Der Buchhalter Gottes

Ernst Sieber hat nichts von Zahlen verstanden, aber alles von Menschlichkeit. Ein Nachruf.

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Ernst Sieber war kein guter Buchhalter. Weil Soll und Haben in seinen Büchern einfach nicht aufgehen wollten, stand seine Stiftung 2005 kurz vor dem Ruin. Nicht dass Sieber etwas Unrechtmässiges getan hätte, Gott bewahre! Keinen Rappen hätte er je für persönliche Zwecke abgezweigt. Doch im Dschungel der Buchhaltung seines immer grösser werdenden Sozialwerks kam er sich vor wie ein Eisbär in der Wüste. Zahlen waren ganz einfach nicht seine Sache.

Wie auch hätte Ernst Sieber die Geheimnisse der doppelten Buchführung kennen sollen? 1927 in Horgen geboren, wurde er später Knecht bei einem Bauern aus Hirzel. Seine erste Gemeinde waren die Tiere im Stall, die seinen mit Inbrunst vorgetragenen Predigten mehr oder weniger andächtig folgten. Später holte er die Matura nach und studierte Theologie. 1956 stand er als frisch geweihter Pfarrer erstmals auf der Kanzel der Kirche in Uitikon-Waldegg. Fortan pflegte er vor Menschen zu predigen. Die letzten 25 Jahre bis zu seiner Pensionierung als Pfarrer in der Gemeinde ­Zürich-Altstetten.

Er ging auf den Platzspitz

Uitikon und sein Pfarrer entwickelten sich gegensätzlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde aus dem Bauerndorf dank des Wirtschaftswunders eine reiche Vorstadtgemeinde. Sieber hingegen zog es zu den Armen. Als im Winter 1963 der See zufror und die Obdachlosen in Zürich wegen der Eiseskälte sich in akuter Todesgefahr befanden, handelte er. Kurzerhand nahm er den städtischen Bunker beim Helvetiaplatz in Beschlag und verwandelte ihn in ein Obdachlosenheim. «Manchmal braucht es Ungehorsam, um im Leben weiterzukommen», sollte er später dazu sagen.

Der Obdachlosenbunker war keine Eintagsfliege, sondern der Beginn der Karriere von Ernst Sieber als nationaler Armen- und Obdachlosenpfarrer. Der einstige Knecht war nun nicht nur theologisch geschult, er verfügte auch über ein beträchtliches schauspielerisches Talent und eine nicht zu unterschätzende Portion Eitelkeit. Mit seinem Hang zur Theatralik wäre er gerne Schauspieler geworden. Er liebte es, seine christliche Botschaft in einfache Worte zu kleiden, sodass alle ihn verstanden. Virtuos setzte er dazu sein Holzkreuz ein. «Man muss die manchmal etwas trockenen Dogmen den Menschen schmackhaft machen», pflegte er zu sagen.

«Manchmal braucht es Ungehorsam, um im Leben weiterzukommen.»Ernst Sieber

Seine Inszenierungen waren zugleich sein Erfolgsrezept, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Das begann bei seiner Kleidung – sein Markenzeichen waren sein Schlapphut und sein Schal –, führte über sein Holzkreuz und hörte bei spektakulären Auftritten auf. Als es während der Jugendunruhen zu einer gefährlichen Eskalation zwischen Demonstranten und der Polizei auf der Quaibrücke in Zürich kam, stellte sich Sieber mit einem Esel zwischen die Fronten und beruhigte beide Seiten. Als Fernsehpfarrer, der regelmässig das «Wort zum Sonntag» sprach, wurde er auch ausserhalb Zürichs zum Begriff.

Seine Karriere als Armen- und Obdachlosenpfarrer begann in den 60er-Jahren. Ihren Höhepunkt erreichte sie in den 80er-Jahren. Eine fehlgeleitete Drogenpolitik hatte Zürich zuerst den Platzspitz und später das Lettenareal beschert, zwei Orte, die weltweit als Drogenhölle galten. Sieber beklagte sich nicht darüber, sondern begab sich mitten in diese Hölle hinein. Er hatte keine Berührungsängste. So war er einer der Ersten, die sich um diese Menschen in ihrem Elend kümmerten. In der von ihm gegründeten sozialmedizinischen Krankenstation Sune-Egge an der Konradstrasse fanden sie medizinische Versorgung und menschliche Wärme.

Siebers politisches Experiment

1991 suchte Sieber sein Glück auf einer neuen Bühne. Als Kandidat der Evangelischen Volkspartei bewarb er sich für den Nationalrat – und wurde mit einem Glanzresultat gewählt. Als Politiker wollte er seine christliche Überzeugung in die Tat umsetzen. «Wo bleiben unsere Werte wie Freiheit, Menschenrechte und Menschenwürde, wenn die Spannweite zwischen Arm und Reich immer grösser wird?», fragte er. Doch wie mit der Buchhaltung kam er mit den Spielregeln der Politik nie wirklich klar. Nach nur einer Amtszeit beendete er sein Experiment und widmete sich wieder voll der Erweiterung seiner Sozialwerke.

Für sein ausserordentliches Lebenswerk erhielt er noch zu Lebzeiten Anerkennung von vielen Seiten. Im September 2013 verlieh ihm die Stadtpräsidentin das Staatssiegel in Form einer Ehrenmedaille. Für seine unbestrittenen Verdienste bis ins höhere Alter stehen auch die Ehrendoktorwürde der Theologischen Fakultät in Zürich und der vor wenigen Monaten überreichte Lifetime Award vom «Beobachter».

Optimistische Heiterkeit war ein Merkmal Siebers. Er, der so viel Elend gesehen und gelindert hatte, liess sich davon nicht unterkriegen. Auch im hohen Alter blitzte der Schalk aus seinen Augen. Anlässlich seines 90. Geburtstages empfing er Journalisten gleich reihenweise, machte Witze und dozierte im wahrsten Sinn des Wortes über Gott und die Welt. Er wusste auch genau, wem er sein Glück zu verdanken hatte: seiner Frau Sonja, mit der er vier eigene und vier Pflegekinder grossgezogen hatte. «Ohne Sonja wäre das alles nicht möglich gewesen», wiederholte er immer wieder.

180 Mitarbeiter

Dank Sonja und Ernst Sieber ist ein Sozialwerk entstanden, das in der Schweiz seinesgleichen sucht. Heute umfasst die Stiftung Sozialwerk Ernst Sieber fast zwei Dutzend Angebote und Einrichtungen wie Sune-Egge, Pfuusbus, Nemo, Brot-Egge, Ur-Dörfli, Brothuuse und wie sie alle heissen. Unter der Leitung von Pfarrer Christoph Zingg arbeiten heute rund 180 Mitarbeitende für diese Institutionen. Sie verwalten ein Budget von 22 Millionen Franken und können auf jährliche Spenden von rund 7 Millionen Franken zurückgreifen.

Ein beachtliches Erbe eines Mannes, der nie gelernt hat, Soll und Haben zu unterscheiden. Oder wie es Martin Werlen, der ehemalige Abt von Einsiedeln ausdrückt: «Pfarrer Sieber ist ein Mensch, der nicht in Zahlen denkt, sondern in Menschen.»


Videos: Ernst Siebers legendäre TV-Auftritte

Der Obdachlosen-Pfarrer nutzte das Fernsehen geschickt für seine Botschaften. Video: Tamedia

Aus dem Spital für Drogensüchtige

Anekdoten und Wünsche aus dem «Sune-Egge» für Pfarrer Ernst Sieber zum 90. Geburtstag. Video: Lea Blum

Prix Courage Lifetime Award für Pfarrer Sieber

Der Zürcher setze sich sein ganzes Leben für Menschen in Not ein. Video: Tamedia/SDA

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.05.2018, 21:11 Uhr

Erinnerungen an Pfarrer Sieber

Corine Mauch, Stadtpräsidentin
«Erstmals fiel mir Ernst Sieber auf, als er an den 80er-Unruhen auf einem Esel zwischen Polizei und Demonstrierenden hindurchritt. Da zeigte sich sein Talent für Symbole. Persönlich lernten wir uns 2013 kennen, als die Stadt sein Lebenswerk auszeichnete. Wie viele mochte ich ihn sofort. Seither besuchte ich mehrmals seine Weihnachtsfeiern im Marriott, wo alle kommen können. Die Stimmung dort ist unglaublich. Auch seine Energie und Herzlichkeit beeindruckten mich.»

François Loeb, früherer Nationalratskollege
«Wenn Pfarrer Sieber im Nationalrat ans Rednerpult trat, klappte er oft ein grosses Kreuz auf. Das beeindruckte mich, ebenso sein Humor. Er konnte gut lustige Geschichten erzählen. Jene von einem Mann etwa, der sich ihm im Zug gegenübersetzte, ihn nicht erkannte und sich dann laut über diesen ‹Lööli-Pfarrer Sieber› beklagte.»

Monika Stocker, Zürcher Sozialvorsteherin 1994–2008
«Als ich das Sozialdepartement leitete, haben wir Ernst Sieber immer wieder finanziell unterstützt. Er leistete Grossartiges für Aidskranke und Drogensüchtige. Aber bürokratische Abläufe und Vorgaben mochte er gar nicht, das machte die Zusammenarbeit manchmal schwierig. Einmal kam er zu mir und rief: «Engel Monika!» Ich: «Wie viel willst du?» Er: «800 000. So viel ist mein Einsatz für Zürich locker wert.» Recht hatte er, aber natürlich konnte ich ihm das Geld nicht einfach geben. Heute hat sich seine Stiftung stark professionalisiert. Er war nicht immer glücklich über dieses Korsett. Ich verstehe das, die spontane Grüsszügigkeit fällt so weg. Und darin war er unschlagbar. In der Zeit, als ich im Amt attackiert wurde, kam er mit einem grossen Strauss in mein Büro.»

Christoph Sigrist, Pfarrer am Grossmünster
«Als ich ein Kind war, öffnete Ernst Sieber den Helvetiabunker, um Obdachlosen vor den kalten Wintern zu schützen. Mein Vater half ihm dabei. Ich sehe ihn noch vor mir: in einer Hand die Bibel, an der anderen einen Obdachlosen. Sein Vorbild lehrte mich drei Dinge: Kirche ist politisch und findet draussen statt auf der Gasse. Zweitens: Hilfe haben alle verdient, egal, ob Christ, Muslim oder Atheist. Drittens geht es immer darum, eine Gemeinschaft zu bilden.»


Daniel J. Schüz, Journalist, Autor von «Begegnungen mit Ernst Sieber»
«Die von Ernst Sieber wenig geliebte Stiftung beauftragte mich, eine Biografie über ihn zu schreiben. Sieber war skeptisch, unser Verhältnis während der Recherchen gespannt. Just in jener Zeit lag meine Mutter todkrank im Spital in Männedorf. In ihrer letzten Nacht gab es an der Goldküste keinen Pfarrer, der frühmorgens nach Männedorf eilen konnte. Da rief ich Ernst Sieber an. Ich wusste, dass er immer das Handy neben dem Bett liegen hatte. Bis heute ist es mir unerklärlich, wie er es mit seinem VW Golf innert 35 Minuten von Uitikon-Waldegg nach Männedorf schaffte. Meine Mutter war zehn Minuten zuvor verstorben. Sieber nahm meine Hand, die meiner Partnerin, die meiner toten Mutter und sagte: ‹Es ist nicht zu spät, spürt ihr nicht, dass sie noch da ist?› Das brachte Trost und Versöhnung. Wenns ‹as Läbige goot›, konnte man sich auf ihn verlassen.»

Paul Wellauer, Pfarrer Bischofszell, früher Seelsorger bei den Sozialwerken Pfarrer Sieber (SWS)
«Schon während meines Studiums habe ich für Sieber gearbeitet. Er lebte das, was er sagte. Bedürftigkeit erkannte er sofort, Berührungsängste hatte er keine. Er war auch ein Kommunikationstalent. In den Konfirmationslagern, in die ich ihn begleitete, führte er am letzten Abend jeweils Schnitzelbänke auf, in denen er die Teilnehmer hochnahm. Er tat das präzise, aber stets liebevoll.»

Ernst Danner, EVP-Gemeinderat und Mitglied des SWS-Patronatskomitees
«Ernst Sieber hat sehr fromm gepredigt. Bei anderen Pfarrern hätte mich das gestört. Bei ihm aber klang alles glaubwürdig. Denn er hat umgesetzt, was er forderte. Von Buchhaltung oder Verkehrsregeln hielt er hingegen nicht so viel. Auch dies konnte man ihm nicht wirklich übelnehmen – trotz mancher Bussen. Das lag daran, dass er nie etwas für sich selber machte, sondern sich stets für seine Visionen einsetzte. Ich bin einmal mit ihm Auto gefahren. Das ging bestens, die Stimmung war angenehm. Er mochte auch ‹Bürokraten› wie mich.»
Aufgezeichnet von Beat Metzler

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