Der Blick auf die Unsichtbaren

In Zürich leben 10 000 Sans-Papiers. Sie leben so unauffällig wie möglich. Eine Audio-Tour durch die Genossenschaft Kalkbreite gibt Einblicke in ihr Leben im Verborgenen.

Ex-Sans-Papiers Fany Flores (2. von rechts) auf dem Audio-Walk.

Ex-Sans-Papiers Fany Flores (2. von rechts) auf dem Audio-Walk. Bild: Thomas Egli

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Sie sind überall und doch nirgends. Jede 40. Person in der Stadt Zürich ist ein Sans-Papiers. Aber sie fallen nicht auf – weil sie auf keinen Fall auffallen dürfen. Sans-Papiers halten sich strikte an jede Regel, passen sich bis zur Selbstaufgabe an und verhalten sich so ruhig wie nur irgend möglich. Sie würden nie bei Rot über die Strasse gehen, denn dann droht eine Busse, eine Verhaftung, die Ausschaffung.

Nicht zuletzt aus diesem Grund – weil sich die rund 20 000 Papierlosen im Kanton Zürich so unauffällig wie möglich verhalten – will die Sans-Papiers-Anlaufstelle Zürich (SPAZ) mit einem Audio-Walk auf die aussergewöhnlichen Lebensumstände aufmerksam machen. Seit zehn Jahren betreuen die Mitarbeiter der SPAZ Migrantinnen und Migranten sowie abgewiesene Asylsuchende ohne geregelten Aufenthaltsstatus. Vor rund einem Jahr haben sie ihre neuen Büroräume in der Genossenschaft Kalkbreite bezogen. Dort findet auch der Audio-Rundgang statt.

Dabei erfährt man nicht nur Erstaunliches und Erschütterndes über den Alltag der Sans-Papiers, sondern gewinnt auch Einblicke in das Innere der Kalkbreite-Anlage.

Rundgang mit Kartonbrille

Beim Start des Rundgangs, dem SPAZ-Büro an der Kalkbreitestrasse 8, wird man erst einmal mit einer weissen Kartonbrille ausgerüstet – so erkennen die Bewohner, dass hier ein SPAZ-Gast unterwegs ist. Über eine App kann man die Audio-Datei aufs iPhone laden. Wer kein eigenes Gerät oder keine Kopfhörer hat, kann beides mieten. Der Rundgang dauert eine knappe Stunde und führt einen quer durch das Genossenschaftsgebäude. Die verschiedenen Einrichtungen, Räume und Läden im Haus werden als thematische Aufhänger für die Schilderungen rund um das Leben als Sans-Papiers genutzt.

So macht man beispielsweise vor dem Geburtshaus Delphys halt und wird dort über die schwierigen Umstände aufgeklärt, unter denen Papierlose ihre Kinder in der Schweiz zur Welt bringen müssen. Denn die Angst, ausgewiesen zu werden, ist selbst dann omnipräsent – zumal die Spitäler die Geburt eines Kindes jeweils den Behörden melden müssen.

Vor der Waschküche erhält man die Information, dass in jedem 17. Zürcher Haushalt eine Sans-Papiers arbeitet und dabei zwischen 500 und höchstens 2500 Franken im Monat verdient.

Beim Blick von der Dachterrasse des Gebäudes auf das angrenzende Schienenfeld erfährt man wiederum, weshalb Papierlose nur selten im Zug reisen: Seit dem Schengen-Abkommen finden Personenkontrollen nicht mehr nur in der Nähe der Grenzen statt, sondern können überall im Land durchgeführt werden. Für viele Sans-Papiers ist Bahnfahren daher ein allzu grosses Risiko.

Den öffentlichen Raum meiden

Generell vermeiden es Sans-Papiers, sich im öffentlichen Raum aufzuhalten. Sie pendeln so rasch wie möglich zwischen ihren Arbeitsstellen und ihrer Wohnung. «Ein Sozialleben hat man nicht. Man versteckt sich so rasch wie möglich zu Hause», sagt Fany Flores, die vor 13 Jahren als Papierlose aus Bolivien in die Schweiz kam. Sie flüchtete damals vor ihrem gewalttätigen Ehemann. «Ich war meines Lebens nicht mehr sicher», erinnert sie sich. Vier Kinder musste sie bei ihrer Mutter zurücklassen. Ihnen galt ihre ganze Sorge. «Ich wollte alles dafür tun, dass sie ein Dach über dem Kopf haben und eine gute Ausbildung erhalten.»

Die Angst als Dauerbegleiter

Das Leben im Verborgenen sei ungeheuer hart gewesen, sagt Flores. Vor allem der Umstand, dass sie die Sprache nicht verstand, machte ihr zu schaffen. «Ich konnte ja nicht einfach in eine Schule gehen und Deutsch lernen. Dann hätte man mich sofort entdeckt.» Diese Angst sei ihr ständiger Begleiter gewesen. Sogar heute hat Flores noch ein ungutes Gefühl, wenn sie irgendwo die Polizei sieht – obwohl sie vor drei Jahren geheiratet hat und damit über einen geregelten Aufenthaltsstatus verfügt.

Das Gefühl, nicht mehr in der Illegalität zu leben, sei unbeschreiblich, sagt Flores. «Als ich das erste Mal meinen Namen an der Wohnungstür gesehen habe, war das der glücklichste Augenblick meines Lebens.»

Die Audio-Rundgänge der Sans-Papiers-Anlaufstelle sind von Montag bis Donnerstag jeweils von 10 bis 17 Uhr möglich. Weitere Informationen sind erhältlich unter der Telefonnummer 043 960 87 77 oder unter www.sans-papiers.ch/zuerich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.09.2015, 09:04 Uhr

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Auch in der Schweiz kämpfen Sans-Papiers gemeinsam mit Unterstützungsgruppen seit Jahren für eine kollektive Regularisierung. Dabei konnten sie bereits erste Erfolge erzielen: Die Krankenkassen sind inzwischen dazu verpflichtet, Sans-Papiers zu versichern. (tif)

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