Dem Böögg lupfts den Zwingli-Hut

Am Sechseläuten sind zwei Dinge nicht wie sonst: Der Gast kommt aus dem Ausland und der Böögg trägt einen Hut, der es in sich hat.

500-Jahr-Jubiläum: Heute trägt der Böögg einen Hut wie Zwingli.

500-Jahr-Jubiläum: Heute trägt der Böögg einen Hut wie Zwingli. Bild: Urs Jaudas

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Gestern, beim Kinderumzug, schien der Böögg noch wie immer. Weiss, kompakt, Besen in der Hand, Fliege um den Hals, Pfeife im Mund und auf dem Kopf trug der 3,40 Meter hohe Geselle ein umgekehrtes Holzkörbchen.

Doch wenn es heute ernst gilt, erscheint er dieses Jahr mit Hut. Mit einem speziellen Hut. Zu Ehren Zwinglis wird er einen Schlapphut tragen, wie ihn der Zürcher Reformator Huldrych Zwingli offenbar zu tragen pflegte.

Porträt Ulrich Zwinglis von Hans Asper, etwa 1531

Und dem Böögg soll es heute Abend den Hut lupfen. Das ist die Idee eines ökumenisch aufgegleisten Projekts, das mit dieser Aktion startet. Sie wurde auf einer Zugfahrt zwischen Zürich und Bern geboren.

Grossmünsterpfarrer Christoph Sigrist diskutierte damals mit dem Zuger Kirchenratspräsidentn Rolf Berweger über die massgebende Bedeutung Zwinglis für Zürich. «Plötzlich war mit völlig klar, dass Zwingli in diesem Jubiläumsjahr in irgendeiner Form ans Sechseläuten gehört», erzählt Sigrist. Doch sollte das eben mehr als Folkore sein.

Böögg ausnahmsweise mit Kappe

Doch kam ein weiterer Gedanke dazu, der in dem wirbligen Grossmünsterpfarrer seit längerem gärt. Ihn ärgert, dass die Aktivitäten rund um das 500-Jahr-Jubiläum Zwinglis sich stark innerhalb der Kreise von Kunst, Kultur und Kirche bewegen und mit Ausnahme des Zwingli Films kein breites Publikum anspricht.

Max Simonischek im neuen Zwinglifilm. Bild: PD

«Mir lupfte es quasi den Hut darüber», sagte er. Und damit war der zweite Teil der Aktion geboren. Der Böögg soll den Zwingli-Hut tragen, und den soll es ihm lupfen. Er schaffte es, die Zunftmeisterversammlung für die Idee zu gewinnen, dass der Böögg ausnahmsweise mit einem zusätzlichen Kleidungsstück versehen wird.

«Die Verbindung zwischen Zwingli und den Zünften ist sehr eng», schreibt Victor Rosser, der Medienverantwortliche des Zentralkomitees der Zünfte Zürichs, heute früh in einer Medienmitteilung. «Ohne das entschlossene Mitgehen der Zünfte, die vor 500 Jahren die politische Macht in Zürich innehatten, hätte die Reformation kaum so rasch Erfolg gehabt.»

Zwingli steigt vom Sockel

Doch lupft es Zwingli nicht nur den Hut, er wird auch vom Sockel steigen. Das ist der dritte Teil des Projektes, das von allen drei Landes- sowie den Stadtkirchen mitgetragen werden.

Mindestens zwölf überlebensgrosse Figuren Zwinglis, die nach der Skulptur des Reformators, die vor der Wasserkirche steht, geformt werden, breiten sich zwischen August und November in der ganzen Stadt aus. Solche Zwinglis werden auch in den Aussenquartieren stehen und zu «Zwingli-Gsprööch» einladen.

«Dabei geht es num Themen mit gesellschaftlicher Ausrichtung unter dem Motto Em Zwingli lupft's de Huet», sagt Christoph Sigrist, der als Pfarrer am Grossmünster von Amtes wegen ein Nachfahre Zwinglis ist. Ihm selbst lupfe es den Hut, dass die Kirche nicht mehr in der Gesellschaft verankert sei. «Für Zwingli war das fundamental.

Zwingli mit Schwert vor der Wasserkirche. Bild: Urs Jaudas

Dass bei solchen Gesprächen Zwingli auch in die Kritik kommen kann, zeigt ein weiteres Beispiel, weshalb es Sigrist den Hut lupft: «Wir sind im Umgang mit Andersdenkenden noch nicht viel weiter gekommen als es Zwingli damals bei den Täufern war.»

Doch zurück zum Sechseläuten: Was hätte wohl der gestrenge Reformator von einem opulenten Fest wie dem Sechseläuten gehalten? «Er hätte seine Freude daran gehabt», ist Pfarrer Sigrist sicher. Zwingli sei gewiss regelmässig mit Zunftherren zu einem Trunk zusammengekommen und habe sich auch nicht gegen Volksfeste gesperrt. Tatsächlich hat das Volksfest für die Stadtheiligen Felix-und-Regula bis heute überdauert: als Knabenschiessen.

Spezialgast aus dem Elsass

Noch etwas hätte Zwingli bestimmt gutgeheissen: Die Freundschaft zu Strassburg. Mit einem solchen Schlapphut, wie ihn der Böögg heute trägt, dürfte der Zürcher Reformator 1529 auch in Strassburg aufgetreten sein.

Er machte auf dem Weg nach Marburg, wo er sich mit Luther zu einem Versöhnungsgespräch treffen sollte und endgültig zerstritt, vom 6. bis 18. September einen Zwischenhalt. Er wurde dort wie ein Held empfangen und predigte im Münster.

Ein Schwert als Geschenk

Damit sind wir bei der zweiten Besonderheit des diesjährigen Sechseläutens: Erstmals ist ein nicht-schweizerischer Ehrengast mit von der Partie: Strassburg. Bereits gestern am Kinderumzug nahm eine Delegationen aus Strassburg teil: Kleine Tänzerinnen, ein Kinderchor und eine Europa-Fahnen schwingende Delegation des Jugendrates. Heute wird die Elsässer Stadt noch präsenter sein. Auch auf dem Lindenhof ist Strassburg stark vertreten.

Die Stadt Strassburg soll Zwingli übrigens für die gefährliche Weiterreise ein Schwert mit dem Wappen von Strassburg geschenkt haben – ein solches hält ja auch die Zwingli-Statue vor der Wasserkirche in der Hand. Dieses trug er – wenigstens der Legende nach – auch bei seinem Tod 1531 in Kappel am Albis auf den Schlachtfeld.

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Erstellt: 08.04.2019, 07:14 Uhr

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