo ebenfalls nur die Bardamen auf Kundschaft warten.

Der 1971 eröffnete Nightclub Calypso nahe dem Central ist mittlerweile der älteste seiner Art. In den Achtzigerjahren lancierte der Club eine Shower-Show – eine Tänzerin nach der anderen stellte sich dabei vor Publikum unter die Dusche. Damals war das eine Attraktion. Jetzt gebe es pro Abend maximal noch eine Duschnummer, sagt Pierluigi Lionzo, der den Nightclub betreibt. Zu Spitzenzeiten arbeiteten bis zu 15 Tänzerinnen im Calypso, heute sind es noch 7. Das Lokal öffnete bisher tagsüber, wegen der Personalknappheit geht es neu erst abends auf.

«Früher konnte ich Tänzerinnen für ein halbes Jahr einplanen, jetzt plane ich von Monat zu Monat. Die Rekrutierung ist viel schwieriger geworden», sagt Lionzo. Ein Grund dafür sei, dass potenzielle Tänzerinnen aus der EU lieber gleich als Prostituierte arbeiten würden. Lionzo hofft auf Mundpropaganda, seine Tänzerinnen sollen positiv über ihre Arbeit im Calypso berichten. In vier Jahren wird er pensioniert. Dann schliesst auch das Calypso.

Erstellt: 24.01.2016, 23:09 Uhr

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