Ein neuer Bus, der für Behinderte nicht taugt

Die Stadt Zürich testet den Rufbus für kurze Strecken. Doch einen wichtigen Punkt hat sie vergessen.

Funktioniert das Rufbus-Angebot, wird es den Quartierbus mit der <nobr>Nummer 35</nobr> in Randzeiten ersetzen.

Funktioniert das Rufbus-Angebot, wird es den Quartierbus mit der Nummer 35 in Randzeiten ersetzen. Bild: Urs Jaudas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Idee überzeugt: Per App ordert der Fahrgast spontan den kleinen Bus. Wenige Minuten später hält dieser in der Nähe und fährt den Passagier an die idealste Haltestelle. Oder von dort nach Hause – ohne Aufschlag aufs ÖV-Ticket. Das tönt nach einer Dienstleistung, die zugeschnitten ist auf Menschen, die nicht mehr gut zu Fuss sind oder im Rollstuhl sitzen, sich aber dennoch unabhängig im öffentlichen Verkehr bewegen wollen.

Die Slogans für dieses «VBZ FlexNetz» verheissen Trendiges: «Innovativ», «dynamisch», «flexibilisiert» nennt die Stadt Zürich das neue Angebot. Sie will es demnächst in Albisrieden und Altstetten – insbesondere in den Gebieten Dunkelhölzi und Freilager – testen. 3 Millionen Franken wird der 18-monatige Versuch kosten. 200 virtuelle Haltekanten sind angedacht.

Wann ist ein Test ein Test?

Bloss ging bei all den zukunftsgerichteten Ideen ein Punkt vergessen: Die Busse sind für Menschen mit Mobilitätsbehinderung nicht geeignet. In der Weisung des Stadtrats ist von fünf Fahrzeugen mit umweltfreundlichem Antrieb die Rede. Von einem komfortablen und geräumigen Innenraum, von Sharing-Economy. Einen Passus zur Behindertengerechtigkeit der Fahrzeuge vermisst SP-Gemeinderat Joe A. Manser. Eine Nachfrage bei den VBZ bestätigte seinen Verdacht: Er, der im Rollstuhl sitzt, wäre vom Angebot ausgeschlossen. Die Busse sind nicht behindertengerecht. Für Manser stellt sich deshalb die Frage: «Ist es statthaft, in einem Testbetrieb ein gewichtiges Zielpublikum auszuklammern?»

So funktioniert das FlexNetz-Angebot. Grafik: Stadt Zürich

Ein Testbetrieb ist im Behindertengleichstellungsgesetz nicht explizit geregelt. Neue Bauten und auch Provisorien müssen dem Gesetz aber zwingend Rechnung tragen. Das gilt beispielsweise für das gut zweiwöchige Theaterspektakel. «Aus diesem Grund sehe ich nicht ein, weshalb diese Vorgaben bei einem eineinhalbjährigen Testbetrieb für einige Millionen Franken nicht beachtet werden sollen», sagt Manser. Zusammen mit der FDP und den Grünen hat er deshalb ein Postulat eingereicht, das ein Ersatzangebot für die Versuchsperiode fordert. Dieses hat der Gemeinderat diskussionslos dem Stadtrat überwiesen.

Autonome Fahrzeuge am Horizont

Für die Stadt stehen die Mobilitätsbedürfnisse der Fahrgäste im Vordergrund. Stadtrat Baumer schickt voraus, dass die Stadt im Bereich digitale Mobilitätssysteme am Ball bleiben und gerüstet sein müsse, wenn autonome Fahrzeuge in der Stadt zum Alltag gehörten. Mit dem Testverfahren wolle man evaluieren, welche Bedürfnisse es abzudecken gelte, wie das Fahrgastaufkommen sei und inwiefern sich digitale Plattformen für die Mobilität in der Stadt weiterentwickeln lassen. Das Pilotprojekt wird deshalb auch von der ETH wissenschaftlich begleitet.

Erst später kommt Michael Baumer auf die Busse zu sprechen. «Selbstverständlich ist es uns ein Anliegen, dass die Busse behindertengerecht sind», sagt er. Und fügt dann gleich an, dass die Busse, die man für den Test ins Auge gefasst habe, diese Anforderungen nicht erfüllen.

«Wir hätten wohl klarer formulieren sollen, dass es uns Behindertengerechtigkeit ein Anliegen ist.»Stadtrat Michael Baumer (FDP)

Baumer beschwichtigt aber. Man sei dabei, auch für die Testphase nach einer Lösung zu suchen. Die Stadt plant, zu diesem Zweck Busse der Behinderten Transport Organisation (BTZ) einsetzen. Dann sagt Baumer: «Wir hätten wohl klarer formulieren sollen, dass es uns Behindertengerechtigkeit ein Anliegen ist.»

Zwischen 20 Uhr und 1 Uhr nachts

Fragen wirft auch die Zeitspanne auf. Der Testbetrieb läuft zwischen 20 Uhr und 1 Uhr nachts. Das ist nicht unbedingt jene Zeit, die einem älteren, gehbehinderten Zielpublikum entspricht. Aus Sicht der Stadt bietet sich der Zeitpunkt an, weil dann der Fahrplantakt nicht mehr so dicht und die Quartierbusse schlecht ausgelastet sind. Baumer sagt: «Wir gehen davon aus, dass auch jüngere Personen und solche mit einem Sicherheitsgedanken das Angebot nutzen werden.»

Den Testbetrieb sollen die Quartierbewohner teilweise mitbestimmen. So sollen sie entscheiden, ob die bestehende Buslinie 35 in Randzeiten durch ein flexibilisiertes Angebot ersetzt werden soll.

Gemeinderat bewilligt Objektkredit

In der abendlichen Sitzung des Gemeinderats wurde über den Test diskutiert – und zwar ausgiebig. Die EVP hat sogar einen Rückweisungsantrag gestellt. Sie forderte, dass der Stadtrat innert sechs Monaten eine neue Weisung ausarbeitet, damit «VBZ FlexNetz» behindertengerecht gestaltet werden könne. Michael Baumer (FDP), Vorsteher der Industriellen Betriebe, sagte, man habe sehr wohl an Menschen mit einer Behinderung gedacht, doch es gebe noch keine entsprechenden Busse, die man für diesen Test einsetzen könnte. Man werde sich aber um eine Ersatzlösung bemühen. Der Rückweisungsantrag scheiterte trotz Unterstützung der SP mit 46 zu 74 Stimmen. Eine Mehrheit des Rats stimmte der Weisung zu und bewilligte den Objektkredit von 3 Millionen Franken.

Erstellt: 19.06.2019, 12:27 Uhr

Artikel zum Thema

Trotz Umbau: Central bleibt eine Zumutung für Gehbehinderte

Die Tramstation hätte behindertengerecht werden sollen – die Stadt hat ein entsprechendes Gesetz aber unterwandert. Mehr...

Die SBB planen nicht behindertengerecht

Auf der Gotthard-Basisstrecke könnten bald Züge verkehren, die gegen das Gesetz verstossen, weil sie nicht behindertengerecht sind. Der Bund will das verhindern, doch die SBB zeigen sich unbeeindruckt. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Kampf gegen das Aussichtslose: In Kalifornien versuchen die Feuerwehrleute immer noch das Ausmass der Buschfeuer einzugrenzen. (11. Oktober 2019)
(Bild: David Swanson) Mehr...