Der Chinagarten bröckelt wieder

Die Ziegeldächer im chinesischen Tempelgarten im Seefeld müssen für 1,5 Millionen Franken saniert werden. Das ist bereits die zweite teure Reparatur dieses Geschenks aus Kunming.

Die Ursache der Schäden liegt in der Konstruktion des Dachs. Diese soll aber nicht verändert werden. Foto: Urs Jaudas

Die Ursache der Schäden liegt in der Konstruktion des Dachs. Diese soll aber nicht verändert werden. Foto: Urs Jaudas

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Es ist ein teures Geschenk: Die Doppeldeutigkeit von «teuer» – sowohl wertvoll als auch kostspielig – passt genau zum Chinagarten. Im Rahmen ihrer Städtepartnerschaft schenkte die chinesische Millionenstadt Kunming der Zürcher Bevölkerung einst einen Tempelgarten mit dem Namen «Drei Freunde im Winter» – einen der ranghöchsten Gärten ausserhalb Chinas.

Ausserhalb Chinas fand auch ein Grossteil der Finanzierung statt, nämlich in der Stadt Zürich. 4 Millionen Franken musste die Stadt für den Bau der Anlage auf der Blatterwiese aufwenden. 1994 wurde der Garten mit seinen Pavillons, Teichen, Brücken, Felsen und Gewächsen eröffnet, doch schon vier Jahre später kamen weitere 1,4 Millionen Franken hinzu für den Ersatz aller 150'000 Ziegel.

Schäden grösser als erwartet

Die Ziegel hielten dem Zürcher Frost nicht stand, waren also alles andere als «Freunde im Winter». In Kunming im Südwesten Chinas ist es wärmer als in Zürich; die Ziegel dort müssen kein Eis aushalten, was damals im Rausch der Städtepartnerschaft weder die Zürcher noch die Kunminger bedacht hatten. Die 165 Tonnen Ersatzziegel kamen dann aus der Nähe von Peking, wo ein raueres Klima herrscht.

Doch auch diese Ziegel bröckeln – und zwar schlimmer als anfangs gedacht. 1,5 Millionen Franken hat der Stadtrat kurz vor den Sommerferien für die Sanierung bewilligt, nachdem die für die Gartenpflege zuständige Dienstabteilung Grün Stadt Zürich anfangs von 710'000 Franken ausgegangen war. Doch die ersten Reparaturarbeiten im Herbst 2015 brachten zutage, dass die Schäden grösser sind als zuerst angenommen. Die Ursache liegt laut Stadtrat in der Konstruktion: Die Dachziegel sind nicht lose und überlappend verlegt, sondern fest eingemörtelt. «Im Klima, wie es Kunming kennt, ist diese Konstruktion bewährt, aber in Zürich, das im Winter Zeiten mit starkem Frost und viel Feuchtigkeit kennt, erscheint die Kon­struktion als ungeeignet.»

Reparaturen verschwiegen

Diese Erklärung kommt einem doch bekannt vor: Die klimatischen Unterschiede mussten schon vor 20 Jahren für die Schäden an den Ziegeln herhalten, jetzt hält die Konstruktion unserem Winter nicht stand. Interessant an den jüngsten Ausführungen des Stadtrats ist, dass das damalige Debakel mit den Ziegeln gar nicht erwähnt wird. Vielmehr suggeriert eine Formulierung, der Chinagarten werde zum ersten Mal richtig repariert: «Die Ziegeldächer des mittlerweile 23-jährigen Chinagartens bei der Blatterwiese müssen instandgestellt werden.» Gewiss, die heute zuständigen Stadträte Filippo Leutenegger (Tiefbau/Gärten) und André Odermatt (Hochbau) waren damals noch nicht im Amt.

Auch wenn die Ursache der Schäden in der Konstruktion liege, komme eine völlig andere Konstruktion nicht infrage, da der Zürcher Chinagarten einer der ranghöchsten Gärten ausserhalb Chinas sei, schreibt der Stadtrat. Doch würden moderne Baustoffe verwendet wie etwa ein Spezialmörtel mit besserer Haftung. Glasur und Fugen werden erneuert, beschädigte Ziegel aus Lagerbeständen ersetzt. Die neuerliche Dachsanierung begann im Herbst 2015 und sollte im Herbst 2017 abgeschlossen sein. Der Garten ist derzeit offen, steht aber wegen der Bauarbeiten nicht für Veranstaltungen und Fotoaufnahmen zur Verfügung.

Städtepartnerschaft abgekühlt

Der Chinagarten in der Nähe des Zürichhorns wird jedes Jahr im Schnitt von 31'500 Leuten besucht, im Winter ist er trotz seines Namens geschlossen. Mit den «Drei Freunden im Winter» sind eben keine Menschen gemeint, sondern die kälteresistenten Föhre, Bambus und Winterpflaume.

Deutlich abgekühlt im Vergleich zu den 80er- und 90er-Jahren ist heute auch die Städtepartnerschaft. Zürich beriet Kunming in Fragen der Stadtentwicklung, insbesondere zur Mobilität, Nachhaltigkeit, zum Klimaschutz oder baulichen Erbe. Besuche von Vertretern der Stadt zusammen mit Wirtschaftsdelegationen gibt es immer noch, doch die Finanzierung liegt heute beim Bund.

Zweifel am Sinn dieser Partnerschaft gibt es im Zürcher Stadtparlament schon lange. Im vergangenen März hat der Gemeinderat ein Postulat der Grünliberalen überwiesen, das den Stadtrat auffordert, zu prüfen, ob die bestehenden Partnerschaften – neben Kunming ist es San Francisco – noch zeitgemäss seien in einer Zeit der stark gestiegenen Vernetzung und Mobilität.

Erstellt: 02.08.2017, 21:30 Uhr

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