Bei Manor läuft der Countdown

Ende Januar ist Schluss, doch noch herrscht im Warenhaus an der Bahnhofstrasse Hochbetrieb. Die Mitarbeitenden erleben derweil ein Wechselbad der Gefühle.

Hektik statt Lädele: Der Räumungsverkauf im Manor lockt die Massen an.

Hektik statt Lädele: Der Räumungsverkauf im Manor lockt die Massen an. Bild: Fabienne Andreoli

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Ein seltsames Phänomen lässt sich derzeit im Manor an der Bahnhofstrasse beobachten. Sobald eine Person vor einem Gestell, einer Kleiderstange oder Vitrine stehen bleibt, bildet sich ein Rudel um sie herum. Dann wird geschubst, gewühlt, gezogen. Filialleiterin Marion Heinzle lächelt bei dem Anblick und sagt: «Sie sehen hier Schnäppchenjagd in Reinkultur.»

Schnäppchenjagd in Reinkultur. Bild: Fabienne Andreoli

Im Manor an der Bahnhofstrasse läuft der Countdown. «Noch 13 Tage Totalräumungsverkauf» steht auf einem grossen, roten Plakat im Schaufenster. Bei Türöffnung um neun Uhr stürmten bereits eine ganze Anzahl von Kundinnen und Kunden in das Warenhaus. Die Angestellten waren zuvor schon fleissig, haben Gestelle aufgefüllt und für Ordnung an den zahlreichen Kleiderständern gesorgt.

Jetzt, nachmittags um 14 Uhr, ist die Ordnung dahin. Kleiderbügel und Blusen liegen am Boden, ein Koffer kippt um, als eine Frau mit grosser Handtasche auf dem Weg zum nächsten Schnäppchen die Kurve schneidet. Sie dreht sich nicht einmal um, geht einfach weiter. Eine Verkäuferin eilt herbei, richtet alles wieder her. Marion Heinzle sagt: «Wir kommen mit Aufräumen nicht mehr nach.»

Die Mitarbeitenden kommen mit dem Aufräumen nicht mehr nach. Bild: Fabienne Andreoli

Manchmal, wenn es kein Durchkommen mehr gibt, etwa zwischen Parfüm- und Bijouterieabteilung, geht sie hin und ruft mit ruhiger Stimme: «Bitte weitergehen, bitte nicht stehen bleiben.» Auch schon musste aus Sicherheitsgründen die Rolltreppe abgestellt werden. Es sei ein seltsames Gefühl zwischen Freude über die vielen Kunden und Trauer über den Abschied von diesem Team und diesem Haus, das sie bei diesem Anblick erfasse, sagt sie.

Als «zwiespältig» bezeichnet auch Patrick Husi die Gemütslage, in der er sich befindet. Husi arbeitet in der Abteilung Papeterie und Spielwaren. Dort sind mittlerweile ganze Bereiche mit rot-weissen Bändern abgesperrt. Dahinter klaffen leere Regale.

Leer gekauft: Ganze Bereiche sind abgesperrt. Bild: Fabienne Andreoli

«Es freut uns natürlich, wenn wir viel verkaufen», sagt der junge Mann. Doch rücke eben auch der Abschied immer näher. «Wir haben bis zum Schluss gehofft, dass es noch eine Einigung gibt.»

Traurig sind auch viele Stammkunden. Marion Heinzle erzählt von einer älteren Frau, die sie, in Tränen aufgelöst, fragte, wo sie denn künftig einkaufen soll. Als die Schliessung bekannt wurde, gab es zahlreiche Anrufe von Menschen, die durch die Nachricht aufgeschreckt wurden. «Manche machten auch konkrete Vorschläge, in welches Gebäude wir ziehen könnten.»

Die Anfänge: Die Liegenschaft Bahnhofstrasse 75 wurde 1899 als Kaufhaus Brann erstellt. Architekt: Otto Pfleghard. Bild: PD

Es ist trotz der vielen Menschen, die unablässig in das Warenhaus strömen, nicht laut. Zu hören ist nur ein stetes Raunen. Schnäppchenjagd ist eine ernste Angelegenheit, bei der Konzentration gefragt ist. Umso schriller erscheint das Piepsen.

Immer und immer wieder dieses Piepsen, weil Kunden und Kundinnen mit noch bechipster Ware bei den Rolltreppen durch die Sicherheitsschleusen laufen. Er habe nur an eine andere Kasse gehen wollen, weil oben die Schlange zu gross sei, versichert ein Mann, der ganz rote Ohren bekommen hat. Die Situation ist ihm sichtlich peinlich.

Schlangen bei den Kassen. Bild: Fabienne Andreoli

Die Filialleiterin zeigt auf ein wandhohes Gestell, in dem nur noch vereinzelte Duvetbezüge liegen. Bei Ladenöffnung war das noch voll. Der Räumungsverkauf sei eine logistische Herkulesaufgabe und minutiös durchgeplant, damit die Kundschaft bis zum letzten Tag noch Waren vorfindet.

Manche Artikel, die zum Basissortiment gehören, werden allerdings in andere Filialen gebracht. Dazu gehören etwa Lego, einige Papeterieartikel oder etwa Pfannen von Kuhn-Rikon.

Filialleiterin Marion Heinzle in der fast leeren Bettenabteilung. Bild: Fabienne Andreoli

Am begehrtesten sind Artikel aus der Haushaltsabteilung. «Das hat uns sehr überrascht», sagt Marion Heinzle. Darin unterscheide sich dieser Räumungsverkauf auch ganz deutlich von den üblichen Ausverkäufen, wo es in erster Linie um Modeartikel gehe.

«Die Menschen kaufen jetzt bei uns Alltagsdinge, die sie immer wieder brauchen. Oder etwa eine Haushaltsmaschine, die sie sich schon lange wünschten, aber nicht leisten konnten.Wir sind eben ein Warenhaus für die breite Bevölkerung.»

Hektik statt ‹Lädelestimmung›

Eine Verkäuferin schiebt eine Kleiderstange mit Blusen durch die Menge. Bevor sie an ihrem Ziel angekommen ist, greifen zwei junge Frauen einzelne Stücke heraus, schauen, ob die passende Grösse vorhanden ist. Auch die Kundschaft sei anders als üblich, sagt Heinzle. Es seien deutlich mehr junge Menschen als sonst im Manor unterwegs.

«Die Stimmung ist viel hektischer als sonst», fährt sie fort. Nicht nur wegen der vielen Menschen. «Sonst herrscht an Samstagen eher gemächliche ‹Lädelestimmung›. Da geht es mehr ums Schlendern als ums Kaufen.»

Volle Rolltreppen: Sie mussten aus Sicherheitsgründen auch schon abgestellt werden. Bild: Fabienne Andreoli

Wie gehen die Mitarbeitenden damit um, dass sie in dieser belastenden Situation noch mehr Stress bei der Arbeit haben? Und dies nach der anstrengenden Weihnachtszeit? Laut Marion Heinzle arbeiten derzeit viele Aushilfen, oft Studierende, die über zusätzliche Einsätze froh sind.

Unter den fest angestellten Mitarbeitenden sei vor allem Wehmut zu spüren. Und bei jenen, die noch keine Anschlusslösung haben, natürlich auch Ungewissheit über die Zukunft.

Zur Post oder ins Altersheim

Manche Mitarbeitenden arbeiten seit Jahrzehnten im Manor an der Bahnhofstrasse. «Man ist ja auch ein bisschen stolz auf eine Stelle an diesem Ort», sagt Patrick Husi. Er wird nach Basel versetzt, ins Hauptgeschäft an der Rheinbrücke. Es gebe aber auch Kolleginnen und Kollegen, die nun etwas ganz anderes machten, erzählt er. Jemand geht zur Post, jemand hat in einem Altersheim geschnuppert.

Marion Künzle wird bald schon das Manor-Warenhaus in Schaffhausen übernehmen. Doch für sie ist am 31. Januar noch nicht Schluss. Es gebe voraussichtlich noch rund 150’000 Artikel zu verschieben, sagt sie.

Zuvor aber beschäftigt sie vor allem der schwere Abschied von den Mitarbeitenden, der bereits eingesetzt hat. Beim letzten Händedruck hört sie immer wieder denselben Satz. «Denk an mich, wenn dann in der Zürcher Innenstadt wieder ein Manor aufgeht.»

Erstellt: 19.01.2020, 17:14 Uhr

Auf Stellen- und Standortsuche

Was Geschäftsleitung, Mitarbeitende und auch die Zürcherinnen und Zürcher lange Zeit nicht glauben konnten oder wollten, ist Ende Monat Realität: Der Manor an der Bahnhofstrasse schliesst. 1984 wurde er als Vilan an diesem prominenten Ort eröffnet. Es handelt sich um das Deutschschweizer Flaggschiff der grössten Warenhausgruppe des Landes.

Regionaldirektor Stephan Boeger spricht von einer «grossen Trauer» darüber, dass die Schliessung trotz grosser Bemühungen nicht abgewendet werden konnte. Sechs Jahre dauerten die juristischen Streitereien mit der Eigentümerin Swiss Life. Knackpunkt war der Mietzins, der verdreifacht werden sollte. Vor vier Monaten warf Manor das Handtuch. «Unbezahlbar», hiess es damals. Auch der Versuch, die Liegenschaft für mehr als eine halbe Milliarde plus hundert Millionen für Renovation und Umbau zu kaufen, scheiterte.


Regionaldirektor Stephan Boeger. Bild: PD

Betroffen von der Schliessung sind 290 Manor-Mitarbeitende und 190 Angestellte eingemieteter Firmen. Laut Boeger haben derzeit gut fünfzig Prozent eine interne oder externe Anschlusslösung. Die Schliessung kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt, da Manor im Rahmen einer unternehmensweiten Umstrukturierung Stellen abbaut. So schliesst er Ende April die Filiale in Bachenbülach.

«Wir lassen in unseren Bemühungen aber nicht nach», versichert Boeger. «Dabei erleben wir eine grosse Solidarität – auch von direkten Konkurrenten.» Ein besonderes Augenmerk habe man auf die älteren Mitarbeitenden gelegt. «Für fünf von sieben über Sechzigjährigen haben wir eine Lösung. Und eine Mitarbeiterin geht frühzeitig in Pension.»

Mit Hochdruck sei man auch daran, einen neuen Standort in der Zürcher Innenstadt zu suchen. Die Ansprüche sind hoch: Mindestens 5000 Quadratmeter an einer hoch frequentierten Lage. Spruchreif ist noch nichts. «Wir sind derzeit mitten in den Verhandlungen.» Gleichzeitig beschäftigt Direktor Boeger noch ein anderes Projekt: «Ein grosses Abschiedsfest, um uns bei unseren Mitarbeitenden zu bedanken.» (net)

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