Der alternative Angepasste

Vor fünf Jahren hat Richard Wolff von der Alternativen Liste überraschend den Einzug in den Stadtrat geschafft. Bei vielen hat er sich trotz durchzogener Bilanz Respekt verschafft.

Er fühlt sich wohl in der Rolle des Magistraten: Stadtrat Richard Wolff. Foto: Urs Jaudas

Er fühlt sich wohl in der Rolle des Magistraten: Stadtrat Richard Wolff. Foto: Urs Jaudas

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An diesem trüben Herbstmorgen 2016 kommt Richard Wolff auf den Helvetiaplatz, als die Reden schon begonnen haben. Er will wohl die Aufmerksamkeit vermeiden. Denn bei der Kundgebung zum Erhalt der Post Aussersihl geht es nicht um ihn. Und dennoch bemerken den Stadtrat alle. Die abseits stehenden zivilen Polizisten, denen er artig die Hand schüttelt, genauso wie der Gewerbevereinspräsident, der ihn freudig vom Rednerpult aus begrüsst. Hier, unter Gewerkschaftlern, Künstlern und AL-Freunden, ist Wolff willkommen. Es sind ehemalige Gefährten der Bewegung der 80er-Jahre. Für viele von ihnen ist «Richi» eine Galionsfigur.

Video: Was Wolff will

Der Polizeivorsteher und AL-Stadtrat stellt sich zur Wiederwahl und zeigt im Video, was er in Zürich zu ändern plant. Video: Lea Blum

Anders sehen das die «Bewegten» von heute. Vertreter des Revolutionären Aufbaus umkreisten Wolff 2014 bei einer Demonstration für bezahlbaren Wohnraum unweit des Hauptsitzes der Zürcher Stadtpolizei und schickten ihn weg. Für sie ist Wolff der Stadtrat, der höchste Vertreter der Polizei, ein Feind. Sie verfluchen den Staat und die «Bullen» ganz so, wie es Wolff damals tat, als Geografiestudent in den Zürcher Unruhen.

Kritik von Freunden

Aber Wolff ist heute 60 Jahre alt und gehört der Regierung an. So stösst er auch bei Freunden seiner Söhne in der Besetzerszene auf wenig Verständnis. Das realisierte Wolff spätestens 2013 bei einem Besuch auf dem Koch-Areal: Jemand schüttete ihm ein Bier über den Kopf. Mitten auf dem besetzten Areal, auf dem seine Söhne regelmässig verkehren und das ihm seinen bisher grössten Skandal einbrachte. Zu lange merkte er nicht, dass er befangen ist. Erst unter massivem Druck gab er das Dossier an seinen Vorgänger im Sicherheitsdepartement und heutigen Finanzvorsteher Daniel Leupi (Grüne) ab. Noch heute ist das Koch-Areal der Hauptkritikpunkt, wenn politische Gegner über Wolff sprechen.

Dabei gibt es schwerwiegendere Ereignisse, die man ihm vorhalten könnte. Die «Reclaim the Streets»-Demonstration 2014, bei der die Polizei versagte. Den Pfefferspray-Einsatz 2015 gegen eine ältere Frau bei einer Kundgebung für Flüchtlinge am Helvetiaplatz. Die Einkesselungen von FCZ-Fans 2015 oder jene von Feministinnen 2017.

Diese Kritik hat Wolff ebenfalls erreicht per SMS, E-Mail und in persönlichen Gesprächen. Auch wenn er als Stadtrat nicht ins operative Vorgehen der Stadtpolizei eingreifen kann, trafen ihn die Anschuldigungen ehemaliger Weggefährten.

Wolff musste schneller als viele andere Politiker lernen, in der Öffentlichkeit zu stehen. In die Parteipolitik trat er erst 2009 ein. Manuela Schiller und Niklaus Scherr fragten ihn bei einem Bier im Piccolo Giardino, ob er für ihre AL in den Gemeinderat wolle. Monate später sass er bereits im Rat. Und nach nur drei Jahren wurde er in den Stadtrat gewählt. Er profitierte damals davon, dass die FDP bei der Ersatzwahl für den abtretenden Martin Vollenwyder mit Marco Camin einen denkbar schlechten Kandidaten aufstellte und SP sowie Grüne auf eine Gegenkandidatur verzichteten.

Wolff setzt sich sehr für seine Mitarbeiter ein. Dabei zeigt sich eine Eigenschaft, die politische Freunde «engagiert» und Gegner «dünnhäutig» nennen.

Wie unerfahren Wolff als Politiker war, zeigte sich zum Beginn seiner Amtszeit. Bei einer Podiumsdiskussion zur Arbeit der Polizei 2013 beklagten Jugendliche «unnötige und schikanöse Kontrollen». Wolff räumte voreilig «diskriminierende Polizeikontrollen» ein. Als sich herausstellte, dass die Jugendlichen bekannte Straftäter waren, entschuldigte sich Wolff bei seinem Polizeikorps. Auch wenn er damit Grösse zeigte, fühlten sich damals viele Polizisten bestätigt. Der «Bullenhasser» von der Alternativen Liste wolle ihnen das Leben schwermachen, sagte einer. Ein anderer Polizist sprach in einem Gespräch über Wolff nur vom «Tier im Wald». Vier Jahre später sagt der gleiche Polizist: «Ich habe grossen Respekt vor Richard Wolff. Er tut der Polizei gut.» Wie Politiker von links bis rechts streicht auch er die Fähigkeit Wolffs heraus, er könne mit jedem auf Augenhöhe sprechen und sei ein äusserst interessierter und aufrichtiger Zuhörer. Eine Eigenschaft, die «Richi» bereits in jungen Jahren zeigte, wie ein ehemaliger Schulkamerad erzählt.

Bei seiner Führung setzt Wolff auf Einzelgespräche statt auf Anweisungen und Befehle. Seine engsten Mitarbeiter mögen ihn, wie eine aktuelle Befragung zeigt. Die durchschnittliche Arbeitszufriedenheit in der zentralen Verwaltung des Sicherheitsdepartements liegt mit 87 von 100 Punkten deutlich über dem Durchschnitt aller Departemente (72). Wolff setzt sich sehr für seine Mitarbeiter ein. Wenn ihm der Gemeinderat das Budget für das Personal streichen will, wird er schon einmal aufbrausend und stürmt quer durch den Ratssaal, um einen Gemeinderat zurechtzuweisen. Dabei zeigt sich eine Eigenschaft, die politische Freunde «engagiert» und Gegner «dünnhäutig» nennen.

Akribisches Vorgehen führt zu Kritik

Sicher ist: Wolff identifiziert sich sehr mit seinem Departement. Als Stadtentwickler hat er erkannt, dass er in diesem Amt viel bewegen kann. Er verfolgt seine Arbeit wie ein Wissenschaftler, der beobachtet, forscht und wenn nötig Massnahmen ergreift. Das zeigte sich bei seiner Entscheidung, die Nationalität bei Polizeimeldungen nicht mehr standardmässig zu nennen. Zuvor hatte er Chefredaktoren, Medienethiker sowie andere Spezialisten befragt, Studien gelesen und sich für die Entscheidung viel Zeit genommen. Ihm war es wichtig, dass die Massnahme breit abgestützt ist; dafür nimmt er auch scharfe Kritik von rechts in Kauf.

Sein akribisches Vorgehen führt bisweilen zu Kritik auf linker Seite, weil es lange geht, bis Wolff entscheidet. «Er hat in seinem Departement noch nicht gerade den grossen Durchbruch geschafft», resümiert SP-Fraktionschef Davy Graf. «Er hat viel zu wenig Biss», sagt wiederum Markus Kunz (Grüne) in Anspielung auf Wolffs erste Wahlkampagne. Bei den Alternativen will sich niemand mit Kritik zu Wolff zitieren lassen. Zu heikel ist der Moment knapp vor den Stadtratswahlen. Doch auch bei ihnen zeigt sich: Die Erwartungen, die sie in den Stadtrat gesetzt haben, sind gross. Nun macht sich eine gewisse Ernüchterung breit, dass die Polizisten noch keine Sozialarbeiter sind und Zürich nicht voller Tempo-30-Zonen ist.

Diese Kritik lässt Wolff mittlerweile ziemlich kalt. So sehr Politiker ist er mittlerweile schon.


«Ich bin nicht nur Stadtrat für die AL, sondern für die ganze Stadt» Zum Interview mit dem AL-Stadtrat.


(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.01.2018, 18:55 Uhr

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