Der «Besetzer-Chic» bleibt

Die Stadt Zürich präsentiert ihre Baupläne für das umstrittene Koch-Areal in Albisrieden. Die beauftragten Genossenschaften lehnen sich an das Image des besetzten Areals an.

Die denkmalgeschützte Kohlenlagerhalle auf dem Koch-Areal wird in den geplanten Quartierpark integriert. Foto: Reto Oeschger

Die denkmalgeschützte Kohlenlagerhalle auf dem Koch-Areal wird in den geplanten Quartierpark integriert. Foto: Reto Oeschger

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Nun wird klarer, was auf dem besetzten Koch-Areal künftig entsteht: Die Stadt plant auf der 30'000 Quadratmeter grossen Fläche 370 Wohnungen für rund 1000 Menschen, ein Gewerbehaus für Werkhallen, Dienstleistungs- und Kulturbetriebe sowie ein Park so gross wie zwei Fussballfelder. Dieses Resultat einer vierjährigen Planungsphase haben die Stadträte Daniel Leupi (Grüne), André Odermatt (SP) und Filippo Leutenegger (FDP) gestern an einer Medienkonferenz präsentiert. Das Bauprojekt soll bis 2023 realisiert werden.

Den Zuschlag für die Realisierung haben die Baugenossenschaften ABZ und Kraftwerk 1 erhalten, den Gewerberaum wird die Immobilienfirma Senn entwickeln. Bis in einem Jahr ist der Architekturwettbewerb abgeschlossen. Das Zürcher Stimmvolk entscheidet spätestens im November 2018 über einen Objektkredit von 42 Millionen Franken. Dann wird es auch über die FDP-Initiative «Wohnen und Leben auf dem Koch-Areal» befinden. Diese fordert, dass die Stadt das Land an den meistbietenden Privaten für den Bau von Wohnungen verkauft. «Wird die Initiative angenommen, wird sie umgesetzt, gleichgültig ob der Vorschlag der Stadt angenommen wird oder nicht», sagt Stadtrat Leupi.

Die Initiative muss allerdings noch durch den Gemeinderat, und allenfalls wird sie von den Initianten auch noch zurückgezogen. Denn die FDP hatte sie im vergangenen Mai eingereicht, «um dem Stadtrat Beine zu machen», wie FDP-Präsident Severin Pflüger am Rande der Pressekonferenz sagt. Dieses Ziel habe man nun erreicht. Trotzdem hält er vorerst an der Initiative fest. Insbesondere weil der Vorschlag der Stadt Abschreibungen von 35 Millionen Franken zur Folge hätte.

Rund 23 Millionen Franken muss die Stadt wegen des geplanten Parks abschreiben. Stadtrat Leutenegger rechtfertigt das damit, dass es im Quartier heute zu wenig Grünraum habe. Mit dem Park kompensiere die Stadt den Wegfall der ursprünglich geplanten ­Erholungszone in der nahe gelegenen Überbauung Freilager, wo der Grünraum einer Schulhausanlage weichen musste. In dieser Anlage sollen dafür die Kinder zur Schule gehen, die einmal in die Überbauung auf dem Koch-Areal einziehen werden.

80 Prozent günstige Wohnungen

Ende 2013 kaufte die Stadt Zürich das Land der UBS für 70 Millionen Franken ab, nachdem das leer stehende Areal Monate zuvor besetzt worden war. Leupi weist den Vorwurf der FDP zurück, der Stadtrat habe zu lange gebraucht, um ein Projekt zu präsentieren: «Der Prozess ging nicht länger als sonst.» Ein Jahr nach dem Kauf startete der Stadtrat die konkrete Planung und führte bis im Herbst eine Machbarkeits- sowie eine Vertiefungsstudie durch. Unter anderem kam die Denkmalpflegekommission zum Schluss, eine ehemalige Kohlen­lagerhalle mit Holzdach sei schützenswert. Sie soll dereinst in den Park inte­griert werden. Bei einer Annahme der FDP-Initiative, müsse man von vorn ­beginnen, und der Prozess ginge noch länger, sagt Leupi.

Das Hauptargument der Stadt ist der grosse Anteil gemeinnütziger Wohnungen. 80 Prozent der 370 geplanten Wohnungen sind im Monat günstiger als 1500 Franken inklusive der Nebenkosten. Den Grossteil machen 3½-Zimmer-Wohnungen für eine Miete zwischen 900 und 1100 Franken aus. Einige der Wohnungen sollen für besonders einkommensschwache Familien noch zusätzlich von der Stadt subventioniert werden.

«Es soll weiter brodeln»

Wie sich die Baugenossenschaften das Projekt vorstellen, machen sie in ihrem Beschrieb klar. Ein «Dorfplatz im Stadtkreis» soll es werden, auf dem die Bewohner wohnen, aber auch ihre Freizeit verbringen und einkaufen. Die Überbauung wird die Vorgaben der 2000-Watt-Gesellschaft einhalten. Sie beziehen sich aber auch auf die heutige Situation: «Auf dem Koch-Areal soll es weiter brodeln», schreiben die Genossenschaften und schmücken sich damit mit dem «Besetzer-Chic», den das Areal heute für einige ausstrahlt.

In der Vergangenheit wurde mit weniger blumigen Worten über das Areal berichtet. Von «unhaltbaren Zuständen» war dabei – unter anderem auch im «Tages-Anzeiger» – die Rede. Der Hauptgrund waren zahlreiche Lärmklagen, die bei der Polizei eingegangen waren, weil auf dem Koch-Areal immer wieder Partys gefeiert wurden. Im Oktober 2016 übernahm Leupi das Dossier von Sicherheitsvorsteher Richard Wolff wegen Befangenheit. Gerüchte hatten sich erhärtet, Wolffs Söhne würden auf dem Areal verkehren. Zudem erliess der Stadtrat klare Regeln für die Besetzer. Diese werden offenbar nun eingehalten. Leupi zeigt sich zufrieden. In diesem Jahr seien lediglich acht bestätigte Lärmklagen eingegangen. «Die Regeln haben sich bewährt. Wir halten an der bisherigen Besetzerpolitik fest», sagt Leupi. Das bedeutet, die Besetzer dürfen weiterhin auf dem Areal bleiben, bis der Bau 2021 beginnt – «sofern sie sich weiter an die Regeln halten.»

Bis zum Baubeginn wird auch die Stadt das Areal nutzen. Neben Containern der Asylorganisation Zürich (AOZ) vermietet das städtische Raumbörse-Projekt in einzelnen Gebäuden auf dem Areal Ateliers an Jugendliche zwischen 12 und 26 Jahren. Ebenfalls bleiben kann der dritte Nutzer, der Zirkus Chnopf hat dort sein Winterlager.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.09.2017, 21:26 Uhr

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