Zum Hauptinhalt springen

Der Buchhalter Gottes

Ernst Sieber hat nichts von Zahlen verstanden, aber alles von Menschlichkeit. Ein Nachruf.

Pfarrer Sieber wird von der Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch für sein Lebenswerk geehrt (2013).
Pfarrer Sieber wird von der Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch für sein Lebenswerk geehrt (2013).
Walter Bieri, Keystone
Sieber mit Obdachlosen vor dem Pfuusbus (2012).
Sieber mit Obdachlosen vor dem Pfuusbus (2012).
Alessandro Della Bella, Keystone
Mit einem Patienten im Aidsspital Sune-Egge (2004).
Mit einem Patienten im Aidsspital Sune-Egge (2004).
Keystone
1 / 4

Ernst Sieber war kein guter Buchhalter. Weil Soll und Haben in seinen Büchern einfach nicht aufgehen wollten, stand seine Stiftung 2005 kurz vor dem Ruin. Nicht dass Sieber etwas Unrechtmässiges getan hätte, Gott bewahre! Keinen Rappen hätte er je für persönliche Zwecke abgezweigt. Doch im Dschungel der Buchhaltung seines immer grösser werdenden Sozialwerks kam er sich vor wie ein Eisbär in der Wüste. Zahlen waren ganz einfach nicht seine Sache.

Wie auch hätte Ernst Sieber die Geheimnisse der doppelten Buchführung kennen sollen? 1927 in Horgen geboren, wurde er später Knecht bei einem Bauern aus Hirzel. Seine erste Gemeinde waren die Tiere im Stall, die seinen mit Inbrunst vorgetragenen Predigten mehr oder weniger andächtig folgten. Später holte er die Matura nach und studierte Theologie. 1956 stand er als frisch geweihter Pfarrer erstmals auf der Kanzel der Kirche in Uitikon-Waldegg. Fortan pflegte er vor Menschen zu predigen. Die letzten 25 Jahre bis zu seiner Pensionierung als Pfarrer in der Gemeinde ­Zürich-Altstetten.

Er ging auf den Platzspitz

Uitikon und sein Pfarrer entwickelten sich gegensätzlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde aus dem Bauerndorf dank des Wirtschaftswunders eine reiche Vorstadtgemeinde. Sieber hingegen zog es zu den Armen. Als im Winter 1963 der See zufror und die Obdachlosen in Zürich wegen der Eiseskälte sich in akuter Todesgefahr befanden, handelte er. Kurzerhand nahm er den städtischen Bunker beim Helvetiaplatz in Beschlag und verwandelte ihn in ein Obdachlosenheim. «Manchmal braucht es Ungehorsam, um im Leben weiterzukommen», sollte er später dazu sagen.

Der Obdachlosenbunker war keine Eintagsfliege, sondern der Beginn der Karriere von Ernst Sieber als nationaler Armen- und Obdachlosenpfarrer. Der einstige Knecht war nun nicht nur theologisch geschult, er verfügte auch über ein beträchtliches schauspielerisches Talent und eine nicht zu unterschätzende Portion Eitelkeit. Mit seinem Hang zur Theatralik wäre er gerne Schauspieler geworden. Er liebte es, seine christliche Botschaft in einfache Worte zu kleiden, sodass alle ihn verstanden. Virtuos setzte er dazu sein Holzkreuz ein. «Man muss die manchmal etwas trockenen Dogmen den Menschen schmackhaft machen», pflegte er zu sagen.

«Manchmal braucht es Ungehorsam, um im Leben weiterzukommen.»

Ernst Sieber

Seine Inszenierungen waren zugleich sein Erfolgsrezept, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Das begann bei seiner Kleidung – sein Markenzeichen waren sein Schlapphut und sein Schal –, führte über sein Holzkreuz und hörte bei spektakulären Auftritten auf. Als es während der Jugendunruhen zu einer gefährlichen Eskalation zwischen Demonstranten und der Polizei auf der Quaibrücke in Zürich kam, stellte sich Sieber mit einem Esel zwischen die Fronten und beruhigte beide Seiten. Als Fernsehpfarrer, der regelmässig das «Wort zum Sonntag» sprach, wurde er auch ausserhalb Zürichs zum Begriff.

Seine Karriere als Armen- und Obdachlosenpfarrer begann in den 60er-Jahren. Ihren Höhepunkt erreichte sie in den 80er-Jahren. Eine fehlgeleitete Drogenpolitik hatte Zürich zuerst den Platzspitz und später das Lettenareal beschert, zwei Orte, die weltweit als Drogenhölle galten. Sieber beklagte sich nicht darüber, sondern begab sich mitten in diese Hölle hinein. Er hatte keine Berührungsängste. So war er einer der Ersten, die sich um diese Menschen in ihrem Elend kümmerten. In der von ihm gegründeten sozialmedizinischen Krankenstation Sune-Egge an der Konradstrasse fanden sie medizinische Versorgung und menschliche Wärme.

Siebers politisches Experiment

1991 suchte Sieber sein Glück auf einer neuen Bühne. Als Kandidat der Evangelischen Volkspartei bewarb er sich für den Nationalrat – und wurde mit einem Glanzresultat gewählt. Als Politiker wollte er seine christliche Überzeugung in die Tat umsetzen. «Wo bleiben unsere Werte wie Freiheit, Menschenrechte und Menschenwürde, wenn die Spannweite zwischen Arm und Reich immer grösser wird?», fragte er. Doch wie mit der Buchhaltung kam er mit den Spielregeln der Politik nie wirklich klar. Nach nur einer Amtszeit beendete er sein Experiment und widmete sich wieder voll der Erweiterung seiner Sozialwerke.

Für sein ausserordentliches Lebenswerk erhielt er noch zu Lebzeiten Anerkennung von vielen Seiten. Im September 2013 verlieh ihm die Stadtpräsidentin das Staatssiegel in Form einer Ehrenmedaille. Für seine unbestrittenen Verdienste bis ins höhere Alter stehen auch die Ehrendoktorwürde der Theologischen Fakultät in Zürich und der vor wenigen Monaten überreichte Lifetime Award vom «Beobachter».

Pfarrer Ernst Sieber ist am Samstag, 19. Mai 2018, verstorben. Laut seiner Familie ist er friedlich eingeschlafen.
Pfarrer Ernst Sieber ist am Samstag, 19. Mai 2018, verstorben. Laut seiner Familie ist er friedlich eingeschlafen.
Pascal Bloch, Keystone
Pfarrer Ernst Sieber in jungen Jahren. Aufgewachsen ist er in Horgen.
Pfarrer Ernst Sieber in jungen Jahren. Aufgewachsen ist er in Horgen.
Privatarchiv
Für sein Lebenswerk wurde Ernst Sieber mit dem «Prix Courage Lifetime Award» ausgezeichnet (17. November 2017).
Für sein Lebenswerk wurde Ernst Sieber mit dem «Prix Courage Lifetime Award» ausgezeichnet (17. November 2017).
Ennio Leanza, Keystone
1 / 13

Optimistische Heiterkeit war ein Merkmal Siebers. Er, der so viel Elend gesehen und gelindert hatte, liess sich davon nicht unterkriegen. Auch im hohen Alter blitzte der Schalk aus seinen Augen. Anlässlich seines 90. Geburtstages empfing er Journalisten gleich reihenweise, machte Witze und dozierte im wahrsten Sinn des Wortes über Gott und die Welt. Er wusste auch genau, wem er sein Glück zu verdanken hatte: seiner Frau Sonja, mit der er vier eigene und vier Pflegekinder grossgezogen hatte. «Ohne Sonja wäre das alles nicht möglich gewesen», wiederholte er immer wieder.

180 Mitarbeiter

Dank Sonja und Ernst Sieber ist ein Sozialwerk entstanden, das in der Schweiz seinesgleichen sucht. Heute umfasst die Stiftung Sozialwerk Ernst Sieber fast zwei Dutzend Angebote und Einrichtungen wie Sune-Egge, Pfuusbus, Nemo, Brot-Egge, Ur-Dörfli, Brothuuse und wie sie alle heissen. Unter der Leitung von Pfarrer Christoph Zingg arbeiten heute rund 180 Mitarbeitende für diese Institutionen. Sie verwalten ein Budget von 22 Millionen Franken und können auf jährliche Spenden von rund 7 Millionen Franken zurückgreifen.

Ein beachtliches Erbe eines Mannes, der nie gelernt hat, Soll und Haben zu unterscheiden. Oder wie es Martin Werlen, der ehemalige Abt von Einsiedeln ausdrückt: «Pfarrer Sieber ist ein Mensch, der nicht in Zahlen denkt, sondern in Menschen.»

----------

Videos: Ernst Siebers legendäre TV-Auftritte

Der Obdachlosen-Pfarrer nutzte das Fernsehen geschickt für seine Botschaften. Video: Tamedia

Aus dem Spital für Drogensüchtige

Anekdoten und Wünsche aus dem «Sune-Egge» für Pfarrer Ernst Sieber zum 90. Geburtstag. Video: Lea Blum

Prix Courage Lifetime Award für Pfarrer Sieber

Der Zürcher setze sich sein ganzes Leben für Menschen in Not ein. Video: Tamedia/SDA

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch