Der Anfang vom Ende des Lateins

Das Deutsche Seminar der Universität Zürich will die Lateinpflicht abschaffen. Der Lateinunterricht am Gymi sei bedroht, warnen besorgte Stimmen.

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In Zukunft soll Studenten an der Universität Zürich ein Germanistikstudium ohne Lateinkenntnisse absolvieren können. So wollen es die Professoren am Deutschen Seminar. Sie beantragen die Abschaffung der Lateinpflicht für fast alle Studienprogramme. Daniel Müller Nielaba, Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Studiendekan der Philosophischen Fakultät, bestätigt einen entsprechenden Bericht der Zürcher Studierendenzeitung.

Der Entscheid treibt den Untergang des Lateinobligatoriums an der Uni Zürich weiter voran. Das Deutsche Seminar (DS) ist mit seinen 1500 Studierenden eines der grössten Institute der Philosophischen Fakultät, die lange als letzte Bastion der Lateinpflicht galten. Bis März 2015, als sich gleich mehrere Fächer vom Latein verabschiedeten: Kunstgeschichte, Philosophie, Anglistik, Rätoromanisch sowie Deutsche Sprachwissenschaft. Davon, dass man auch Deutsche Literaturwissenschaft ohne Latein studieren können soll, war damals noch keine Rede. Die Co-Leiterin des Seminars, Mireille Schnyder, sagte zum «Tages-Anzeiger», man wolle die lateinische Literaturtradition, diesen «Reflexionsraum unserer Kultur», nicht einfach abschneiden.

Warum kommt es nun trotzdem zum Kahlschlag? Wie aus dem Umfeld des Deutschen Seminars zu hören ist, dürfte ein leichter Rückgang bei den Studierendenzahlen den Ausschlag gegeben haben. Universitäten wie Basel oder Bern haben das Lateinobligatorium für Germanistik längst abgeschafft, nur Zürich hält noch daran fest. Ohne Latein, so die Idee, wird das Studium in Zürich attraktiver, insbesondere für Masterstudierende, die ihren Bachelor an einer Uni ohne Lateinpflicht erworben haben.

Klopstock dichtete in Latein

Nicht alle Mitarbeitenden sind glücklich über den Entscheid, den die Institutsversammlung getroffen hat. Öffentlich äussern möchte sich niemand, doch dem «Tages-Anzeiger» liegt ein dreiseitiger Brief an die Seminarleitung vor, in dem Lateinbefürworter ihre Sorge beschreiben. Die im Lateinunterricht erworbenen Sprach-, Literatur- und Kulturkenntnisse seien von «zentraler Bedeutung» für die Forschung und die Lehre am Deutschen Seminar.

So habe die Forschung zeigen können, welche «metaphorische Innovationskraft» mittelhochdeutsche Mystik im Vergleich mit lateinischer Mystik besitze. Die Präsenz lateinischer Literatur in der deutschsprachigen zeige sich auch in der Lehre. Frühere, interdisziplinär angelegte Veranstaltungen wie zum Beispiel «Untergang von Pompeji in der europäischen Literatur» zeugten davon. Bis in die Neuzeit habe sich die deutsche Literatur auch lateinisch präsentiert, Klopstock zum Beispiel übersetzte Teile seines «Messias» ins Lateinische.

Die Lateinbefürworter sorgen sich speziell um die Ältere Deutsche Literaturwissenschaft. Dieser Bereich befasst sich mit Texten, die in der Zeit um 800 bis 1700 entstanden sind. Die Abteilung an der Uni Zürich hat eine lange Tradition, sie gehört zu den profiliertesten im deutschen Sprachraum. Durch die Abschaffung der Lateinpflicht nehme das Deutsche Seminar seinen Studierenden den Anreiz, sich mit deutschen Autoren wie Opitz oder Gryphius auseinanderzusetzen, die lateinische Literatur verfasst hätten, befürchten die Kritiker.

Entscheid noch nicht definitiv

Tatsache ist, dass sich schon im Gymnasium immer weniger Schüler für Latein interessieren. Im Jahr 2013 machten noch 5,8 Prozent der Gymnasiasten eine Matur mit altsprachlichem Schwerpunkt. Alle anderen müssen das Latinum an der Uni in einem einjährigen Kurs nachholen, wenn sie ein Fach mit Lateinpflicht studieren. Germanistik-Studierende machen rund 40 Prozent der durchschnittlich 50 Teilnehmer in den Latinumkursen aus.

Eine Abschaffung der Lateinpflicht an der Uni hätte nicht nur für diese Kurse Folgen. Sie könnte sich auch auf die Zukunft des Unterrichtsfachs Latein an den Mittelschulen auswirken – der Anreiz, das Latinum schon im Gymi zu erwerben, fällt weg.

Vielleicht hätte man sich früher um eine zeitgemässe Alternative zur Lateinpflicht kümmern müssen. Die Uni Basel lässt die Studierenden Latein freiwillig wählen und gibt ihnen dafür Kreditpunkte. Laut Studiendekan Müller Nielaba wäre das auch eine mögliche Lösung für Zürich.

Latein bald auf dem Abstellgleis?

Eine Lateinpflicht kennen heute neben der Theologischen Fakultät auch noch das Historische und das Romanische Seminar. Für Geschichte und Romanistik ist das Obligatorium derzeit nicht infrage gestellt, sagen die Seminarleiter. Es gebe keinen Antrag auf Abschaffung. Im Zusammenhang mit der anstehenden Studienreform «Bologna 2020» werde es aber intern diskutiert.

Am Deutschen Seminar gehen derweil viele Anfragen von Studierenden ein, die gerne wüssten, ab wann die Änderungen gelten und ob sie ihre Lateinkurse zu Ende besuchen müssen. Studiendekan Müller Nielaba muss alle vertrösten: Noch ist nicht definitiv, dass die Lateinpflicht für die Germanistik tatsächlich aufgehoben wird. Die Fakultätsversammlung wird am kommenden Freitag, 18. November, über den Antrag entscheiden. Es gibt die Möglichkeit zum Referendum. Wird es nicht wahrgenommen, ist der Entscheid definitiv.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.11.2016, 21:24 Uhr

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