Apartments für Expats gefährden Zürcher Wohnraum

In Zürich gibt es mehrere Tausend möblierte Apartments für Business-Nomaden. Politiker warnen, dass sie Einheimische aus Wohnquartieren verdrängen.

Ein Boommarkt: Swiss-Star-Apartments im Kreis 4. Foto: Raisa Durandi

Ein Boommarkt: Swiss-Star-Apartments im Kreis 4. Foto: Raisa Durandi

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Anja Graf hatte im Alter von 21 Jahren den richtigen Riecher. Nachdem sie zuerst eine Modelagentur gegründet hatte, kaufte sie 1999 ein Haus an der Militärstrasse im Kreis 4. Ihre Idee: Leute, die sich nur kurz in Zürich aufhalten, wohnen in möblierten Apartments statt im Hotel. Dass dieses Geschäftsmodell funktioniert, hatte Graf gemerkt, als sie jeweils die von ihr engagierten Models irgendwo unterbringen musste.

Heute ist die von Graf gegründete Firma Vision Apartments nach eigenen Angaben der grösste Anbieter möblierter Apartments in Zürich. Über die ganze Stadt verteilt bietet Vision 600 Wohnungen an. Diese sind möbliert, haben einen Fernseher, eine ­Musikanlage und natürlich WLAN. Zum Service gehört, dass einmal die Woche die Bettwäsche gewechselt und das Apartment geputzt wird. Diese Annehmlichkeiten haben ihren Preis: Ein-Zimmer-Apartments gibt es ab 1780 Franken monatlich. Wer vier oder fünf Zimmer mietet, zahlt bis zu 9000 Franken pro Monat. Wer noch mehr Platz braucht und sich den ultimativen Luxus gönnen will, kann an der Scheideggstrasse in Wollishofen für monatlich 30'000 Franken gleich eine ganze Villa mieten.

Die Nachfrage nach solchen Wohnungen ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Der Markt in Zürich mache Vision Apartments «viel Freude», sagt Sprecher Alain Gozzer. Seit dem ­Beginn der Personenfreizügigkeit sei die Zahl qualifizierter Fachkräfte, die in ­Zürichs grossen internationalen Unternehmen arbeiten, stets nach oben gegangen. «Viele kommen für drei oder sechs Monate nach Zürich, arbeiten projektbezogen und brauchen dafür eine schnelle Wohnlösung», sagt Gozzer.

200 Studios am Giesshübel

Der Aufwand, eine entsprechende Wohnung zu suchen, sie zu möblieren und sich um einen funktionierenden Internetanschluss zu kümmern, ist vielen Arbeitsnomaden zu gross; sie sind aber bereit, dafür etwas mehr zu zahlen. Oft sind es zudem ihre Arbeitgeber, die für die Miete aufkommen. Im Vergleich zur Unterbringung ihrer Mitarbeiter im Hotel ist ein möbliertes Apartment noch immer der vorteilhaftere Deal. «Bei uns bekommen Sie im Idealfall von heute auf morgen eine vollwertig ausgestattete Wohnung mit allem, was man zum Leben braucht», sagt Gozzer.

Das Full-Service-Modell kommt bei den Expats so gut an, dass Vision Apartments 2013 direkt am Bahnhof Giess­hübel ein sogenanntes Flagship House mit 200 Apartments in einem Neubau eröffnete. Im letzten Jahr liess Anja Graf zudem ihr erstes Haus in der Militärstrasse umbauen und zusätzlich durch Büroräume und ein Fitnessstudio ergänzen. Neben der Stadt Zürich hat ihre Firma auch in Lausanne, Berlin, Wien und Warschau entsprechende Immo­bilien. Setzte die Firma im Jahr 2012 noch 16,1 Millionen Franken um, waren es 2015 bereits 27 Millionen.

Immer auf der Suche nach Apartments

Bis 2018 will die Firma die Zahl der Apartments in der Schweiz von heute 1000 auf 2000 Einheiten verdoppeln. In Genf, Lausanne, Vevey und Basel befinde sich jeweils eine Liegenschaft in der Entwicklungs- oder Bauphase, in Zürich sucht die Firma kontinuierlich nach Häusern, die sich für den Umbau zu Apartments auf Zeit eignen.

Die Firma ist nicht der einzige Anbieter auf dem Markt. Offizielle Zahlen über möblierte Apartments gibt es zwar nicht. Doch wer im Internet ein Zuhause auf Zeit sucht, findet rund ein Dutzend Anbieter; sie bieten ihre Wohnungen in allen Stadtquartieren an, selbst in Alt­stetten und Zürich-Nord weisen Schilder und Firmenlogos darauf hin.

Swiss Boarding House mit Sitz in Zug vermietet in Zürich rund 60 Wohnungen. PABS Residences bietet «Wohnkomfort und 5-Stern-Service» in mehr als 250 Wohnungen. Dazu gehören 3,5-Zimmer-Wohnungen im Seefeld für knapp 5000 Franken oder 2- und 2,5-Zimmer-Wohnungen für 3000 oder 3600 Franken in Unterstrass. Rechnet man das Angebot der grösseren Firmen zusammen, kommt man auf knapp 1600 Wohnungen. Hinzu kommen die Apartments kleinerer Anbieter, die jeweils zwischen 15 und 30 Studios bewerben.

Alle wollen expandieren

Der grösste Konkurrent von Vision Apartments ist Apartments Swiss Star AG, sie besitzt mehr als 700 Studios. Der Hauptsitz der Firma ist in Wangen, besonders viele Wohnungen bietet die Firma in Zürich-Nord sowie im Kreis 4 an. «Hier haben wir mehr als acht Häuser», sagt Geschäftsführer Shahin Ardabili, «der Kreis 4 ist gross im Kommen.» In der Morgartenstrasse baut die Firma in einem ihrer Gebäude derzeit das Erdgeschoss für eine Pizzeria aus, über weitere Häuser verfügt sie in der Dienerstrasse, der Aemtlerstrasse und der ­Badenerstrasse.

In der Militärstrasse soll bald ein ­weiteres Haus mit 20 Wohnungen hinzukommen. Ein Swiss-Star-Haus in der Anwandstrasse findet sich auf Tripadvisor und anderen Buchungsplattformen auch als Guest House oder Lodge. Die Übergänge zwischen Tourismus und Wohnen auf Zeit sind bei Swiss Star Apartments fliessend. Man kann nur für ein paar Nächte buchen oder auch drei Monate in einer Wohnung bleiben.

Papeterie-Inhaberin erhielt die Kündigung

Das Geschäft der 2004 gegründeten Firma läuft laut Geschäftsführer Ardabili so gut, dass zu den 700 Wohnungen bald 300 weitere hinzukommen sollen. Langfristig will die Firma laut Ardabili gar 2000 Apartments im Portfolio haben. Entsprechend aktiv ist die Firma, wenn es darum geht, weitere Liegenschaften aufzukaufen.

Niklaus Scherr, der für den Kreis 4 und die AL im Zürcher Gemeinderat sitzt, beobachtet die Immobilienkäufe der Betreiber von Business-Apartments mit Skepsis. Er führt Buch über die Immobilien, die an solche Firmen verkauft werden: Allein Unternehmer Ueli Kobelt, der bei Swiss Star Apartments einen Verwaltungsratsposten bekleidet, hat in den letzten Jahren über seine Firma Agensa Familia gemäss Scherrs Aufzeichnungen in Aussersihl mehr als zehn Häuser gekauft. Als Kobelt 2012 die Liegenschaft in der Kernstrasse 24/26 erwarb, erhielt die Inhaberin des Ladens im Erdgeschoss die Kündigung. Anstelle der Papeterie solle dort eine Reception für das Swiss-Star-Geschäft einziehen, teilte Kobelt der Inhaberin mit. Anwohner der Brauerstrasse berichten, dass Kobelt dort weitere Häuser erwerben will. Der Betreiber der Zucchero-Bar in der Brauerstrasse hat nach dem Kauf der Liegenschaft durch Kobelt bereits die Kündigung erhalten.

AL fordert eine Regulierung

Um zu verhindern, dass normale Wohnungen durch Business-Apartments verdrängt werden, hat Niklaus Scherr 2009 im Gemeinderat eine dringliche Motion eingereicht. Darin fordert der AL-Politiker, dass Artikel 6 der Bau- und Zonenordnung so ergänzt wird, dass Zweitwohnungen, Business-Apartments und Hotels nicht auf die Wohnanteilsfläche angerechnet werden. Der Stadtrat hat dies 2012 mit der Begründung abgelehnt, dass für eine solche Vorschrift die kantonale gesetzliche Grundlage fehle. Im Zuge der laufenden Überarbeitung der BZO ist der Vorstoss in der zuständigen Kommission noch immer hängig.

Scherrs Sorge um die Verdrängung von Wohnraum durch «nomadisches und touristisches Gelegenheitswohnen» wird im Gemeinderat von der SP geteilt. «Die Gefahr, dass die normale Wohn­bevölkerung durch solche Wohnnutzungen das Nachsehen hat, ist gross», sagt SP-Fraktionspräsident Davy Graf. Business-Apartments im Quartier haben für Graf ähnlichen Charakter wie die Umnutzung von Wohnraum durch den Vermietungsservice Airbnb. «In Städten wie Barcelona sieht man, was passiert, wenn diese Wohnformen in Quartieren Überhand nehmen», sagt Graf. Wenn die einheimische Wohnbevölkerung verdrängt werde, «leiden die Identifikation und das Engagement für das Quartier». Die Zürcher SP-Nationalrätin Jacqueline Badran stört sich schon lange an den möblierten Wohnungen, deren Zahl im Seefeld «beängstigende Dimensionen» annehme. «Die Business-Apartments nehmen Menschen, die dauerhaft hier leben, den zahlbaren Wohnraum weg», sagt sie. Zudem gingen der Stadt Steuern verloren, weil die Bewohner auf Zeit hier meist nicht steuerpflichtig seien. Für Badran ist das ein «No-Go».

Die Quartiere leiden

Der Mieterverband Zürich findet die steigende Zahl der möblierten Apartments ebenfalls beunruhigend. «Jede Umwandlung eines Wohnhauses in ein Apartmenthaus vernichtet dringend benötigten Wohnraum», sagt Verbandssprecher Walter Angst, der für die AL im Gemeinderat politisiert. «Die Quartiere leiden, wenn Wohnungen nicht mehr von Leuten genutzt werden, die hier ihre Existenz haben und die Nachbarschaft beleben», sagt Angst.

Die Bürgerlichen im Gemeinderat fühlen sich von den Business-Apartments weniger gestört. Michael Baumer (FDP), der Präsident der Kommission zur Bau- und Zonenordnung (BZO), geht davon aus, dass die Apartments «allenfalls in einzelnen Quartieren gehäuft vorkommen». Um zu beurteilen, ob sie dort zum Problem werden, fehlten ­jedoch statistische Daten. In den Augen von Anna Schindler, der Direktorin der Stadtentwicklung, haben die Apartments keine negativen Auswirkungen auf die Quartierentwicklung – daher sehe sie auch keinen Handlungsbedarf. Man behalte die Sache jedoch im Auge.

Erstellt: 14.09.2016, 22:30 Uhr

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